laut.de-Kritik

Thirty Seconds To Mars mit besseren Melodien und weniger Pathos.

Review von

Sieben Sekunden lang spielen Bring Me The Horizon auf "Amo" tatsächlich Metalcore. "No this ain't heavy metal", schreit Oli Sykes hier, kurz nachdem Rahzel "Heavy Metal" als Beatbox-Tapete genutzt hat. Es mag "a kid on the 'gram in a Black Dahlia tank" sehr erzürnen, doch die Briten sind endgültig im Pop aufgegangen. Und das ist gut so: Ihr sechstes ist vielleicht ihr stärkstes Album, ganz sicher aber ihr variantenreichstes.

Schon beim Vorgänger "That's The Spirit" schabten Bring Me The Horizon die Grenze zwischen Alternative Rock und Pop sehr lichtdurchlässig. Doch gerade rückblickend merkt man, wie dominant dabei noch die Saiteninstrumente waren und wie "häufig" Sykes noch screamte. Lee Malia (Gitarre) und Matt Kean (Bass) wirken zwar auch auf "Amo" in fast jedem Song mit, oft jedoch in verfremdetem Klang oder als Hintergrundkulisse, sodass man sich schon anstrengen muss, die Gitarre herauszuhören.

Gerade damit verschaffen Bring Me The Horizon jedoch dem von Jordan Fish (der das Album gemeinsam mit Sykes auch produzierte) an Keyboard und Synthesizern dominierten Klangraum viel Tiefe. Durch "Mother Tongue" wehen verwaschen-warme Dreampop-Tremolos als Counterpart zu EDM-Chords. Matt Nicholls am Schlagzeug sorgt für klar umrissene Beats. Er verfällt dabei aber nie in monotones Gestampfe, sondern begünstigt mit kleinen Fills, Variationen und abwechslungsreichen Rises den Drive der Songs. Dazu setzt er wirkungsvolle Pausen.

Auch ihretwegen bleiben die Stücke sozusagen ständig in Bewegung. Ausgenommen die beiden relativ straighten Rocknummern "Mantra" und "Wonderful Life" (mit Dani Filth), die auf vertrautem Gitarre/Bass/Drums-Fundament stehen, und der pumpenden Synth-Rave-Nummer "Nihilist Blues" (mit Grimes) zeichnen "Amo" Arrangements aus, in denen kaum eine Klangfarbe flächendeckend Verwendung findet.

Bring Me The Horizon fügen vielmehr ständig Neues hinzu, nehmen anderes aber auch wieder weg. Wie ein Organist zieht die Band ständig verschiedene Register. Bei "In The Dark" schielen Bring Me The Horizon lange gen Ed Sheeran, werfen im Refrain eine Heavy-Gitarre ein, lassen die Titelzeile als FX-Loop zirpen und Synthese wabern, zwischendurch sprechsingt Sykes nur zu einem spartanischen Beat. Trotzdem steht am Ende ein stimmiger, stabiler und vor allem eingängiger Song, kein Durcheinander.

Der Leim in all dem ist Sykes. Der hat gewiss nicht die machtvollste aller Singstimmen. Er hat auch nicht den größten Tonumfang außerhalb des Gutturalen. Aber er weiß genau, wie er sie einsetzen muss, um seinen Ausdruck zu maximieren. Streicher und Explosionen pushen ihn in "Mother Tongue". Bei "Why You Gotta Kick Me When I'm Down" erhöht er die Wirkung des eher ruhigen Hauptmotivs mittels einem der sehr wenigen Scream-Parts auf dem Album. Vor allem beweist er ein Händchen für Hooks.

Schon in der Vergangenheit deuteten Bring Me The Horizon an, das sie in der Lage sind, Melodien für Stadien zu schreiben ("Sleepwalking", "Throne", "Avalanche"). Jetzt liefert Sykes solche am Fließband. Klammert man erneut "Nihilist Blues" aus, das mit eiskalten Synths und gespenstischen Grimes-Vocals zu düster und experimentell fürs Formatradio ausfällt, taugen sämtliche Refrains für euphorische Fanchöre.

Gleichförmigkeit umschifft Sykes genau wie der Rest der Band dabei jederzeit. Letztlich gleicht kein Song auf "Amo" dem anderen. Wohl auch, weil das Album deshalb auf manchen wahrscheinlich unzusammenhängend wirkt, haben Bring Me The Horizon drei größtenteils elektronische Interludes eingebaut, die der Platte als Kapiteltrenner ein wenig mehr Struktur geben.

Wobei auch hier neue Facetten auftauchen: "I Apologize If You Feel Something" klingt wie ein Hybrid aus One Republic und Lydmor, "Ouch" ist hektischer Drum'n'Bass mit Synth-Saxofon, und "Fresh Bruises" schreit mit drückendem Bass nach der Dunkelheit eines heruntergekommenen Tanzbunkers.

Vielleicht kommt gerade ihre Vergangenheit in musikalisch gänzlich anderen Gefilden Bring Me The Horizon nun zugute. Inzwischen haben sie sich so weit von ihrem einstigen Sound wegbewegt, dass sie wirklich alles machen können, ohne sich allzu überraschte Blicke einzufangen. Klar, die Ausverkauf-Rufe werden ob der offensichtlichen Popnummern kommen, das ist aber nun wirklich nichts Neues mehr.

Wenn ihr mich fragt, kommt "Amo" künstlerischer Freiheit wesentlich näher als ein reines Deathcore-Album. Wenn zu Bring Me The Horizons Vorstellung von künstlerischer Freiheit gehört, manchmal wie Thirty Seconds To Mars zu klingen, bitteschön! Solange sie wie auf "Amo" Thirty Seconds To Mars mit besseren Melodien, dynamischeren Arrangements, weniger Pathos und Theatralik darstellen, sollen sie das ruhig öfter tun.

Trackliste

  1. 1. I Apologise If You Feel Something
  2. 2. Mantra
  3. 3. Nihilist Blues
  4. 4. In The Dark
  5. 5. Wonderful Life
  6. 6. Ouch
  7. 7. Medicine
  8. 8. Sugar Honey Ice & Tea
  9. 9. Why You Gotta Kick Me When I'm Down?
  10. 10. Fresh Bruises
  11. 11. Mother Tongue
  12. 12. Heavy Metal
  13. 13. I Don't Know What To Say

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7 Kommentare

  • Vor 8 Monaten

    Ging mir fast identisch, mittlerweile höre ich das Album den ganzen Tag rauf und runter. Die letzten 3 Alben waren einfach phänomenal.

  • Vor 8 Monaten

    Habe das Debüt vor vielen Jahren gehört, danach kein weiteres. Bei "amo" dachte ich mir: Hören wir mal wieder rein.
    Leider kann ich mit dem Album nichts anfangen. Bands reden gerne über Weiterentwicklung - für mich klingt das Album nach Orientierungslosigkeit. Wie der Schreiber der Rezession in seiner Kritik auf 30 Seconds To Mars kommt erschließt sich mir auch nicht - egal ob man die jetzt besser oder schlechter findet - ist die einzige Parallele für mich die Anzahl der Silben im Bandnamen.

  • Vor 8 Monaten

    Hab erst gedacht, es wäre von einer neuen Band die sich zufällig "Bring me horizon" genannt hat.

    Album ist 0 meins, leider :/