laut.de-Kritik

Liebesbrief aus der Schweiz.

Review von

"Mich kann keiner lieben", konstatierte Sophie Hunger noch vor ein paar Monaten auf "Halluzinationen" und suchte künstlerische Zuflucht im Imaginären. Liebe zu geben hat sie aber durchaus noch – so viel, dass sie damit im neuen Lied "Putsch" sogar das Kaff Rapperswil zum Paradies zaubert und zusammen mit Faber und Dino Brandão (Frank Powers) eins der schönsten Werke des Jahres abliefert: Einen Liebesbrief ans Gegenüber, ans Alltägliche, an die Musik, an die Schweizer Mundart, für Dich.

"Ich Liebe Dich" ist ein Album, das es ohne die COVID-19-Pandemie wohl nie gegeben hätte. Eines, das in seinem Gefühl die momentan wohl von vielen verspürte Sehnsucht nach Nähe ausdrückt. Und es ist eines, das vollkommen unabhängig von diesem Umstand existieren kann. Wo andere Künstler die Krise wie einen Orden herumschleppen und sich in projizierter Deepness verheddern, machen Brandão Faber Hunger auf dem eigentlichen Werk keinerlei Aufhebens darum. Taylor Swift gelang dieses Kunststück in ähnlicher Manier.

Die Idee zum Album entstand spontan, als Faber und Brandão Hunger im Frühling 2020 nach geplatzten Tourplänen zu einem gemeinsamen Radiokonzert einluden. Nach ersten Jams in der Wohnung der beiden Herren versammelte sich das Trio wenig später in der Zürcher Roten Fabrik, wo es an Liedern arbeitete und schließlich auch drei unter Corona-Auflagen veranstaltete Konzerte spielte. "Selbst-ironische Schwermut, die Verteidigung der Leidenschaft und die Autorität der Hingabe schimmert durch ihre Schweizerdeutschen Texte, oft von allen Stimmen gemeinsam getragen", stand im Eventkalender. "Die drei Cantautori begleiten sich dabei selbst an ihren akustischen Gitarren."

Diesen schlichten Kern übertrugen die drei auf das Album. Statt großer Geste regiert auf "Ich Liebe Dich" die Schlichtheit. Alle zwölf Stücke würden als Soloperformances funktionieren, alle wurden entsprechend von jeweils einem Autor komponiert: je vier Songs von Faber, Hunger und Brandão stehen auf der Platte, immer abwechselnd in dieser Reihenfolge gelistet. Sie instrumentieren sparsam, effektiv: Akustische Gitarre im Vordergrund, dazu etwas Piano, unaufdringliche Drumbeats und verirrte E-Gitarren. In einigen Songs vervollständigen sanfte Streicher-Arrangements, Farfisa, Hammondorgel und Mellotron die Klanggemälde. So tanzen sie mal Walzer ("Dr Hunger Wird Schlimmer"), mal Tango ("E Nacht A De Langstrass") und genießen Freiheit zwischen Chanson, Indie, Folk und dank Hungers noisigem Gitarrensolo in "Eis Hämmer Immer No Gno" ein bisschen Artrock.

Das Herz von "Ich Liebe Dich" bilden, so facettenreich wie die besungene Thematik, die Stimmen seiner Protagonisten. Faber eröffnet mit rauem, ungestümem Organ, singt vom "Brennen", später gibt er den brummelnden Realisten, der nach Irrwegen schließlich im Unscheinbaren seine Erfüllung gefunden hat. "Dis Gsicht isch so neutral wie d'Schwiiz / Und das gfallt mer a dir", nuschelt er in "Mega Happy".

Hunger pflegt eher melancholischen, immer leicht belegten Tonfall und träumt gern. Ihr Paradies mag zwar laut "Putsch" metaphorisch in "Rapperswil" liegen, doch vor dieser Erkenntnis wird fantasiert und man bekommt wundervolle Zeilen wie diese: "Möged d'Alpe sich geniere / Möged d'Ratte ois regiere […] / D'Füchs im Wald sich sälber frässe / Es wär ganz schlimm und doch wärs gliech / Ich liebe Dich" ("Ich Liebe Dich, Sophie"). Brandão zärtelt mit verspieltem Charme und dringt anders als seine beiden Kollegen in theatralische Gefilde vor. "Ich Liebe Dich, Dino" sticht als gesanglicher Höhepunkt heraus. Als herrlicher Kontrapunkt zu seinen schnörkeligen Melodien kommen Verse vom "Fudispalt".

Im abschließenden, von Brandão geschriebenen "Derfi Di Hebe", teilt das Trio anders als in den übrigen Liedern den Leadgesang gleichberechtigt auf, sodass sich die einzigartige Harmonie der ungleichen Stimmen zum Ende hin noch einmal neu entfaltet. Gemeinsam transportieren die drei Schweizer Ausnahmemusiker das gewisse Etwas, das ein besonderes Album ausmacht. Und gerade weil sie auf "Ich Liebe Dich" so unaufdringlich agieren, rücken sie besonders nah. Ein Album zum Liebhaben – auch, sollte die umstandsbedingte Romanze letztlich nur von kurzer Dauer sein. Es wär ganz schlimm und doch wärs gliech, denn "Ich Liebe Dich" bleibt.

Trackliste

  1. 1. Ich Liebe Dich, Faber
  2. 2. Putsch
  3. 3. Wäge Dem
  4. 4. Hoffnigslos Hoffnigslos
  5. 5. Ich Liebe Dich, Sophie
  6. 6. Euse Rosegarte
  7. 7. Mega Happy
  8. 8. Dr Hunger Wird Schlimmer
  9. 9. Ich Liebe Dich, Dino
  10. 10. E Nacht A De Langstrass
  11. 11. Eis Hämmer Immer No Gno
  12. 12. Derfi Di Hebe

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4 Kommentare mit 6 Antworten

  • Vor 2 Monaten

    Bäh. So wenig sie sich das selbst laut Songtext vorstellen kann und so sehr ich die Künstlerin und im deutschen TV vielmals als einzigartig bockig-kantig selbstinszenierte Medienpersönlichkeit lieben gelernt habe - aber wahre Liebe heißt halt auch, nicht jeden Kinkerlitz mitzumachen, seiner Liebe aber zumindest den Freiraum zu lassen, sich selbst darin zu versteigen, wenn sie es gerade für sich braucht...

    ...und wenn das für Sophie im Corona-Griff u.a. bedeutet, ausgerechnet zusammen mit Faber und diesem anderen Kerl da den großen Kanton auf Retardeutsch und mit leidlich inszenierter Lagerfeuerromantik aus dem Sommercamp Mordor zu bezirzen, dann soll sie ruhig mal ohne mich machen, bis es wieder realistische Perspektiven auf Solo-Live-Erfahrungen gibt.

  • Vor 2 Monaten

    Großartige Platte ! Danke dafür an alle Beteiligten! Und gerne mehr davon in der Art !

  • Vor einem Monat

    Zwiespältige Sache in meinen Ohren: geniale Soundstimmungen und Melodien, aber auch banale und missratene Passagen. Vor allem die Texte von Faber sind teilweise plakativ. Erstaunlich für mich, wie stark Sophie Hunger mit ihren Gesangs-Melodiebögen und der Dynamik die Stimmung der CD prägt.
    Insgesamt spannend und gut.

  • Vor einem Monat

    Super Album! Da ist 2020 zum Ende hin tatsächlich noch ein echtes Highlight für mich erschienen.
    Ich mag alle drei Künstler, hab alle drei schon einzeln live gesehen und wäre im Sommer in Zürich beim Auftritt sehr gern dabei gewesen! Muss super gewesen sein.