laut.de-Kritik

Die Mittdreißiger geben sich einen Tick adult-orientierter.

Review von

Wie schwierig die postmoderne Vielfalt eine überdauernde Einordnung von Popmusik macht, zeigte vor kurzem der Beschluss des intellektuellen Musikmagazins Spex, auf die herkömmliche Plattenkritik zugunsten eines multiperspektivischen "Pop-Briefings" zu verzichten. Die Direktive lautet nun, mehrere Sichtweisen zu einem Thema zulassen, auszuleuchten und den (mutmaßlich überkommenden) wertenden Daumen im kommunikativen Austausch zu sublimieren.

Ganz ähnlich sägt die Postmoderne am Thron der traditionellen Verrisskultur, wenn ehemals klassische Feindbilder heuer wieder zum Verhandlungsgegenstand werden. Vor einigen Jahren lösten sich beim Popschreiber noch Reflexe, sah er ein so explizit auf weiche, maskuline Attraktivität vertrauendes Albumcover wie das vorliegende.

Innerhalb von Sekundenbruchteilen konnte er alle negativen Idiome des Boybandtums rekapitulieren (Castingprodukt! Fremdbestimmung! Zielgruppenfixierung! antifortschrittliche Pophaltung!) und hatte sein Vernichtungsurteil sogar ohne Hörprobe zur Hand. Und heute?

Hat der elitäre Kitzel des Kritikers, seinem Leser solcherlei Angriffsflächen aufzuzeigen, vielerorts doch stark nachgelassen. Anprangern was in der Vergangenheit schon ausführlich ausverhandelt wurde, macht oft einfach keinen Spaß mehr, trägt die Redundanz einer längst zuende gedachten Endlosschleife in sich. Weshalb auch wir uns mit einigen Fakten zum Boyzone-Comeback bescheiden.

1. Initiiert man eine Castingformation explizit als "irische Antwort auf Take That", und feiert das Vorbild nach vielen Jahren ein außerordentlich erfolgreiches Comeback, liegt es auf der Hand, dass das irische Unternehmen alsbald nachzieht. Keating: "Take That waren der Zuckerguss auf dem Kuchen der Entscheidung, es wäre Zeit für eine Wiedervereinigung. Wir sind uns sehr bewusst, wie gut Take That sind, und wir wissen, dass wir damit gleichziehen müssen."

2. "Brother" liefert auch den alternativen Überbau eines Tributs der verbleibenden Bandmitglieder an den 2009 verstorbenen Stephen Gately. Dessen Gesang ist auf dem Eröffnungs- und im Schlussstück zu hören.

3. Musikalisch hat sich seit dem 1999er Drittwerk "By Request" fast gar nichts verändert. Die herkömmlichen Piano- und Gitarrenballaden sind nach wie vor um die starke Stimme von Ronan Keating herum konstruiert. Ähnlich der Take That-Reunion geben sich die Mittdreißiger nun einen Tick adult-orientierter im Sound.

4. Songwriterisch ist ebenfalls wenig zu kritisieren. Gemessen am Anspruch, dem Rundfunkhörer im Hinterkopf zu bleiben, verdienen insbesondere die ersten drei Songs Erwähnung. Sie bieten Balladenpop nahe an der Perfektion – die Autoren (Mika, New Radicals-Sänger Gregg Alexander) haben hervorragende Arbeit geleistet.

5. Als Albumband funktionieren Boyzone auch 2010 nur bedingt. Der Summe eingängiger bis sehr guter Songs geht nach halber Spielzeit erwartungsgemäß die nötige Dramaturgie ab.

Trackliste

  1. 1. Gave It All Away
  2. 2. Love Is A Hurricane
  3. 3. Ruby
  4. 4. Too Late For Hallelujah
  5. 5. Seperate Cars
  6. 6. One More Song
  7. 7. Right Here
  8. 8. Nothing Without You
  9. 9. 'Til The Sun Goes Down
  10. 10. Time
  11. 11. Let Your Wall Fall Down
  12. 12. Stronger

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