laut.de-Kritik

Hat auch jeder das Schwarzlicht eingeschaltet?

Review von

Musik ist ein seltsamer Ort, abseits der Zeit. Während wir uns starr hindurch bewegen, springt sie hin und her, ist Hier, Vergangenheit und Zukunft. Sie lebt in der vierten Dimension, und während mancherorts Menschen Future Funk, Florida-Trap oder K-House feiern, tanzen andere in dunklen Kellerräumen, von deren Decken der Schweiß tropft, auf ewig zu Depeche Mode, Joy Division, Anne Clark und L'Âme Immortelle eine mitten im Raum stehende Säule an.

Boy Harsher peilen seit ihrem Debüt "Yr Body Is Nothing", dem nun "Careful" folgt, die letztgenannte Region an. Mit den 1980ern und dem Wiederaufkommen dieser Zeit in den 2000ern sind sie gleich einer doppelten Vergangenheit verpflichtet. Ihr von alten Synthesizerklängen getragenes Output ist kalt, düster und abweisend. Als tanze man zu Brutalismus.

Jae Matthews spricht mehr, als sie singt, klingt dabei wie eine Annie Lennox auf Valium. Augustus Muller lotet währenddessen in den Arrangements den schmalen Grad zwischen Monotonie und Abwechslung aus. Dass sich beide auf der Filmschule kennen lernten, fließt deutlich in ihre Musik ein: eine packende Mischung.

Gleich im sich zögerlich aufbauenden Opener "Keep Driving", mehr spannungsgeladenes Intro als Song, scheint Boy Harshers Filmfaszination durch. Zu mysteriösem Geräuschen und Matthews' Flüstern bauen sich Synthesizerwellen langsam auf, als stammten sie aus einem 1980er-Soundtrack, der die dystopische Zukunft des Jahres 2014 beschreibt. Neben "Crush" und dem Titeltrack stellt das Stück mehr Klangkollage als Song dar.

Dem Duo aus Northampton in Massachusetts bleiben sieben klassische Tracks, die mit "Face The Fire" Fahrt aufnehmen. Eine Synthese aus fesselnden Synthesizern, präzisen Beats und Jaes geisterhaftem Gesang. "Pull me up tonight / by my broken teeth and my lies." "LA" durchzieht ein dezentes Echo von Depeche Modes "A Matter Of Time" und "Behind The Wheel", gepaart mit Dark Wave und 12"-Hits der frühen 1980er. Immer wieder unterbricht sich der Song für lange Synthie-Schwaden. Hat auch jeder das Schwarzlicht eingeschaltet?

Dabei wohnt Nummern wie "Come Closer" auch immer etwas Verruchtes inne. Sie riechen wie die Erwachsenenabteilung einer heruntergekommenen Videothek, haben die Atmosphäre eines abgeratzten Sex-Club-Hinterzimmers. "You have got a dirty little secret / Can I keep it?", will Matthews zu zerschrappten Hi-NRG-Wellen wissen. Völlig überraschend und ohne Vorwarnung durchströmt "Lost" dank warmer Synthesizer-Akkorde ein kleiner Hauch von Licht, nur um es mit dem klaus­t­ro­pho­bischen Titelstück final abzumurksen.

Trackliste

  1. 1. Keep Driving
  2. 2. Face The Fire
  3. 3. Fate
  4. 4. LA
  5. 5. Come Closer
  6. 6. The Look You Gave (Jerry)
  7. 7. Tears
  8. 8. Crush
  9. 9. Lost
  10. 10. Careful

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