laut.de-Kritik

Eminems neuer Schützling liefert jazzigen Trübsinn.

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Zwei Jahre ist es her, dass Shady Records nach langer Stagnation frische Gesichter aufgenommen hat. Gewagte Schützlinge, noch dazu: mit Conway und Westside Gunn zwei Hardcore-Rapper aus dem Umfeld von Alchemist, die sich in dieser Sparte inzwischen solide etabliert haben, und Boogie (ohne Hoodie), den Spitter aus Compton, der in den vergangenen Jahren vor allem mit dem Mixtape "Thirst 48 Part. 2" von sich Reden machte.

Nun darf der sich mit seinem konzeptuellen Debütalbum "Everything's For Sale" erstmals auch in der Profiliga beweisen und setzt damit einen soliden Fuß vorwärts: Im Gegensatz zu seinen dünnen, schattigen Kollegen und Mentor Eminem zeigt sich Boogie hier deutlich bereiter, sich an Melodien zu versuchen und mit Soul und klassischem R'n'B zu experimentieren. Dazu gibt es auf Songs wie "Live 95" oder "Lolsmh (Interlude)" noch eine gute Prise Jazz-Instrumentierung und für die Rap-zentrischeren Songs den ein oder anderen Trap-Skitter.

Der aufmerksame Leser könnte nun einwenden: Warte, Compton, Jazz-Produktion, Spitter, Konzepte? Ist der Typ einfach nur Eminems Versuch, sich seinen eigenen Kendrick Lamar-Klon zu basteln? Tatsächlich wird dieser Verdacht besonders laut, wenn im Intro "Tired/Reflections" während einer Spoken Word-Passage ein Schussgeräusch Boogies Erzählung unterbricht. Das passiert nämlich eins zu eins auf "DAMN."-Opener "BLOOD."

Im Laufe der Platte drängt sich dieser Vergleich jedoch weitaus weniger auf. Nicht nur, weil Boogie für eine langwierige Kendrick-haftigkeit schlicht das Ohr oder der Mut für wirklich aufregende Produktions-Tricks fehlen. Nicht, dass die hauptsächlich von Keyel gehandhabte Produktion nicht kompetent bis beizeiten sogar wirklich schön gerät, allerdings schmiegt sie sich wie viele Jazz-Rap-Projekte etwas zu sehr an die eigene Smoothness an.

"Swap Meet" oder "Skydive II" machen Musik für einen verschlafenen Sonntagmorgen. Einwandfrei, um es im Hintergrund laufen zu lassen, Cornflakes zu essen und sich sophisticated zu fühlen. Besonders, wenn Boogie dann in seinem eigenwilligen Gesangs-Stil an einen gesungenen Track wagt: "Silent Ride" oder "Time" machen Spaß, die Refrains haben ein gewisses Ohrwurm-Potenzial und das gesamte Projekt schreit förmlich nach einem Tiny Desk Concert.

Das wäre alles schön und gut, sagte die Ambition dieser Platte aus, sie wolle einfach nur ein bisschen Soul-Vibes und Retro-Beats an den Start bringen. Aber die Skits und die wiederkehrenden Themen auf "Everything's for Sale" kommen kaum deutlich zur Geltung, wenn die gesamte Aufmachung so sehr dazu einlädt, nicht all zu genau hinzuhören. Es geht thematisch um schwindende Liebe, eine scheiternde Beziehung voller asymmetrischer Kommunikation, Seitensprünge und Witze, über die niemand lacht, außerdem um die Tochter, die Boogie alleine großzieht.

Er kann dabei durchaus Geschichten erzählen, auch wenn seine Perspektive auf Sex manchmal etwas jovial erscheinen mag. Doch gelingt die Immersion ins Projekt erst einmal, fühlt sein Trübsinn sich gerechtfertigt und authentisch an. Es ist kein Album über die Katastrophe, kein Abriss der Krise, eher ein Treiben im stetigen Wind alltäglicher Reibereien und Ermüdungserscheinungen. Etwas, das man nicht mit einem gravierenden Forte lösen könnte, sondern in einem langwierigen Prozess mit sich selbst im Piano ausmachen muss. Ein "Silent Ride Home", wie er es auf der ersten Single so bildhaft beschreibt. Diese Stellen zeigen Boogies Potenzial klar und deutlich.

Dieser Charakter verliert sich allerdings wieder, wenn er auf verschiedenen Tracks sein musikalisches Mojo für eine Rap-lastigere Nummer aufbricht. Nicht nur, dass ihm die Produktion auf Songs wie "Soho" mit J.I.D, auf "Self Destruction" oder auf "Rainy Days" mit Eminem nicht wirklich steht, auch die Einordnung in die Hackordnung der Raptechniker scheint gegen seinen Willen zu passieren. Besonders "Rainy Day" fällt hier auf. Die Chemie zwischen Schützling und Mentor ist quasi nonexistent.

Während Boogie melodisch und melancholisch über Stimmungstiefs sinnierend dem Titel des Tracks gerecht wird, platzt Em mit einem seiner schlimmsten Wortspiele in jüngerer Vergangenheit in den zweiten Verse: "I left my legacy hurt? Fuckin' absurd/ Like a shepherd havin' sex with his sheep, fuck what you heard / All this talk in my ear, I got a idea / Like the clerk when you tryna buy beer", wettert er da zum tausendsten Mal mit geballter Faust gegen diesen Boogieman in Gestalt der Kritiker, die wohl immer noch unter seinem Bett lauern müssen. Und es werden Augen gerollt. Das wäre auf seinen eigenen Alben nervig genug, hier fährt es die Stimmung dagegen frontal an die Wand. Zum Vergleich: Boogies Verse klingt inklusive bedröppelter Stimmlage so: "That's how shit go, she keep sayin' we jell / She gon' come out her shell / Ain't no pushin' my buttons / When all of my feelings is stuck on 'oh, well'."

Es ist also nicht so wirklich Fisch oder Fleisch, dieses Album, mit dem Boogie sich da seine Mainstream-Relevanz erkämpfen will. Das ist schade. Selbst wenn sein ursprüngliches Element nicht wie die revolutionärste Sache der Welt anmutet, gelingt ihm der melancholische Jazz-Rap über weite Strecken der Platte einwandfrei. Würde er sich hier noch zu etwas wagemutigeren Songideen durchringen und die Kompromiss-Tracks etwas herunterfahren, könnte in Zukunft Einiges gehen. Bis dahin bleibt "Everything's For Sale" ein nettes Projekt, aber weit entfernt von essentiell für die aktuelle Conscious-Rap-Generation.

Trackliste

  1. 1. Tired/Reflections
  2. 2. Silent Ride
  3. 3. Swap Meet
  4. 4. Lolsmh - Interlude
  5. 5. Soho feat. J.I.D
  6. 6. Skydive
  7. 7. Live 95
  8. 8. Rainy Days feat. Eminem
  9. 9. Skydive II (feat. 6lack)
  10. 10. Whose Fault feat. Christian Scott aTunde Adjuah
  11. 11. No Warning
  12. 12. Self Destruction
  13. 13. Time feat. Snoh Aalegra

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LAUT.DE-PORTRÄT Boogie

"Oh My Goodness!" So schallt es im April 2015 aus der populärsten Rap-Brutstätte von Los Angeles. Compton heißt die Heimat von Anthony Dixson a.k.a.

4 Kommentare mit einer Antwort

  • Vor 2 Monaten

    4/5. Für mich bisher der beste Rap-Release des Jahres. Kann die Kritik von Yannik auch nicht ganz nachvollziehen. Die Produktionen sind Top, die Inhalte ehrlich, klar und ohne Pathos ausgedrückt. Boogie bringt sehr gut alltägliche Beobachtungen auf den Punkt ohne die Welt erklären zu müssen. Das Große entsteht hier aus dem kleinen.
    Wo er versucht ein Spitter zu sein, muss Yannik mal erklären. Ohne diese Komponente hinkt der Kendrick-Vergleich. Und wenn schon gezwungenermaßen Kendrick, dann doch eher Section.80 als Referenz und nicht Damn.
    Der Eminem Part ist beschissen, keine Frage. Aber ansonsten liefert das Album aus meiner Sicht keinen Anlass zu Kritik.

  • Vor 2 Monaten

    Ehrlich und authentisch. Boogie beweist lyrische Finesse, präsentiert gekonnte Reimskills und hebt sich durch einen ganz eigenen Stil von der breiten Masse ab. Die Produktionen sind alles andere als eintönig, drängen sich nicht zu sehr auf und lassen ihn damit mit seinem Flow und seiner Stimme glänzen. Alleine Tired/Reflection ist für mich ein lyrisches Meisterwerk, das mit einem smoothen und souligen Beat versehen
    ist, der die tiefsinnige Message perfekt unterstreicht.
    Meiner Meinung nach 4/5.

  • Vor 2 Monaten

    Gefällt mir gut. Erinnert mich ein bisschen an das letzte Isiah Rashad Album, auch wenns viel cleaner und melodischer ist. Dafür ist Boogie der bessere Rapper. Das J.I.D. Feature gefällt mir gut, bei Eminem glaube ich, dass der Typ entweder rückfällig geworden oder so von sich selbst besoffen ist, dass Pillen die bessere Alternative wären.