laut.de-Kritik

Pumpgun-Poesie für finstere Zeiten.

Review von

Die Party ist vorbei. Packten Body Count auf ihrem Comeback-Album "Manslaughter" noch eine Portion derben Humor in ihren Rap-Metal, ist es damit auf dem Nachfolger "Bloodlust" vorbei. Wohin Ice T heute in den heimischen Staaten auch blickt, er sieht nichts als Elend: eine tief gespaltene Nation voller Rassismus, Gewalt und sozialer Ungerechtigkeit, die in einen Bürgerkrieg abzudriften droht, während sich die skrupellose Elite einzig um ihr eigenes Wohlergehen kümmert. "Which side you're on when shit pops off?", fragt Ice den Hörer und stellt klar, wo er selbst steht: Hinter einer geladenen Waffe, bereit, auf jeden zu schießen, der es auf ihn abgesehen hat.

Die Zeiten sind finster, passend dazu ist die Grundstimmung des Albums gehalten. Mehr Midtempo und mehr Augenmerk auf Atmosphäre, weniger Raserei und Spaßfaktor als auf dem Vorgänger, so lautet der Schlachtplan. Der geht auch weitgehend auf. Etwa im Opener "Civil War", den Megadeth-Mastermind Dave Mustaine als Gastgitarrist veredelt. Nach einer klassisch-apokalyptischen Einleitung mit Sirenengeheul und einer Audiobotschaft der Regierung, die das Inkrafttreten des Kriegsrechts verkündet, arbeitet sich ein hörbar enervierter Ice T an all den Missständen im Land ab. Die Vorliebe der Band für Hardcore und Thrash blitzt ebenfalls auf, aber nur in Form eines kurzen Knüppel-Parts, ehe es wieder schleppend wird. Ein Muster, das auch in anderen Tracks Anwendung findet.

Body Count präsentieren sich auf "Bloodlust" in bestechender Form und beweisen, dass die Kombination aus Rap und Riffs auch anno 2017 noch zündet. Dazu trägt neben dem engagierten Frontmann auch Schlagzeuger Ill Will bei: Sein wuchtiger Stil passt einfach wie der viel zitierte Arsch auf den Eimer. Chef-Gitarrist Ernie C muss auch keiner mehr erklären, wie man knackige Riffs zimmert.

Spielen die Herren alle ihre Stärken aus, mähen sie alles nieder: "The Ski Mask Way" und "Bloodlust" strotzen vor Kraft, sogar die Chugga-Chugga-Parts funktionieren hier. Die Single "No Lives Matter" ist eine Crossover-Hymne geworden, mit explosivem Refrain und einem MC, der einen regelrecht am Kragen packt. Auf die Lyrics hören ist hier nicht nur eine Option, sondern Pflicht.

Das sollte man ohnehin, wenn sich der Pumpgun-Poet realer Probleme annimmt. Zum Beispiel, wenn er im Titeltrack über die dem Menschen ureigene Faszination am Quälen und Töten sinniert. Andernorts sind seine Ansichten zumindest diskutabel. In "No Lives Matter" verbreitet er die These, dass die Mächtigen rassistische Konflikte gezielt nutzten, um so jeden Gedanken an einen Klassenkampf zu verwedeln. Kann man sicher so sehen, aber auch für etwas arg verschwörungstheoretisch halten. Im semi-balladesken "This Is Why We Ride" verklärt der alte Gangster die Auge-um-Auge-Mentalität der Straße, die in einer aufgeklärten Gesellschaft eigentlich obsolet sein sollte.

Dem Mann mit der Wumme zu widersprechen, klingt dennoch nach einer schlechten Idee. Wie man dazu auch stehen mag: Die Auseinandersetzung mit solchen Themen ist wesentlich interessanter als reine Gewaltfantasien. Klar, die gehören natürlich ebenso zur Body Count-DNA, doch Einblick ins Innenleben eines Serienmörders haben schon zahllose andere Bands geboten. Musikalisch setzen Ice T und Co. das Konzept in "Here I Go Again" immerhin ansprechend um, mit windschiefen Gitarren, irren Schreien und unheimlicher Erzählstimme: eine kleine, aber feine Horrorstory fürs Kopfkino.

Anderes wirkt leider weniger gelungen. Im bereits erwähnten "This Is Why We Ride" etwa verirrt sich die Band mit sanften Gitarren und einer Spoken-Word-Passage kurz in die cheesy Ecke. "God, Please Believe Me" erscheint zu ambitioniert für ein Interlude, aber zu wenig ausgearbeitet für einen Song. Irgendwie halbgar. Den Stampfer "All Love Is Lost" hievt auch Gaströhre Max Cavalera (Soulfly, Cavalera Conspiracy) nicht aus der Mittelmäßigkeit.

Randy Blythe hat da mit "Walk With Me …" schon das bessere Los gezogen, weil einmal fast durchgehend hohes Tempo und schneidende Riffs regieren. Ein Wohlfühlprogramm für den Lamb Of God-Shouter, also! Den Bleifuß schnallen sich Body Count natürlich auch für das Slayer-Medley "Raining Blood/Postmortem" an (ja, in dieser Reihenfolge). Musikalisch gerät diese Hommage tadellos, wenngleich damit freilich nichts zu gewinnen ist. Bestenfalls macht es einem bewusst, was Slayer ohne Tom Arayas unnachahmliches Schreien fehlen würde.

Doch genug gemäkelt: Auch wenn das Album im Mittelteil etwas nachlässt, bleiben in der Endabrechnung genügend starke Tracks als Gegengewicht übrig. Der Closer "Black Hoodie" zum Beispiel, der einmal mehr Polizeigewalt thematisiert und den Punch eines Rammbocks besitzt. Ice T zetert und schimpft wie ein 20-jähriger Berserker, der Bass rollt, Drums und Gitarrenwände bollern um die Wette. Das berühmte "Sound Of Tha Police" von KRS-One zitiert Ice hier ebenfalls, bloß ist damit keine woop-woopende Polizeisirene gemeint, sondern Schüsse, die die Luft zerschneiden und Leben auslöschen. Wie gesagt: Die Zeiten sind finster. Doch "Bloodlust" stellt sich all dem Scheiß mit breiter Brust entgegen.

Trackliste

  1. 1. Civil War
  2. 2. The Ski Mask Way
  3. 3. This Is Why We Ride
  4. 4. All Love Is Lost
  5. 5. Raining Blood/Postmortem
  6. 6. God, Please Believe Me
  7. 7. Walk With Me ...
  8. 8. Here I Go Again
  9. 9. No Lives Matter
  10. 10. Bloodlust
  11. 11. Black Hoodie

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LAUT.DE-PORTRÄT Body Count

Wir schreiben das Jahr 1989. Ice T, der sich mit diversen Hip Hop-Veröffentlichungen bereits einen Namen gemacht hat, möchte einmal etwas Neues ausprobieren …

9 Kommentare mit 12 Antworten

  • Vor 2 Jahren

    Dieser Kommentar wurde vor 2 Jahren durch den Autor entfernt.

  • Vor 2 Jahren

    ja, 4 punkte vll. wenn man sich i-wan erste hälfte 90er aus der diskussion ausgeklinkt hat.
    paar songs machen halt schon laune (z.b "civil war" dank mustaine, oder no lives matter) ansonsten wird hier eher hausmannkost geboten, sprich die songs sind in sich scho arg vorhersehbar.
    es fehlt einfach mal so der ein oder andere part, der aus der routine ausbricht und aufhorchen läßt.
    da man dann auch leider nicht wirklich mit härte trumpfen kann, ist mir das, retrocharme hin oder her, 2017 einfach zu wenig um noch tüchtig in wallung zu kommen.
    slayercover hätten sie sich im übrigen auch sparen können, wirkt völlig blutarm und gibts dazu auch scho wie sand am meer, aber gut, war wohl herzensangelegenheit von uncle ice :-)
    summa summarum halt nen nettes album, teilt sich mit "born dead" platz 2 in der bandeigenen diskographie, ist auch alles net unsympathisch aber für mehr als 3 punkte reichts dann imo nicht.

  • Vor 2 Jahren

    Finde das Album auch megafett.

  • Vor 2 Jahren

    Besitzt Dauerrotations Potenzial, das Ice T 2017 derjenige sein wird der mir am geschicktesten den Hartwurstkopf verzwirbelt hätt ich vor ein paar Jahren nicht gedacht.

  • Vor einem Jahr

    Das ich das anno 2017 noch erleben darf. Da sitzt man gediegen in der Uni und da drückt einer einem zufällig den neuen Longplayer von Body Count auf die Lauscher. Meine Fresse! Hab die Platte gerade beim heimkommen sofort gekauft. Nach all dem ganzen Massenselbstrecycling der ehemals dicken Bands wirkt die Scheibe wie ein Geschenk des Himmels. Das Grandpa Ice-T noch so unterwegs ist, hätte ich nicht vermutet. Alle Daumen hoch, die LP ist wirklich aller erste Sahne! Rotiert gerade zum xten Mal in der Playlist.