laut.de-Kritik

Wo steckt Nick Cave, wenn man ihn braucht?

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Seit dem grandiosen, vielschichtigen "Still Smiling" hofft man zurecht auf eine Fortsetzung der farbenfrohen Bargeld-und-Teardo-Show. "Nerissimo" soll nun konzeptionell sämtliche Nuancen von Schwarz ausloten. Leider versprüht dieses "50 Shades Of Black"-Album nicht ansatzweise den Esprit seines Vorgängers. Statt in knackiger Schwärze, fischt das Duo hier lediglich im Trüben.

Bargeld gilt seit jeher als ein Meister des Symbolismus und des Kryptischen gleichermaßen. Fast immer macht es großen Spaß, Zeilen und Töne auf einer Entdeckungsreise für Herz und Hirn zu dechiffrieren. Erstmals überhaupt funktioniert dies auf "Nerissimo" nicht im Geringsten. Die eine Hälfte der Stücke lässt nur die kalt gelassene Schulter zucken, die andere gibt sich regelrecht nervenaufreibend und kaum zumutbar.

Nun kann jeder große Künstler mal eine schlechte Platte als kolossalen Schuss in den Ofen abliefern. Davor ist auch ein Blixa nicht gefeit. Doch woran liegt es hier? Bei genauerer Betrachtung fallen die Mängel deutlich ins Auge. Die thematische Überfrachtung Bargelds und die irritierende musikalische Ideenlosigkit Teardos machen "Nerissimo" zur gemeinsamen finsteren Stunde für Macher und Hörer.

Das Cover zeigt beide Musiker als Variante des Gemäldes "Die Gesandten", kreiert 1533 von Hans Holbein dem Jüngeren. Dem Bild immanent sind die Themen Philosophie, Religion, Sterblichkeit und Illusion. So allumfassend verstehen Bargeld/Teardo auch die Tracks der CD. Ein großer Happen zu beißen und viel zu kauen für neun kleine Liedchen, die sich vornehmlich als Skizzen mit richtungslosem Streicher-Bleifuss oder theatermusikalisch aufgehübschtes Fragment präsentieren.

Die Strings etwa suggerieren über fast das gesamte Album hinweg eine Spannung, deren Dramatik nie eingelöst wird. Alles schwillt bedeutungsschwanger an und ebbt dann wieder ab, ohne auch nur ein bisschen kreative Faszination auszuüben. Wer soll das freiwillig konsumieren?

Teardo versäumt, dem ohnehin oft rhythmischen Sprechgesang des Neubauten-Vordenkers angemessen kontrastierend in Szene zu setzen. Gerade dem typischen Bargeld-Stakkato hätten melodische, songwriterische und harmonische Kabinettstückchen als Gegenstruktur gut zu Gesicht gestanden. Stattdessen setzt der Italiener wenig effektiv auf zu oft totgerittenen Minimalrhythmus, schräge Collagen und den etwas aufgeblasenen Duft der Neoklassik.

Das Gleichpolige beider stößt sich erwartungsgemäß ab und gerät so zur reinen Anstrengung für ihr Publikum. Übrig bleibt nur eine Art Aufguss typischer Bargeld/Neubauten-Trademarks, die man vorher bereits pointierter und weniger schwülstig kannte. Das Titelstück etwa täuscht weder textlich noch musikalisch darüber hinweg, nur ein Schatten von "Sabrina" ("Silence Is Sexy") zu sein.

Ohnehin wandelt der Berliner Poet lyrisch diesmal auf dem Holzweg. Zu viel simultane Themen, dafür kaum zwingende Sprachbilder und enigmatische Sätze, hinter denen teilweise weniger als sonst lauert. Andere Nummern lassen dem Hörer ohne dicke Schwarte erläuternder Sekundärliteratur keinerlei Chance.

Spätestens beim ebenso verquasten wie unhörbaren "Ulgæ" möchte man Blixa rütteln und schütteln, bis ein wenig seines Rockstar-Charismas aus diesem ungenießbaren Elfenbeinturm plumpst. Auch der in solcher Form als Sidekick schlichtweg überflüssige Teardo wirft die Frage auf: Wo steckt eigentlich Nick Cave, wenn man ihn anscheinend dringend braucht?

Trackliste

  1. 1. Nerissimo
  2. 2. DHX 2
  3. 3. Ich Bin Dabei
  4. 4. The Empty Boat
  5. 5. The Beast
  6. 6. Animelle
  7. 7. Ulgæ
  8. 8. Nirgendheim
  9. 9. Give Me
  10. 10. Nerissimo (Italian)

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2 Kommentare mit 2 Antworten

  • Vor 4 Jahren

    Schwarz und dazu feinst abgestimmte dunkle Grautöne sind naturgemäß nicht knackig! Und Überraschung - das Album ist tatsächlich anders als Still Smiling: Subtiler, sensibler, dezenter, tiefgründiger, leiser, zurückhaltender - wenn die Herren nicht schon im reifen Alter wären, würde ich auch noch reifer sagen. Und ganz sicher kein Schuß in den Ofen, vielmehr ein mehr als gelungenes, beeindruckendes Werk mit viel Tiefe, die sich oft erst nach mehrmaligem Hören erschliesst.
    Blixas Stimme wie immer eindringlich, hypnotisch, poetisch und ausdrucksstark. Teardos Instrumentierung ist wunderschön, stellenweise genial, ganz feine natürliche Töne, nie aufdringlich - minimal muss nicht ideenlos heissen, man braucht nur Ohren für die Nuancen. Und Ulgae - von wegen unhörbar, für mich ein Highlight - soundmäßig feinste Arbeit, originell, aber halt eher für den fortgeschrittenen Hörer.
    Der Autor ist entweder mit dem falschen Fuß aufgestanden, das Genre liegt ihm nicht, oder er hat was mit den Ohren. Die Platte hat den Verriss einfach nicht verdient.