laut.de-Kritik

Mehr Arbeit als Kunst: Dienst nach Vorschrift.

Review von

Was sagt es über ein Album aus, wenn man nach zehn Monaten wieder wie ein Fremder vor den Tracks steht? Dabei hatte "Vulnicura" bei mir einen furiosen Start. Einen Monat lief die Scheibe rauf und runter. Einige Songs ("Stonemilker") eröffneten sich sofort, andere ("Notget") musste ich mir erst erarbeiten. Wenn aber bereits nach nicht mal einem Jahr nichts von der Euphorie übrig bleibt, hat sich die Mühe offensichtlich nicht gelohnt.

Dabei steckt in Björk nicht nur eine große Tondichterin, sondern auch eine gewiefte Geschäftsfrau. Stehen nicht gerade ein Best Of ("Family Tree"), ein Soundtrack ("Selma Songs - Dancer In The Dark") oder ein anderes ausführliches Ausschlachten des Backkatalogs im Weg, folgt auf jedes neue Album eine Remixplatte oder eine andere Neuinterpretation. Aus "Post" entstand "Telegram", aus "Biophilia" "Bastards" und freilich geht auch "Vulnicura" mit "Vulnicura Strings" in die zweite Runde.

Björk selbst scheint nicht mehr viel an der ursprünglichen "Vulnicura"-Dramaturgie zu liegen. Gehörten die Lieder in ihrer anfänglichen Reihenfolge zur Verarbeitung ihrer Gefühle vor, während und nach der Trennung von Matthew Barney, steht sie diesen nun beziehungslos gegenüber. Sie verändert die Reihenfolge, zerrupft ihre eigene Geschichte. So raubt sie den Nummern ihre feinfühlige Geschlossenheit und degradiert sie zu einzelnen Stücken. Anstatt wie in den Originalaufnahmen ihre Seele in die Songs zu legen, steht sie ihnen nun kalt gegenüber.

Ein wichtiger Teil von Björk-Platten stellen ihre verdrehten, jenseitigen Rhythmen und Beats dar. Selbst wenn der Rest mal schwächelte, rissen diese die Alben aus dem Mittelmaß heraus. Wie der Name schon vermuten lässt, verzichtet "Vulnicura Strings" auf dieses Schmankerl.

Stattdessen setzt die Künstlerin nur auf Streicher. Neben einem Violinensoli der Isländerin Una Sveinbjarnardóttir bindet sie in "Black Lake (Viola Organista)" die von Leonardo Da Vinci entworfene Viola Organista, ein Zwitterwesen aus Cello und Klavier, die erst 2013 das erste Mal auf einem Konzert live zu hören war, ein. Doch wo andere Reduktionen näher an die Person hinter der Musikerin führen, bleibt Björk ausgerechnet im Umfeld ihres Trennungsalbum ungreifbar und sogar noch unterkühlter. Anstatt einen Teil ihrer schützenden Maske fallen zu lassen, trägt sie weitere Make Up-Schichten auf.

Viel zu fest krallt sie sich während des Unterfangens in der Vorlage fest. "Stonemilker" und "Mouth Mantra" bleiben einfach nur von der Elektronik gelöste Aufnahmen ihrer Quelle. Dabei zeigt sich gerade in den spärlichen Momenten, in denen sie sich vom Ursprung löst, wie viel Potential ungenutzt bleibt. Das komplett neu gestaltete "Notget" eröffnet eine andere, geradezu fiebrige Perspektive auf den Track. Zu den wenigen wirklich gelungenen Attraktionen des Longplayers zählt das nun instrumentale "Family". Hier lässt die Isländerin die Streicher endlich von der zu fest angezogenen Leine.

Im neuen Umfeld wirkt "Vulnicura" formlos und der Gestalt beraubt. Es gibt schlichtweg zu wenig Neues zu entdecken. Viel zu sicher und behäbig werkt sie an ihren Stücken herum. Über weite Strecken bleibt "Vulnicura Strings" nicht Kunst, sondern beamtenhafte Arbeit. Dienst nach Vorschrift.

Trackliste

  1. 1. Mouth Mantra
  2. 2. Lionsong
  3. 3. Black Lake
  4. 4. Atom Dance
  5. 5. Stonemilker
  6. 6. Quicksand
  7. 7. Notget
  8. 8. Family
  9. 9. Black Lake (Viola Organista)

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