13. Juni 2005

"Rockgitarren sind kein Mittel zur Zerstörung mehr!"

Interview geführt von

Billy Corgan, Ex Ober-Kürbis, Ex Zwan-Vorsteher, Buch-Autor und Solomusiker sprach mit uns über sein Solo-Album und Robert Smith' Begeisterung für die Bee Gees. Weitere Themen: Warum Rockmusik Stärke bis zur Ekstase fordert, warum es keine Nirvana der gegenwärtigen Generation gibt, und wie Billy einmal einem echten Sheriff unterlag. Auf die Smashing Pumpkins-Reunion, die Corgan kurz nach diesem Interview ankündigt, gibt er hier noch wenig Hinweise: Zwar spricht er sehr positiv über die berühmte Band, zu seinen ehemaligen Mitstreitern hat er aber, abgesehen von Schlagzeuger Jimmy Chamberlin, keinerlei Kontakt.

Hallo, Billy.

Hi, wie geht's?

Gut, danke. Und dir?

Ich bin so müde … Das ist das allerletzte Interview, bevor ich Europa wieder verlasse ...

Okay …

Aber ich werde versuchen, nett und höflich zu sein ...

Ich hoffe, du bist noch etwas motiviert?

Ja, aber ich war die halbe Nacht wach, ich fühle mich etwas schräg.

Du bist seit gestern Hamburg. Nur wegen den Promoterminen, oder verbindest du etwas mit der Stadt?

Oh, ich bin nur hier, um ein paar Interviews zu geben. Und gestern Abend haben wir uns mit einigen Fans getroffen.

Ich habe gelesen, dass du vor einigen Tagen in Paris warst und mit Leuten vor Sacre Coeur gesessen und Songs gesungen hast.

Ja, das war nett. Gestern Abend war es etwas anders, wir haben keine Songs gespielt ...

Wie fühlt sich das für dich an, deine Fans heutzutage zu treffen? Hat sich für dich etwas verändert, sagen wir, in den letzten 15 Jahren, wenn du mit Fans zusammenkommst?

Hmm, Ich denke die Fans kennen mich heutzutage etwas besser. Ich glaube, ich bin für sie nicht einfach nur der Typ aus der Band, ich glaube, sie haben eine persönlichere Verbindung mit mir. Ich finde das positiv.

Und für dich ist das okay, wenn sie dir auf der Straße begegnen und sagen, "Hey, bist du das?"

Die Leute kommen die ganze Zeit auf mich zu. Sie sagen "Hallo" und wir sprechen über die Band. Das ist prima.

Ich habe dein Solo-Album gestern bekommen und es mir ein paarmal angehört. Und ich muss sagen, dass ich etwas überrascht war, weil ich im Internet gelesen hatte, dass du in Chicago akustische Gigs gespielt hast und Songs über Chicago geschrieben hast. Also ging ich davon aus, deine neue CD würde mehr in die akustische und ruhigere Richtung gehen.

Das war irgendwie eine Falschinfo. Ich hab nie behauptet, das nächste Album wäre ...

Nein, nein! Ich dachte nur ...

Nein, du kannst nichts dafür, aber so entsteht halt dieser Eindruck. Es stimmt schon, ich habe eine akustische Platte gemacht, hatte aber nicht vor, sie zu veröffentlichen.

Warum hast du dich also entschieden, mehr in die Electronic/Rock-Richtung zu gehen?

Ich würde das nicht als Electronic/Rock bezeichnen.

Gut, nicht Electronic/Rock. Für mich klingt es ein bisschen nach Joy Division, The Cure oder New Order. Und manchmal klingt es - ehrlich gesagt - ziemlich kalt. War das etwas, was du schon immer mal machen wolltest?

Hmm, wie sage ich das am besten. Ich verstehe zwar, was du meinst, aber das heißt nicht, dass ich dem auch zustimme. Deswegen weiß ich nicht, wie ich deine Frage jetzt beantworten soll. Ich sage nicht, dass deine Meinung falsch ist. Es ist nur so, dass ich nicht so über die Platte denke.

An welchem Punkt wusstest du, welche Art von Platte du machen willst?

Die ersten vier Monate habe ich damit verbracht, mit verschiedenen Sounds und Texturen herum zu experimentieren und nach etwas zu suchen, von dem ich dachte, es wäre eine neue Herangehensweise an Rock. Auf eine Art ist das Ganze sehr zerbrechlich. Weil es neu ist, ist es nicht unbedingt leicht zu behalten. Und es basiert teilweise schon auf Bands, die ich mag, und Joy Division gehört dazu. Aber ich glaube trotzdem nicht, dass das Endergebnis die gleiche Art von Musik ist. Der Rhythmus und die Textur erinnern vielleicht daran. Es ist einfach ein anderer Ansatz. Aber ich hab nicht versucht zu sagen, oh, ich liebe diese Bands, meine Platte soll genau so klingen.

Nein, das habe ich auch nicht behauptet. Ich dachte nur: jeder weiß, dass du diese Bands magst, und einige Momente erinnern mich halt daran.

Ja, sicher. Ich habe diese Momente ja auch drinnen gelassen. Ich hab nicht versucht, sie zu kaschieren.

Als du die Songs für "The Future Embrace" geschrieben hast, war das Schreiben anders als für die Pumpkins oder für Zwan?

Ja, komplett anders.

Wie schreibst du einen Song? Was beeinflusst dich dabei?

Ich versuche einfach, von einem anderen, einem intuitiven Standpunkt aus zu schreiben. Wenn ich in einer Band bin, versuche ich normalerweise für die "Band-Maschine" zu schreiben. Wohingegen ich diese Songs zu meiner eigenen Unterhaltung geschrieben habe, darüber, was mich interessiert hat, und das ist eine Kombination aus Starkem und Schwachem. Bei Rock geht es hauptsächlich um Stärke, die sich bis hin zur Ekstase steigert, diese Hochs. Ist das irgendwie halbwegs verständlich?

Was erwartest du dir vom neuen Album? Was glaubst du, wie es aufgenommen wird? Oder spielt das für dich keine Rolle mehr?

Als ich jetzt nach Europa geflogen bin, habe ich mit einer Art gemischten Reaktion gerechnet, vielleicht sogar einer eher negativen, weil mir das früher auch schon passiert ist. Und ich war überrascht zu sehen, dass die Reaktion überwältigend positiv war. Die Platte, die Richtung, das Feeling scheint den Leuten zu gefallen. Für mich war das ein großer Schock.

Hoffentlich im positiven Sinne.

Jaja, sicher, im positiven!

Als ich es mir nämlich das erste Mal angehört habe, dachte ich, ich weiß nicht ... Aber ich muss sagen, dass es mit jedem Anhören wächst. Und jetzt gefallen mir die meisten Songs.

Danke schön.

Du hast einen Song von den Bee Gees gecovert, und ihn mit Robert Smith aufgenommen. Warum ausgerechnet Robert Smith für ein Bee Gees-Cover?

Naja, das war nicht ganz so! Ich habe Robert vorgeschlagen, diesen Song zusammen mit mir aufzunehmen. Ich habe diesen Bee Gees-Song für das Album aufgenommen, weil ich ihn so toll fand. Und als ich mir die ganzen Songs noch mal angeschaut habe, überlegte ich, welcher davon für Robert am besten geeignet wäre. Und meiner Meinung nach war das der Song von den Bee Gees, also habe ich ihn angerufen und gemeint, ich möchte, dass du an diesem Song arbeitest. Und er: "Bist du sicher, die Bee Gees?" Ich meinte, hör ihn dir einfach nur an und sag, wie du ihn findest. Er hat mich dann zurückgerufen und gesagt, dass er ihn wirklich toll findet und ihn machen wird. So der ungefähre Ablauf.

Ist er zu dir rübergeflogen, oder hat er ihn in London aufgenommen?

Er hat ihn einfach in London aufgenommen, ja.

Okay. Dann hast du mit Bon Harris, Brian Liesegang, Matt Walker und anderen gearbeitet. Sind diese ganzen Leute dann auch bei deiner Band dabei, wenn du jetzt live spielst?

Ich weiß noch nicht, wer bei der Live-Band dabei sein wird. Ich denke noch darüber nach. Ich habe diese Konzerte angesetzt, aber ich weiß nicht, wer auftauchen wird, um mit mir zusammen zu spielen. Aber: Es wird großartig werden. Das kann ich versprechen.

In Deutschland wird Bon Harris immer noch mit seiner früheren Band Nitzer Ebb in Verbindung gebracht und weniger als Rock-/Musikproduzent gesehen. Wie war die Zusammenarbeit mit ihm für dich?

Naja, ich habe mit Bon zum ersten Mal 1997-1998 zusammen gearbeitet, damals an "Adore", dem vierten Album der Pumpkins. Und dann habe ich mit ihm noch am Soundrack für den Film "Stigmata" zusammen gearbeitet. Also war das jetzt schon das dritte Mal. Er ist ein sehr guter Freund von mir und ich vertraue ihm blind. Er arbeitet genau so hart wie ich. Er geht einfach hin und macht. Er kann das wirklich gut. Ich kann ihm einfach sagen, ich brauche das und das, und er macht dann genau das.

Ich habe eine andere Frage zu der Entwicklung der Songs, die du schreibst. Du hast mit Rock angefangen, und jetzt geht das Ganze in eine deutlich elektronischere Richtung. Ist das für dich eine normale Weiterentwicklung? Ich habe den Eindruck, viele Leute, die ursprünglich Rock gemacht haben, gehen in eine mehr elektronische Richtung. Ich denke z.B. an John Frusciante, der diesen Weg geht.

Ich kann nicht wirklich für die Entwicklung anderer Leute sprechen. Meine Entwicklung und mein Interesse an elektronischer Musik hat eher damit zu tun, einen anderen Zugang zur Gitarre zu bekommen. Der normale Ansatz wird irgendwann langweilig. Laute Rockgitarren sind heutzutage kein Mittel zur Zerstörung mehr. Es ist mehr ein Marketing-Tool. Deshalb suche ich nach neuen Wegen, Emotionen zu erzeugen. Das ist genau das, was ich tue. Und was das Seltsame daran ist - die Leute scheinen mehr darauf zu achten, woher der Sound kommt, als darauf, ob sie ihn mögen oder nicht. Es ist, als würdest du zu einem Maler sagen, "Warum benutzt du blaue Farbe statt roter?" Das Wichtige ist einfach, dass es eine emotionale Reaktion hervorruft.

Auf eine Art und Weise ist es sehr einfach, auf eine andere wieder sehr schwierig. Wenn du als Hörer sagst "Das ist wirklich cool", dann funktioniert es. Wenn du aber sagst, "Ich mag das nicht, ich vermisse wirklich die Energie der Band" - und das tun einige Leute - dann funktioniert es nicht. Es liegt wirklich im Auge des Betrachters. Ich mache das wirklich, um in meiner Entwicklung weiterzukommen. Ich mache es nicht, weil ich elektronische Musik machen will oder weil ich ein Statement über elektronische Musik machen will oder ein Statement gegen Gitarrenrock, absolut nicht.

Kannst du dir vorstellen, irgendwann wieder eine Rock-Platte aufzunehmen?

Ja.

Ich dachte, du würdest eher noch experimenteller werden?

Oh nein. Das was ich jetzt mache, mache ich, weil ich lernen will, wie ich ein besserer Rockmusiker werden kann. Ich bin noch immer eine der Personen, die Rock spielen. Nur weil ich mich für ein Jahr von Rockmusik abwende, bedeutet das nicht, dass ich ein Verräter bin, oder dass es mir egal ist. Ich liebe Rockmusik mehr als irgendjemand anderen. Aber ich bin auch der erste, der sagt, "okay, langsam wird es langweilig."

Was hältst du eigentlich von den neuen Rock-Bands wie den Strokes, den White Stripes und den ganzen anderen?

Ich denke, da ist eine Menge positive Energie drin. Ich denke, die normalen Leute auf der Straße warten noch immer auf die nächste große Band. Warum hat gerade diese Generation keine Band wie Led Zeppelin oder Nirvana? Das ist irgendwie rätselhaft.

Das stimmt. Was für Musik hörst du eigentlich im Moment? Und beeinflusst sie dich?

Ich höre in der letzten Zeit viel Glenn Gould. Kennst du den? Dieser Pianist ...

Und sonst?

AC/DC.

AC/DC? Okay. Also keine neuen Künstler, die dich vom Hocker hauen würden?

Nein, aber das heißt nicht, dass es keine geben würde. Ich kenne sie nur nicht.

Wie steht es mit elektronischer Musik? Hörst du dir so was auch an?

Nein.

Überhaupt nicht? Okay. Kann ich dich auch was über die Pumpkins oder Zwan fragen?

Ja, sicher.

Bei den Pumpkins war der Sound der meisten Songs trist oder deprimiert oder wütend. Bei Zwan schob sich das dann in eine wesentlich fröhlichere Richtung. War das um mit deiner Vergangenheit zu brechen oder ist es einfach passiert?

Hmm, ich stimme wiederum der Grundaussage nicht zu. Ich glaube Zwan war dunkler, als die meisten Leute gedacht haben, und die Pumpkins waren viel sonniger, als die meisten glauben. Aber okay, sagen wir ich stimme der Voraussetzung zu, dass die Pumpkins die Dunkelheit waren und Zwan das Licht. Ich denke man tut in jedem Moment genau das, woran man glaubt. Und du nimmst die Energie der Leute um dich herum. Und daraus machst du Musik. Die Pumpkins waren eine "very heavy karma band". Die Pumpkins hatten sehr große und sehr dunkle Wolken über sich. Und wir haben aus diesen Wolken etwas Wunderschönes, Gigantisches und Zwingendes gemacht. Offensichtlich haben das sehr sehr viele Leute gemocht. Zwan war eher etwas Unbeschwertes. Mehr wie eine Band, die zusammen rumhängt und zusammen was trinken geht. Es war nicht das ernste "Wir wollen die Welt verändern"-Ding und ich denke, die Musik spiegelte das wieder. Das verbindende Element zwischen den Pumpkins, Zwan und Billy Corgan solo ist vielleicht das, dass mir jedesmal eine Rolle angedichtet wird, die ich nicht bin. Vielleicht jetzt, wo ich 38 bin, hören die Leute auf mir zu erzählen, wer ich bin und akzeptieren einfach, dass ich ein normaler Mensch mit verschiedenen Stimmungen und Zielen bin.

Ja, klar.

Du sagst "klar", aber ich hab jetzt ca. vierzig Interviews gegeben, wo mich alle gefragt haben: "Wer bist du? Warum machst du das?" I'm just joking.

Du hast mit Jimmy Chamberlin zusammen gearbeitet und bist auch bei seinem Album dabei. Hast du zu den anderen noch Kontakt?

Ohja, Jimmy ist eigentlich mein bester Freund.

Und was ist mit den anderen früheren Bandkollegen?

Nö.

Überhaupt nicht?

Nö.

Na gut, dann eine andere Frage, und zwar zum letzten Konzert der Pumpkins im Metro in Chicago. Es gab da Gerüchte, dass es veröffentlicht werden soll? Gibt es ein konkretes Datum?

Ja, es gibt viele Gerüchte.

Oder wird es überhaupt nicht veröffentlicht?

Doch. Irgendwann zwischen jetzt und dem nächsten Jahrtausend.

Ähm, okay, ich freu mich drauf ... Ich hab gesehen, dass du deine eigene Webseite hast, ein Weblog bei myspace ... Du scheinst recht angetan von den Möglichkeiten zu sein, die dir das Internet bietet.

Das wird sich zeigen. Ich meine, das ist ein Experiment. Ob sich die Mühen lohnen wird sich zeigen, im Laufe der Zeit.

Okay, aber hättest du dir diese Möglichkeit nicht schon früher gewünscht, so direkt mit den Fans kommunizieren zu können?

Oh nein! Ich denke nicht, dass ich damit hätte umgehen können. Ich denke, heutzutage bin ich weit genug, um unterscheiden zu können, was daran gut ist und schlecht. Aber damals - nein.

Du hast einen Gedichtband herausgebracht und er wurde von den Leuten positiv aufgenommen. Wirst du mehr schreiben?

Oh ja! Ich bin wirklich glücklich, denn ich bin beim angesehendsten Lyrikverlagshaus in den Staaten untergekommen. Wir kommen sehr gut miteinander aus, und sie wollen, dass ich mehr Bücher schreibe, was großartig ist.

Meine letzte Frage: Die Chicago Tribune hat eine Umfrage gestartet "Wer ist der ultimative Chicagoer?" Und du bist nur auf dem zweiten Platz gelandet!

Yeah, ich habe gegen einen Sheriff verloren! Ich kenne diesen Sheriff nicht mal, ich habe keine Ahnung, wer er ist! Ich habe nie von ihm gehört!

Das Interview führte Stefan Friedrich

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