6. November 2009

"We're addicted to Bratwurst"

Interview geführt von

Hamburg im Herbst: Ein blendend aufgelegter Schottendreier erwartet laut.de zum Pressetermin in der Speicherstadt - und freut sich diebisch über seinen aktuellen Longplayer "Only Revolutions" und die Tour mit Muse.Steckte das letzte Album "Puzzle" noch voller Wehmut und Klage, herrscht auf "Only Revolutions" nun Hoffnung und Aufbruch vor. Das sieht man unseren Interviewpartnern auch an: Voller Stolz und Tatendrang sitzen mir Simon Neil, Ben Johnston und James Johnston gegenüber und freuen sich. Freude, in Deutschland zu sein, mit der Presse zu sprechen, live zu performen und endlich, endlich das neue Material der Öffentlichkeit zu präsentieren. Für unser schnuckeliges Musikmagazin haben Biffy Clyro im Video sogar ein paar aktuelle Songtipps parat.

Erst mal willkommen in Deutschland!! Ich habe neulich ein Interview vom V-Festival mit euch gesehen, in dem ihr behauptet habt, die vergangenen zwei Wochen wären die letzte Chance auf 'nen ordentlichen Kater gewesen.

Haha, das stimmt. Wir waren krank und bettlägerig vor Kater und das Aufstehen ist die Hölle. Das geht dir doch sicher genauso?
Klar. Frag nicht nach meinem letzten Wochenende. Aber bei euch steht jetzt eine dicke Promotour an?
Genau. Zwei Tage Deutschland, dann eine Woche UK und danach gehts nach Frankreich. Das Ganze ist aber nicht so anstrengend. Uns macht es Spaß. Wir mögen das Reisen.
Und lernt ihr dabei ein wenig Fremdsprachen?
(Auf Deutsch) Nur ein bisschen. (Wieder Englisch) Im Ernst: In Deutschland ist das schon beschämend für uns, wie gut die Leute Englisch können. Deshalb bemühen wir uns, so viel wie möglich zu lernen und unseren Teil beizutragen. In Frankreich ist es mit dem Englischen schon schwieriger. Aber wir sprechen ein wenig Französisch. Es geht schon.
Und wie läufts sonst so hier in Deutschland? Werdet Ihr wahrgenommen?
Gut. Mit unserem letzten Album "Puzzle" haben wir zum ersten Mal richtig viele Gigs in Deutschland gespielt. Mit den ersten drei Alben hat man uns nie die Chance gegeben, in Deutschland zu spielen. Eigentlich nirgendwo in Europa. Wir hatten keinen Tour-Support, wir hatten nicht mal Geld, um die Reise zu bezahlen. Da war es schon überraschend, hier die ersten Gigs zu spielen - die Fans kennen die Lyrics und singen mit. Das war toll. Jetzt wollen wir etwas zurückgeben und touren im November mit Muse. Im Dezember legen wir noch ein paar Gigs nach. Dann habt ihr bestimmt die Schnauze voll von uns. (Gelächter)
Ich habe euch leider noch nie live gesehen. Und alle schwärmen mir davon vor. Das muss sich ändern.
Ja, wir sind ziemlich gut. (Gelächter)
Kommen wir mal auf das neue Album zu sprechen. Es ist euer zweites bei einem Major. Wenn ihr so zurückblickt: Was hat sich denn so alles für Euch geändert?
(Alle drei zeigen auf den Früchtekorb, der auf dem Tisch steht) Wir haben endlich was zu essen! Und Promo natürlich. Mit Beggars hatten wir keine Chance, über UK rauszukommen. Um uns als Band weiter zu entwickeln und unsere persönliche Messlatte hoch zu halten, brauchten wir diesen Wechsel. Wir hatten in UK einfach alles abgegrast und überall gespielt. Wir wollten aber weiter machen und die Welt sehen. Das ging nur mit Warner. Jetzt waren wir in Australien, haben Japan gesehen, sogar in den USA gespielt. Das ist doch normal. Jede Band will, dass die ganze Welt die Chance hat, ihre Songs zu hören.
Aber was wir viel überraschender finden, ist, jetzt hier zu sitzen und unser zweites Majorlabel-Album zu promoten. Nicht viele Bands kriegen diese Chance. Normalerweise geben sie dir ein Album Zeit, und wenn du dann nicht mindestens so groß bist wie Beyoncé, bist du wieder draußen. Das bestärkt uns in dem Gefühl, dass wir es mit Leuten zu tun haben, die unsere Musik verstehen. Das ist ungemein wichtig.
Ich habe mir das neue Album schon mal anhören dürfen, und wenn ich mal schleimen soll: Da hats ein paar echte Ohrwürmer drauf! "The Captain" ist ja wohl der Hammer. Aber wenn ich schon ehrlich bin: Die alte Version "Help Me Be Captain" ist noch viel viel besser. Warum habt Ihr das umgeschrieben?
Das wird die B-Seite!
Cool!
Ja, das war uns wichtig. Die gehören zusammen. Das eine ist irgendwie die Antwort auf das andere Stück.

"Zwick-mich-ich-glaub-ich-träume"


Was ich auch nicht mehr aus dem Kopf kriege, ist das Gitarrenlick von "Bubbles". Es geht das Gerücht um, dass Josh Homme da mitspielt. Kommt das Teil von ihm?
Nein, er spielt nicht das gute Zeug. (Gelächter) Josh war im Studio und hat im Outro ein paar wunderschöne Gitarren reingespielt. Das ist dann das erste Gitarrensolo, das es jemals auf einer Biffy Clyro-Platte gab. Er war aber auch wirklich gut und hat dem Ende einen wirklich schönen Anstrich verpasst und seinen Sound aufgedrückt. Aber das ganze gute Zeug ist von uns. (Gelächter)
Ihr habt auch mal mit den Queens getourt, richtig? Habt ihr Josh da näher kennengelernt? Habt ihr ihn dann eingeladen, mitzumachen? Oder wie läuft sowas ab?
Er wusste, dass wir unser Album in Los Angeles aufnehmen werden. Natürlich haben wir ihn ein klein wenig drauf festgenagelt. Manchmal lässt man solche Gelegenheiten viel zu einfach verstreichen, aber Josh war uns wichtig, und er war cool genug, für uns nach L.A. zu kommen. Er ist ja ein vielbeschäftigter Mann.
Hat er auch über Them Crooked Vultures gesprochen?
Nee, der hat dicht gehalten. Er hat so Andeutungen gemacht über Aufnahmesessions, zu denen er muss, aber wir haben es einfach für eine Queens Of The Stone Age-Session gehalten. Schade. Er hätte ruhig plaudern können.
Aber mal im Ernst: Wir waren früher alle riesen QOTSA-Fans und dann die Chance zu haben, mit Josh im Studio zu arbeiten - allein das war ein "Zwick-mich-ich-glaub-ich-träume"-Augenblick. Für diese Momente machen wir das alles. Dafür haben wir diese Band.
Wo wir gerade schon bei Berühmtheiten sind: Storm Thorgerson entwirft nun schon zum zweiten Mal ein Albumcover für Euch.
(Die Jungs nicken, sichtlich stolz.)
Seid Ihr in den künstlerischen Prozess eigentlich eingebunden oder überlasst ihr diese Sachen Agentur und Label?
Storm mag keine Plattenlabel. Storm mag Bands. Er liebt es, mit Bands zu arbeiten. Wir sagen ihm nicht von vornherein, was wir wollen - naja, das geht nicht: Er ist eben Storm Thorgerson. Wir haben ihm alle Lyrics geschickt und grob umrissen, wie das Album ausfallen wird, was die einzelnen Songs für uns bedeuten und so weiter. Daraufhin hat er uns um die 20 Bleistiftskizzen vorgelegt und ziemlich detailliert erklärt, was er sich dabei gedacht hat.
Es war dann alleine unsere Entscheidung, das richtige Motiv rauszusuchen. Aber wie du siehst, sind wir in diesem Prozess tief drin. Wir finden das auch extrem wichtig. Schließlich ist es das erste, womit du bei einer Platte konfrontiert wirst.
Wisst ihr, wie er das Cover gemacht hat? Das ist kein Foto, oder?
Doch, das ist fotografiert.
Was? Mit den Tüchern in der Luft?
Ja, alles. Das macht ihn so einzigartig. Das war kein Photoshop. Er hat das sogar mehrfach gemacht, und die Tücher flogen immer anders. Wir haben uns dann für den schönsten Moment entschieden.
Wow. Beeindruckend. Noch mal zum Album. Jetzt wirds schwierig. Man sagt und liest im Netz, dass es unter Hardcore-Biffy-Fans doch ein wenig mehr als nur Kritik am letzten Album gab. Kommerz. Sellout. Man kennt das ja. Seid ihr euch dessen bewusst? Kriegt ihr das mit? Eie geht man mit sowas um?
Klar, wissen wir das. Ich finde es auch verständlich. Unsere Musik war immer bizarr und ein wenig schräg. Da ärgert es eben manche Fans, wenn es plötzlich geradlinig und unkompliziert wird. Aber für uns war dieser Schritt einfach notwendig. Wir wollen nicht dieselben Songs in anderer Tonlage immer wieder neu schreiben. Auf "Infinity Land" haben wir total verrückte Popmusik gemacht. So bizarr wie möglich. Und es waren trotzdem gute Songs. "Puzzle" war dann eine Art musikalischer Befreiungsschlag. Unsere Reaktion auf "Infinity Land". Endlich mal Songs, die Luft zum Atmen haben, die nicht so kompliziert und vertrackt sind, sondern sich entfalten.
Aber zu deiner Frage: Wir verstehen das wirklich und lassen auch jedem seine Meinung. Aber in unserer Band ist so viel Kreativität, dass wir uns künstlerisch zunächst mal selbst befriedigen wollen, bevor wir an andere denken. Und ich glaube nicht, dass wir jetzt hier mit unserer fünften Platte säßen, wenn wir uns nicht weiterentwickeln würden. Es ist ja auch immer eine Frage der Inspiration, und da ist so ein Stilwechsel wichtig.

"Sonne ist die beste Motivation"


Ich finde die neuen Songs ehrlich gesagt noch viel kompakter und kommerzieller als auf "Puzzle". Aber wie schon gesagt: Da hat es dicke Ohrwürmer dabei. "God & Satan" zum Beispiel ist eine wunderschöne und schlichte Ballade. Da muss nicht mehr ran ...
Genau! Du sagst es. Viele Bands, die wir selbst hören, gehen in diese Richtung, My Morning Jacket oder "Worlds Apart" von Trail Of Dead - ein schlichtes Album mit wunderschönen Songs. Aber hauptsächlich sind sie so stimmig, weil sie nicht überladen wurden. Da steckt eine Linie dahinter, und wir sehen diese Linie auch in unseren Alben. Schließlich werden wir älter und entwickeln uns weiter. Naja, zumindest versuchen wir es, so gut wir können.
Noch mal zum "Captain": Der Song ist für mich schon richtiger College-Rock. Habt ihr euch das auf der US-Tour abgeschaut? Liegt es an den größeren Venues? Denkt ihr eigentlich an die Live-Performance schon beim Schreiben?
Der Song ist schon fünf Jahre alt. Wann genau die Verwandlung stattfand, weiß ich nicht mehr. Aber in größeren Venues spielen, macht bestimmt einen Unterschied. Vielleicht noch nicht mal bewusst, aber unterbewusst sicherlich. Man merkt, dass ein einfaches Riff viel effektiver sein kann als ein Dutzend komplexe Rhythmuswechsel, die in einem kleinen Club geil ankommen. Das verliert sich mit der Größe. Das ist eine musikalische Entschlackung. Nothing beats a good riff or good groove. Von Bands wie My Morning Jacket oder Aereogramme können wir nur lernen. Die haben mit ihren letzten Alben gezeigt, dass man vor guter Popmusik keine Angst haben muss.
Hat die positive Grundstimmung des neuen Albums auch mit Los Angeles zu tun? Dort aufzunehmen, ist doch sicherlich ein sonniger Spaß.
(Gelächter) Hey, das war fantastisch. Du stehst morgens auf, und die Sonne scheint. Das motiviert einen. Wir haben noch nie ein Album in Schottland aufgenommen und ...
Noch nie? Wo sind die ersten Alben entstanden?
England, Wales und Kanada. Wir müssen von zu Hause abhauen, um den Arsch hochzukriegen. Aber Sonne ist die beste Motivation.
Wenn ihr so viel unterwegs seid: Würdet ihr euch als Internet People bezeichnen?
Naja, geht so. Chatten ist manchmal praktisch. Und ich habe ein Facebook-Profil.
Wer macht denn den Blog auf biffyclyro.com?
Dreh' dich mal um. (Hinter mir sitzt Tourmanager Neil, hat Kopfhörer auf und hackt konzentriert auf einem Notebook rum) Er ist unser Tourmanager und bei wirklich allem dabei. Er hat für uns sogar die Uni geschmissen und kümmert sich um absolut alles. Er ist definitiv ein Teil der Biffy-Familie. Die Infos kommen also aus erster Hand.
Wir hatten sogar die Möglichkeit, das Blog von der Plattenfirma machen zu lassen, aber das wollten wir nicht. Es wird dann einfach zu unpersönlich.
Also keine Internet-Junkies. Irgendwelche anderen Süchte bei euch?
Oh, jetzt wirds journalistisch! (Gelächter)
Fishing for Headlines ...
(Gelächter) Nein, tut uns leid. Unsere Sucht ist die Band, und die lässt uns einfach keine Zeit, irgendwas anderes auszuprobieren. Es ist halt ein full time Job. Wir machen nichts anderes, seit wir 14 sind. Das ist jetzt mein halbes Leben. Ich glaube, das kannst du mit Fug und Recht eine Sucht nennen. Naja, zumindest unsere Freundinnen würden es so nennen. Aber wenn ich dann doch etwas nennen müsste: We're addicted to Bratwurst. And we're going on a meat frenzy for lunch!
Kann ich mit?
Klar.
Und was nehme ich jetzt als Headline?
James will bei Oasis einsteigen. Wir tauschen einfach. Noel kommt zu Biffy und dann ist Ruhe.
Kennt ihr die Jungs?
Ja. Die sind wirklich nett. Also ich habe bei denen noch nie einen Streit mitbekommen. Zur Headline: schwierig. Wir wollen jetzt endlich dieses verdammte Album rausbringen. Da hab' ich nichts anderes mehr im Kopf. Ich bin auch happy, dass du dir das Album angehört hast. Du bist der Erste überhaupt, der mit uns spricht und das Album gehört hat.
Was? Und die anderen Pressekollegen?
Keine Ahnung, was die sich denken. Das war das erste konstruktive Gespräch heute.
Danke für die Blumen! Dann machen wir jetzt noch einen kleinen Spaß für unsere Leser, okay?
Immer.
Ihr sucht euch fünf Songs aus, die unsere Leser unbedingt hören müssen, und begründet bitte auch, warum.
Nachdem sich die drei ein wenig beraten haben, stellen sie ihre momentanen Lieblingstracks in folgendem Video vor:

Die empfohlenen Tracks der Biffys könnt Ihr Euch direkt auf kix.de runterladen:

Biffy Clyro - The Captain
Wilco - You And I
The Cribs - We Were Aborted

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