laut.de-Kritik

Mehr als nur der weibliche Nick Drake.

Review von

Nick Drake ist einer dieser wenigen Künstler, deren Material ausnahmslos zur absoluten Extraklasse gehört. Und leider auch einer, von dem aufgrund seines frühen Todes viel zu wenig Material existiert. Umso mehr freut man sich, wenn hin und wieder doch noch eine verschollene Perle aus den Archiven auftaucht. So geschehen auf "The Phoenix And The Turtle" von der mit Drake befreundeten Beverley Martyn.

Besagte Perle hört auf den Namen "Reckless Jane" und beendet als Opener des Albums die lange Studiopause der Ex-Frau des Singer/Songwriters John Martyn. Fast vierzig Jahre sind vergangen, seit Nick Drake wenige Wochen vor seinem Tod mit Beverley an dem Lied schrieb. Nun grub sie den Track wieder aus und vollendete ihn. Das Ergebnis klingt nach einem Pink Moon-Song, instrumentiert wie zu Zeiten von Bryter Layter. Drakes Melancholie gepaart mit Beverleys markanter, gealterter Stimme und der Sehnsucht nach längst vergangenen Tagen.

Das Soundbild "Reckless Janes" prägt "The Phoenix And The Turtle" auch insgesamt. Handgemachter 60er- und 70er Folk: ruhig, nachdenklich, mit gefühlvollen Vocals, denen man die Lebenserfahrung ohne Einschränkung glaubt. Der Einfluss Nick Drakes ist allgegenwärtig spürbar ("Women And Malt Whiskey"), Beverley Martyn verleiht den neun Liedern jedoch auch eine deutliche eigene Note. Allerdings reicht leider keines der anderen Stücke – lyrisch wie musikalisch – an "Reckless Jane" heran.

Songs wie "Potter’s Blues" oder "Sweet Joy" haben zwar immer noch einen sehr hohen Standard, zünden aber nicht richtig, sondern plätschern eher dahin. Ihnen fehlt einfach die Griffigkeit. Erst in der zweiten Hälfte ändert sich das, wenn etwa "Levee Breaks" mit einem ziemlich coolen Gitarrensolo ankommt. Dieses stammt ebenso wie "Going To Germany" aus den Anfangstagen von Beverleys Karriere, als sie mit der Jug-Band The Levee Breakers unterwegs war.

Das Schlussdoppel "Mountain Top" und "Jesse James" bietet noch einmal Singer/Songwriter-Country vom Feinsten und bleibt sogar hängen. Ein zurückhaltendes Schlagzeug klopft sanft an, die mit viel Hall und Vibrato angereicherte Cleangitarre sorgt für ein warmes Fundament, während die Zupfgitarre den Folk ins Spiel bringt. Hintergründige Details sorgen für Atmosphäre.

"The Phoenix And The Turtle" bietet eine gute halbe Stunde Weltflucht mit universellen und gleichzeitig intimen Geschichten aus dem Leben. Beverley Martyn setzt damit ein individuelles Lebenszeichen und ist weit mehr als "nur" der weibliche Nick Drake. Ganz so einzigartig und unsterblich wie dessen Lieder präsentiert sie sich auf "The Phoenix And The Turtle" aber nicht.

Trackliste

  1. 1. Reckless Jane
  2. 2. Potter's Blues
  3. 3. Going To Germany
  4. 4. Sweet Joy
  5. 5. Nighttime
  6. 6. Levee Breaks
  7. 7. Women And Malt Whiskey
  8. 8. Mountain Top
  9. 9. Jesse James

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