laut.de-Kritik

Musikalischer Terror zu Schwarz-Weiß-Bildern.

Review von

Die Welt des Films brachte einige fruchtbare Kollaborationen hervor. Bernard Herrmann und Alfred Hitchcock bildeten wohl das erste optimal aufeinander abgestimmte Duo aus Regisseur und Komponist. Ab Mitte der 50er stieg der für seine psychologischen Porträts bekannte New Yorker zum musikalischen Leiter des Masters of Suspense auf. Ihren Höhepunkt erreichte die Zusammenarbeit 1960 mit "Psycho", dessen Soundtrack entscheidend für die Wirkung des Films ausfällt. Auf die Frage, was er mit seiner Musik habe ausdrücken wollen, entgegnete Herrmann einmal schlicht: "Terror".

Wie weit er damit vom damaligen Zeitgeist entfernt war, lässt sich exemplarisch am Oscar-Gewinner für die beste Filmmusik des selben Jahres ausmachen. Miklós Rózsas Kompositionen für "Ben Hur" strahlen Erhabenheit aus und korrespondieren mit dem monumentalen Charakter des Films. Doch "Psycho" wartet nicht mit einem heroischen Charlton Heston auf, sondern mit Anthony Perkins in der Rolle des ungelenken Motel-Inhabers Norman Bates. Statt Eskapismus bietet Hitchcocks Thriller die Konfrontation mit den monströsen Abgründen einer krankhaften Psyche.

Herrmann erwies sich als idealer Komponist für den dazu passenden Soundtrack. Noch bevor der Film irgendeines seiner Handlungselemente etabliert hat, nimmt er im Vorspann die kommenden Geschehnisse musikalisch vorweg. "Prelude" vermittelt einen ebenso gehetzten wie obsessiven Charakter. Dabei kommt dem Film das ursprünglich nur aus Budgetgründen verkleinerte musikalische Ensemble entgegen. So konnte Herrmann nur auf eine kleine Streichersektion zurückgreifen, deren begrenzte Klangwelt jedoch mit den etwas aus der Zeit gefallenen Schwarz-Weiß-Bildern harmoniert.

Mit der ersten Szene lassen Regie und Musik die aufgebaute Spannung zunächst mittels eines Ablenkungsmanövers verschwinden. Marion Crane trifft sich heimlich mit ihrem Geliebten Sam Loomis in einem Stundenhotel. Sie möchte ihre Liaison auf ein solides Fundament heben, doch um zu Heiraten, fehlt es ihnen an finanziellen Mitteln. Mit sanfter Wehmut folgt auch Herrmann in "Marion And Sam" zunächst den Konventionen des Liebesfilms, bis sich die Versuchung in Form von 40.000 $ anschleicht, die die als Sekretärin eines Immobilienbüros arbeitende Crane zur Bank bringen soll.

Während sie geschäftig ihre Koffer packt, baut sich "Temptation" in einem stetigen Loop auf und ebbt wieder ab, um den Prozess der Entscheidungsfindung zu veranschaulichen. Crane steckt das Geld ein und flüchtet aus der Stadt. Zwischen Panik und Paranoia begleiten "Flight" und "The Patrol Car" ihren Aufbruch, wobei die Elemente des "Prelude" zurückkehren. Neben dem dominanten Score tragen die filmischen und schauspielerischen Mittel während der Autofahrt kaum etwas zur angespannten Stimmung bei. Herrmann liefert damit ein Musterbeispiel für musikalischen Mehrwert.

Herrmanns Streicher treiben die innere Unruhe schließlich im unheilvollen "The Rainstorm" auf die Spitze. Ironischerweise setzt die Musik aus, wenn Crane das Schild mit der Aufschrift "Bates Motel" erreicht, das fälschlicherweise Sicherheit verspricht. Im oscarnominierten Dokumentarfilm "Music For The Movies: Bernard Herrmann" hebt der französische Regisseur Claude Chabrol die Bedeutung des Komponisten in den Flucht-Szenen hervor: "Wir spüren, dass wir uns auf etwas zubewegen. Wenn wir beim Hotel ankommen, ist es offensichtlich, dass dies der Ort ist, wo etwas passieren wird."

Das dortige Aufeinandertreffen der modernen Crane mit dem Modernisierungsverlierer Bates, der dem Vernehmen nach alleine mit seiner Mutter im abgeschiedenen Motel-Mikrokosmos haust, verzichtet auf eine musikalische Begleitung. Stattdessen wartet der unter den wachsamen Augen ausgestopfter Vögel stattfindende Dialog mit jeder Menge Foreshadowing auf. Erst wenn Bates seinem voyeuristischen Begehren nachgibt und seinen weiblichen Gast durch ein Loch in der Badezimmerwand beobachtet, erhöht sich begleitet von "The Peephole" allmählich der Ruhepuls.

Der wird in der berühmten Duschszene auf die Spitze getrieben. Ursprünglich hatte Hitchcock für den Mord an Marion Crane keine Musik vorgesehen, doch Bernard Herrmann vertraute seinem Instinkt, ignorierte seinen Arbeitgeber und überraschte ihn schließlich mit den berühmten frenetischen Geigen, die zu den meistzitierten Motiven der Filmmusik gehören dürften. "The Murder" spiegelt sowohl die Schreie der überraschten Marion Crane als auch die Vorwärtsbewegung der zustechenden Klinge des im Schatten verborgenen Täters wider.

Genau genommen existieren unzählige Interpretationen zu dem weniger als eine Minute dauernden Herzstück des Soundtracks. So gehen die schrillen, stakkatohaften Streicher zu immer langsameren, tieferen Tönen über, was den Weg von akuter Panik zum sich verlangsamenden Puls der sterbenden Hauptfigur beschreibt. Andere Lesarten wie die von Claude Chabrol erkennen in den Violinen kreischende Vogelschreie, womit Herrmann auf Bates' Vorliebe zur Vogelpräparation verweist und ihn damit bereits als wahren Täter in seiner Musik codiert.

Alfred Hitchcock setzt die anschließende Reinigung des Tatorts unspektakulär in Szene. Auch Perkins verbleibt weitgehend ausdruckslos. So wird Herrmann erneut die Aufgabe zuteil, die Streicher in Schwingung zu versetzen, um mit "The Water" die fiebrige Anspannung hinter der Figur musikalisch zu belegen. Im weiteren Verlauf des Films treten die Elemente des Krimis hervor. Die Suche nach Crane durch ihre Schwester Lila, Sam Loomis und einem Detektiv verläuft rationaler, sodass die Musik in den Hintergrund rückt und etwa in "Cabin 1" oder "The Hill" die Spannung verstärkt.

Bernard Herrmanns Score ist weit von wohlfeiler, redundanter Begleitmusik entfernt, was dem selbstbewussten New Yorker durchaus bewusst war: "Hitchcock beendet einen Film nur zu 60 %: Ich muss ihn für ihn fertigstellen." Auch wenn sich ihre Wege 1966 im Streit trennten, erkannte Hitchcock die Bedeutung seines langjährigen Stammkomponisten für sein Werk an. So setzte er ihn in den Opening Credits vor sich an die vorletzte Position und adelte ihn zudem mit der Feststellung: "33% der Wirkung von 'Psycho' ist auf die Musik zurückzuführen." Mindestens, ließe sich hinzufügen.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Prelude
  2. 2. The City
  3. 3. Marion
  4. 4. Marion And Sam
  5. 5. Temptation
  6. 6. Flight
  7. 7. The Patrol Car
  8. 8. The Car Lot
  9. 9. The Package
  10. 10. The Rainstorm
  11. 11. Hotel Room
  12. 12. The Window
  13. 13. The Parlour
  14. 14. The Madhouse
  15. 15. The Peephole
  16. 16. The Bathroom
  17. 17. The Murder
  18. 18. The Body
  19. 19. The Office
  20. 20. The Curtain
  21. 21. The Water
  22. 22. The Car
  23. 23. The Swamp
  24. 24. The Search
  25. 25. The Shadow
  26. 26. Phone Booth
  27. 27. The Porch
  28. 28. The Stairs
  29. 29. The Knife
  30. 30. The Search
  31. 31. The First Floor
  32. 32. Cabin 10
  33. 33. Cabin 1
  34. 34. The Hill
  35. 35. The Bedroom
  36. 36. The Toys
  37. 37. The Cellar
  38. 38. Discovery
  39. 39. Finale

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