4. März 2006

"Wir haben Deutschland bisher übersehen!"

Interview geführt von

Stuart Murdoch, der sanfte Patriarch von Belle & Sebastian, gilt als pressescheu, schwierig, eigensinnig. All das stellt sich als unwahr heraus, als wir in der Tadschikischen Teestube in Berlin bei Tee und Apfelstrudel über das neue Album "The Life Pursuit" sprechen. Murdoch ist sympathisch, offen und gar nicht schwierig.Die Teestube, eine Berliner Institution in Sachen Heißgetränke, ist schon ein außergewöhnlicher Ort für ein Interview. Umso mehr freue ich mich, als ich erfahre, dass dieses das einzige Gespräch ist, dass Stuart Murdoch an diesem Nachmittag dort führen wird. Nachdem er seine schwarze Lederjacke, in der er viel rockiger aussieht, als er eigentlich ist, abgelegt hat, sitzen wir im Schneidersitz an den niedrigen Tischen und ich darf ihm erstmal die Speisekarte übersetzen. Nachdem die Wahl auf Apfelstrudel gefallen ist, kann es um den neuesten Output der ungekrönten Indiepäpste gehen.

Stuart, hast Du schon viele dieser Promotermine hinter Dir?

Nein, es geht. In Großbritannien waren es noch nicht so viele, aber ich war in Japan, um Promo zu machen. Das hat Spaß gemacht.

Wie machen sich Belle & Sebastian denn in Japan?

Es scheint so, dass wir überall, wo wir hinkommen, gleich erfolgreich sind. Wenn du dir die Bevölkerung anschaust ... ich meine, wir haben in den USA gespielt, in Japan, in Deutschland, in Brasilien, und immer, wenn wir in eine Stadt kommen, sind da ein paar tausend Leute. Es läuft ganz gut.

Sie sind wahrscheinlich froh, dass Ihr endlich mal vorbeikommt.

Ja, vielleicht.

Als ich das neue Album das erste Mal gehört habe, fiel mir sofort der veränderte Sound auf. Es klingt anders als "Dear Catastrophe Waitress".

Ja, das ist möglich. Du kannst das wahrscheinlich besser beurteilen, denn ich habe mir das letzte Album lange nicht angehört.

Wie, du hast es dir nicht angehört?

Klar kenne ich es, aber es würde mir glaube ich Angst machen, zurückzugehen und das letzte Album anzuhören. Mir ist allerdings aufgefallen, dass ich beim letzten Album manchmal das Gefühl hatte, dieser oder jener Track würde nicht funktionieren. Oder dass dieser oder jener Track fast funktioniert. Ich weiß nicht, ob Du weißt, was ich meine.

Ich weiß nicht, von welchen Tracks Du sprichst, aber ich ahne, was du meinst.

Das Lustige daran ist, es ist eine Frage der Produktion. Das sage ich der Band, und die wollen mich dann umbringen, weil sie nicht verstehen, was ich meine. Entweder, sie stimmen mir nicht zu, oder sie verstehen es nicht, oder sie denken, ich werde persönlich. (lacht) Sie nehmen es persönlich, wenn ich sage: "Hör mal, das funktioniert irgendwie nicht." - "I'm A Cuckoo" auf der letzten Platte zum Beispiel. Für mich haben da Vocals und Track nicht zusammen gepasst. Von der Produktion her. Es gab ein paar dieser Fälle, aber bei dieser Platte habe ich keine Beschwerden. Das ist gut!

Ich habe den Eindruck, es klingt viel fröhlicher, positiver. Zumindest in der ersten Hälfte des Albums. Ich rede von "White Collar Boy" und "The Blues Are Still Blue" beispielsweise. Die zweite Hälfte ist dagegen ein wenig sanfter.

Dieses Gefühl hast du wohl Stevie zu verdanken. Als es daran ging, das Album in die richtige Reihenfolge zu bringen, hat er das Ruder übernommen. Er hat darauf bestanden, dass wir viele so genannte "Up-Numbers" gleich zu Beginn haben. Wenn es nach mir gegangen wäre, wäre es anders gelaufen. Aber dieses Mal ist es nach ihm gegangen.

Heißt das etwa, dass die anderen Bandmitglieder jetzt mehr Mitspracherecht bekommen?

Ich denke einfach, dass Stevie dieses Mal dickköpfiger war. Er war stolzer und glücklicher mit dieser Platte.

Hat er mehr geschrieben?

Nein, ich denke nicht, aber er hatte wohl das Gefühl, dass diese Platte mehr eine Kollaboration war. Dass es richtig wäre, dass er entscheiden darf, wie die Tracklist aussehen sollte. Ich hätte da eine große Szene draus machen können, aber ich (zögert kurz) habe ihm getraut.

Wenn die Plattenfirma begeistert ist ...


Es scheint so, als wärst du sehr zufrieden.

Zufrieden ... Ich denke, es ist ok. Ich denke, ich hätte es anders gemacht. Ein klein wenig zumindest. Wenn ich mir heutzutage eine Platte anhöre, gefällt mir nicht, dass es immer so - Track eins, Bang! Track zwei, Bang! Track drei, Bang! Track vier, Bang! - abläuft. Und die ersten vier Stücke auf unserem Album sind genau so. Naja, "Act Of The Apostle" kommt langsam, das ist gut. Track zwei ("Another Sunny Day") ist auch gut, aber Track drei ("White Collar Boy") ... Mit dem dritten Track würde ich die Leute lieber greifen und ein wenig beruhigen. Vielleicht eine Geschichte entwickeln.

Das war auf den anderen Alben ja immer sehr präsent.

Genau. Es ist dieses Mal ein wenig dynamischer.

Wie lange ist das Album denn jetzt fertig?

Wir haben es im Sommer fertig gestellt. Wir haben uns sehr auf die Produktion, auf den Sound des Albums konzentriert, und sehr auf das Spielen der Gruppe. Es sollte die Platte zu einer beständigeren Sache machen. Nicht so etwas launisches, sondern etwas, was man sich immer wieder anhören kann. Klar habe ich mir die Platte oft angehört. Während der Aufnahmen, während dem Mastern. Es gibt einige Songs auf dem Album, die haben einen sehr soliden Sound. "Funny Little Frog" zum Beispiel. Der Sound von "Act Of The Apostle", das klingt einfach gut, richtig. Dieses Gefühl hatte ich bei unseren früheren Alben nicht so sehr.

Ihr seid für die Aufnahme des Albums nach Kalifornien gegangen. War das das erste Mal, dass Ihr außerhalb Großbritanniens aufgenommen habt?

Ja. Wir haben "Storytelling" zwar auch teilweise in New York aufgenommen, aber Teile dieser Aufnahmen sind im Müll gelandet. Das ist also unser erstes großes Projekt im Ausland.

Hat das vielleicht einen Einfluss auf den Sound?

Ich denke schon. Ich bin froh, dass du mich nicht nach dem Schreibprozess gefragt hast. Manche Leute fragen mich, wie mein Songwriting von Los Angeles beeinflusst wurde. Die Songs sind lange vorher fertig. Sonst wären wir nur Dummies. Der Sound hingegen ist eine Kombination aus der Tatsache, dass Tony Hoffer der Richtige für diesen Job war, dass er mit uns auf einer Welle lag und dass er uns in sein Lieblingsstudio gebracht hat. Er hat die Band gestimmt, fast so, als wären wir ein Orchester. Das ist das, was ein guter Produzent tun sollte. Bei jedem Stück hat er uns morgens in Position gebracht. Wenn er dann dachte, dass die Position jedes einzelnen Spielers richtig wäre, hat er mit der Balance angefangen. Dann hat er uns nochmal verschoben, oder ein Mikrofon anders eingestellt. So hat jeder Track eine andere Mischung und eine andere Balance erhalten. Schon bevor wir aufgenommen haben.

Wir haben live gespielt, aber wir haben eine Aufnahme gemacht. Obwohl wir live spielten, schufen wir etwas Künstliches. Es war fast so, als hätte er uns live abgemischt. Tony hat seine Hausaufgaben gemacht, und das ist großartig. Rough Trade, unsere Plattenfirma, kam nach Los Angeles an dem Tag, als wir den zweiten Teil von "Act Of The Apostle" aufnahmen. Da beginnen wir mit einem Instrumentalteil, der dann akustisch wird. Am Ende kommt dann nochmal eine Reprise. Es war ziemlich komplex, aber wir waren sehr selbstbewusst damals. Tony hat einen guten Sound hinbekommen.

Als wir es den Rough Trade-Leuten vorspielten, dachten sie, das wäre schon die fertige Platte. Das hat mich sehr gefreut. Aber es stimmte auch, man konnte es ja hören. Als ich gesungen habe, klang es so, als würde ich von einer Platte singen. Als würde ich schon die Platte hören. Wir wollten von Anfang an, als wir begannen Songs zu schreiben, einen schlagkräftigeren Sound und das Arrangement wirklich fertig haben. Wir wollten uns keine Sorgen um ein Streicherarrangement machen oder hinterher noch Dinge hinzufügen müssen. So konnten wir uns auf die Performance konzentrieren.

Wie sieht es mit einer Belle & Sebastian-Tournee aus?

Wir machen gerade die Tour durch Europa, also Frankreich und Deutschland fest und entscheiden mit unserem Booker Günther, welche deutschen Städte wir besuchen sollten. Wir möchten mal andere sehen. Wahrscheinlich sind wir im Mai hier.

Viel getourt seid ihr außerhalb der UK ja bislang nicht.

Ich glaube, wir haben Deutschland bisher einfach übersehen. Wir wollen aber immer wiederkommen, so lange die Band besteht.

Ayr United vs. Mark Lanegan


Dann gibt es da ja noch das Comic-Projekt. Worum geht es da?

Das hat gar nicht so viel direkt mit der Band zu tun. Ich habe aber schon in einem frühen Stadium davon gewusst. Die Herausgeber sind an uns herangetreten und erzählten, was sie vorhatten. Sie haben mir die fertige Geschichte zugesandt. Das ist cool, ich mag Comics. Ich habe irgendwo mal etwas von einem bestimmten Comic erzählt, "Optic Nerve", vielleicht hat sie das ermutigt, diesen Comic zu machen.

Und in diesem Comic werden dann Belle & Sebastian-Lyrics bebildert?

Genau, aber von einem unabhängigen Standpunkt. Jeder Comic-Zeichner hat sich einen Song ausgesucht. Ich habe ein paar davon schon durchgesehen. Einige sind sehr nah am Song, andere sind eher abstrakt. Vielleicht gehen sie da mehr nach einem Gefühl, den der Song ihnen gegeben hat. Aber jede Geschichte bezieht sich auf einen anderen Song.

Sind das Songs aus eurer ganzen Karriere?

Ja. Ich glaube, mein Lieblingscomic ist der zu einem Song namens "Marx And Engels".

Hast Du direkt mit der Band Future Pilot AKA zu tun, oder ist das eine befreundete Band?

Das ist ein Freund von uns, der uns ins Studio eingeladen hat. In den Achtzigern hatte er eine Band names Soup Dragons, er spielte dort Bass. Nach deren Ende sind alle Mitglieder in ziemlich verschiedene Richtungen gegangen. Seine Musik ist sehr eklektisch und traumartig. Es hat einen Hindu-Flavor. Er hat Sara und mich gefragt, ob wir auf seiner Platte singen wollen und es ist sehr poppig geworden.

In Glasgow scheint ja eine Menge vor sich zu gehen im Moment. Wie hat die lokale Szene auf Franz Ferdinand reagiert und alles, was danach passiert ist?

Manchmal denke ich, ich bin nicht lange genug zu Hause. Wenn man lange weg ist, fällt man aus den Dingen heraus und es ist schwer, wieder reinzukommen. Man muss hart arbeiten, um mitzubekommen, was alles so passiert ist. Aber ich sehe eine ganze Menge Kids, die Gitarren durch die Gegend schleppen. Und es gibt Bands, die ständig irgendwo auftreten, und eine ganze Menge Open-Mic-Nächte, wo Leute einfach mit ihrer Gitarre auf die Bühne gehen.

In einem Buch, dass ich über euch gelesen habe, wird immer wieder betont, dass ihr große Fußballfans seid. Stimmt das?

Ich liebe es, Fußball zu spielen. Eigentlich mehr als alles andere.

Du spielst also lieber, als im Stadion zu stehen?

Oh, ich habe jahrelang die Geschicke eines kleinen Teams verfolgt. Ich sehe sie leider nicht mehr so oft spielen, aber ich verfolge immer noch, was sie so machen. Sie nennen sich Ayr United.

Wo liegt das, Ayr?

Es ist an der Westküste von Schottland, fünfzig Kilometer südlich von Glasgow.

In der ersten schottischen Liga gibt es ja eine ganze Menge Spannung im Moment. Hearts Of Midlothian sind nur knapp hinter Celtic Glasgow, das war nicht immer so eine enge Sache.

Ja, und die Rangers sind abgeschlagen. Roy Keane hat gerade bei Celtic unterschrieben. Ich denke, er spielt ab sofort für sie. Das sind Big News in Schottland. (Mittlerweile ist auch Hearts weit abgeschlagen und alles läuft darauf hinaus, dass die Celtics wieder mal die Meisterschaft gewinnen.)

Habt ihr denn Gelegenheit zu spielen, wenn ihr auf Tour seid?

Wir spielen nicht selten! Wir organisieren Spiele mit den Fans, beziehungsweise lassen die Fans sie organisieren. Wenn wir in Los Angeles sind, dann spielen wir mit unseren Fans dort.

Du kennst das Buch sicherlich, es ist von Paul Whitelaw.

Ja, klar. Ich habe es für ihn Korrektur gelesen. Wir haben schon viele Interviews gemacht. Das Buchcover habe ich für ihn entworfen.

Wirklich? Das gefällt mir außerordentlich gut. Es sieht aus wie das Cover eines Jugendbuchs.

Das ist genau die Idee dahinter. Ein Buch für Jugendliche, das man vielleicht in einer Schulbücherei finden würde. In den Achtzigern oder Siebzigern vielleicht. - Aber ja, Paul ist ein Freund von mir. Es war lustig, das Buch zu lesen, weil es mich daran erinnert hat, wie witzig Stuard David ist. Auch Chris ist wirklich lustig.

Hast du die Platte von Isobell Campbell und Mark Lanegan gehört?

Nein, das habe ich nicht. Hast du sie gehört?

Ja, sie kommt im Januar raus. Mark Lanegan ist sehr präsent auf dem Album.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn kenne. Ist er berühmt?

Ich erzähle ihm noch, dass Mark Lanegan bei den Queens Of The Stone Age und bei den Screaming Trees aktiv war, aber schon seit langem Solosachen macht. Doch es ist offensichtlich, dass Stuart sich nicht wirklich dafür interessiert, was Isobel dieser Tage so treibt ...

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