15. November 2011

"Ich war ein Arsch, Noel war ein Arsch"

Interview geführt von

Neue Band, neue Attitüde: Beady Eye zeigten sich beim Interview vor ihrem Konzert in Zürich so gesprächig wie ein Newcomeract und nahmen dementsprechend kein Blatt vor den Mund. Selbst Liam plauderte munter drauf los."Was ist denn mit denen los?", musste man sich zwangsläufig während des Interviews im Backstage des Zürcher Volkshaus fragen. Da saßen sie also, Gem Archer, Andy Bell, Chris Sharrock sowie Liam Gallagher und plauderten frisch drauf los, als hätten sie nicht schon hunderte Interviews in ihrem Leben gegeben. Interviews, in denen sich gerade Liam gerne als besonders wortkarger Gesprächspartner präsentierte.

Doch nicht an diesem Abend. Offenbar machen die Ex-Oasis-Mitglieder gerade sowas wie ihren zweiten Frühling durch. Auch von Liams oft gepflegter Arroganz war nichts zu spüren - zumindest nicht beim Gespräch. Denn keiner konnte ahnen, dass nur wenig später das Konzert bereits nach 20 Minuten wegen Liams Stimmproblemen abgebrochen wurde.

Und zwar so, wie in den guten alten Oasis-Zeiten: Er ging von der Bühne, verschwand Backstage, stieg in die Limo und fuhr direkt ins Hotel. Keine Entschuldigung, keine Begründung, nichts. Nur der verdutzte Konzertveranstalter gab ein kurzes Statement ab. Liam Gallagher, der Mann mit den zwei Gesichtern.

Wie fühlt ihr euch?

Liam: Großartig.

Schon heiß auf die Show?

Liam: Noch nicht. Aber das kommt noch. Was ist mit dir?

Bin sehr gespannt.

Liam: Good Lad.

Welcher neue Song wird das Publikum wohl am meisten umhauen?

Liam: "Four Letter Word" - weil es verdammt guter Rock ist. Aber das ist nicht der Einzige.

Gem: Sogar die ruhigen Songs können richtig abgehen. Es könnte jeder Song sein, und das ist das Schöne an dieser Platte.

Liam: Das ganze Ding haut dich um.

Mögt ihr bestimmte Nummern besonders?

Andy: Nein. Ich mag es, die neuen Lieder zu spielen, beispielsweise "In The Bubble With The Bullet". Das ist der Neueste, den wir spielen. Er ist auf der B-Seite unserer letzten Single.

Gem: Das ist auch das Schöne, wenn man live spielt. Du weißt nie, welcher Song das Publikum aus dem Sitz haut. Nach dem Gig denkst du dir: "Mann, die gingen ja richtig ab."

Was erwartet ihr denn vom heutigen Konzert?

(Langes Nachdenken)

Gem: Nicht viele Leute, die Earplugs tragen. Ihr habt ja eine ziemlich strenge Dezibel-Limite.

Oh ja leider.

Gem: Warum wehrt ihr euch nicht dagegen? Warum verteilt ihr nicht einfach Flyer vor dem Konzert, die davor warnen, dass es etwas laut werden könnte?

Liam: Das weißt du nie. Manchmal denkst du dir, bei diesem Publikum wird es von Beginn weg krachen. Und dann geht gar nichts. Und manchmal erwischt es dich eiskalt, wenn das Publikum unerwartet abgeht. Ich gehe davon aus, dass sie aber heute völlig durchdrehen werden.

Welches Publikum geht denn zu Beady Eye-Konzerten?

Liam: Ich hoffe schon, dass auch Fans da sind, die nicht wegen Oasis kommen. Aber wer weiß das schon.

Gem: Musikliebhaber mit Attitüde und Leidenschaft. Darum gehts.

Liam: Einfach Beady Eye-Fans.

Andy: Gerade für die jungen Fans werden unsere Songs in fünf Jahren Klassiker sein, weil sie diese mit ihrer Jugend verbinden. Genauso wie bei den Oasis-Fans, die sich vor allem den alten Sachen verbunden fühlen. Das war auch das Problem von Oasis. Die beiden ersten Alben lasteten auf uns. Aber mit Beady Eye fangen wir nochmals von ganz vorne an. Und wie bei Oasis wird auch unser erstes Album zum Klassiker werden.

Fühlt es sich auf der Bühne denn anders an verglichen mit der Oasis-Zeit?

Liam: Nein, nicht für mich. Natürlich steht jetzt Noel nicht mehr neben mir. Aber ich habe ihm sowieso nie groß Aufmerksamkeit geschenkt. Meine Aufgabe ist es, da raus zu gehen, vor das Mikrophon zu stehen und zu hoffen, dass die Stimme mitmacht. Dann lass ich mich einfach gehen. Für Andy ist es natürlich ein Unterschied, da er jetzt Gitarre spielt.

Andy: Ja, jetzt muss ich mich konzentrieren.

Welche Sounds beeinflussten denn das neue Album?

Liam: Gute Musik. Wir wollen einfach Musik machen, auf die wir stolz sein können. Es soll einfach groß und hip klingen.

Musik, wie zum Beispiel?

Liam: Musik, die wir machen. Das ist unser Erfolgsrezept. Wir müssen niemandem den Schwanz lutschen und unseren Sound für irgendjemanden ändern. Unsere Musik steht für sich selber.

Habt ihr Druck beim Aufnehmen der neuen Platte verspürt? Die Erwartungen waren ja hoch.

Liam: Nein, die Erwartungen waren sogar sehr niedrig.

Gem: Ha, die waren wirklich verdammt niedrig.

Liam: Besonders in England.

Gem: Ja, wenn du durch die Welt tourst, dann merkst du, dass die Leute andere Erwartungen hatten. Manche Leute waren sich sicher, dass es ein Stück Scheiße wird.

Andy: Manche behaupteten sogar, es würde das Wort Scheiße neu definieren.

(Großes Gelächter)

Aber manche Oasis-Fans freuten sich doch auf das Album, oder?

Andy: Nein, die Oasis-Fans waren die Schlimmsten.

Gem: Innerhalb des Oasis-Fan-Blocks gab es verschiedene Strömungen. Es war also nie garantiert, dass das Album überall gut ankommen würde.

Andy: Um fair zu sein, als die Platte dann kam, waren die meisten von ihnen an Bord.

Liam: Und die, die angepisst waren, wollten Oasis einfach wieder zusammen sehen.

Welche Ziele kann es für Beady Eye geben?

Gem: Ein gutes zweites Album zu machen.

Andy: Das Touren läuft super. Wir sind mittlerweile eine sehr gute Liveband. Wir wollen jetzt aber die zweite Platte in Angriff nehmen.

Gibts schon konkrete Pläne? Was können wir vom zweiten Album erwarten?

Liam: Wir starten nächstes Jahr und werden sicher nicht hetzen. Vielleicht läuft es leicht, vielleicht brauchen wir aber etwas mehr Zeit. Ich möchte aber, dass es noch kommendes Jahr erscheint.

Schreibt ihr schon an neuen Songs?

Liam: Von manchen existieren bereits Demo-Aufnahmen. Andere sind noch in der Warteschlaufe.

Gem: Einige sind schon geschrieben, manche zur Hälfte fertig und andere müssen noch geschrieben werden.

Wie läuft der Songwritingprozess bei euch ab? Wer schreibt denn die Songs?

Gem: Wir alle.

Dazu habt ihr alle noch Familie, habt Kinder. Songs schreiben, im Studio, auf Tour: Wie bringt man das unter einen Hut?

Liam: Wir haben nie etwas anderes gemacht. Die Kinder gehen zur Schule, unsere Frauen gehen ab und an arbeiten, so wie wir. Nur arbeiten wir natürlich etwas mehr.

Chris: Aber wenn wir dann zuhause sind, sind wir rund um die Uhr für sie da.

Gem: Wenn du Taxifahrer bist, kann es durchaus sein, dass du deine Familie gar nicht siehst, weil du rund um die Uhr arbeitest. So gesehen, schweißt das Touren die Familie auch zusammen.

"Neil Young hat es immer noch drauf"


Liam, du hast mal gesagt, dass du dir nichts anderes vorstellen kannst, als R'n'R zu machen ...

Liam: Klar gäbe es noch andere Dinge, die ich tun könnte. Aber das will ich nicht. Ich will der Sänger einer Rockband sein und Lieder singen – egal ob sie von Andy, Gem, mir oder Noel geschrieben wurden.

Könntest du dir vorstellen, irgendwann die Musik an den Nagel zu hängen?

Liam: Erst wenn es jede verdammte Person auf diesem Planeten will.

(Großes Gelächter, besonders bei Gem)

Liam: Gut, wenn nur ein Einziger übrig bleibt, der mich hören will, müsste ich es mir doch noch mal überlegen.

Dann wollt ihr also wie die Rolling Stones als Rockopas enden?

Liam: Ja, warum nicht? Solange ich Haare auf dem Kopf habe und die Musik gut ist.

Gem: Alter sollte keine Rolle spielen. Schau dir Neil Young an. Der Typ hats immer noch drauf.

Liam: Sogar Keith Richards steht immer noch gut auf den Beinen.

Andy: Neil Young ist der Maßstab.

Bob Dylan auch?

Andy: Ja, aber der Bob Dylan ist nicht cool.

Gem: Puh. Mit Bob Dylan verhält es sich komisch. Er hat den Ruf, absichtlich Scheiße zu sein.

Liam: Und das Problem mit den Stones ist, dass sie einfach keine neue Musik mehr produzieren. Die machen einfach eine Tour, wann immer es ihnen gefällt. Und spielen dort die ewig gleichen Songs, wie es die Leute offensichtlich verlangen. Aber als Band musst du doch einfach immer neue Musik machen, ob es den Leuten nun gefällt oder nicht. Das verstehe ich einfach nicht.

Man muss doch nicht unbedingt versuchen, hip zu sein, oder das zu tun, was gerade angesagt ist. Sondern einfach das, was man am besten kann. Und wenn es halt immer noch so klingt, wie damals, als du 20 warst, dann soll es halt so sein. Hauptsache es ist gut. Es wird immer Leute geben, die deine Melodie oder deinen Gitarrensound lieben.

Zurück zu Beady Eye: Haben sich die Kräfteverhältnisse innerhalb der Band seit dem Split verschoben?

Gem: Natürlich.

Andy: Diese Brüder-Dynamik ist vorbei. Oasis ist Geschichte, eine Person verließ die Band. Klar haben sich die Kräfteverhältnisse innerhalb der Band verändert.

Gem: Das bandinterne Gerüst von Oasis stand ja schon fest, bevor ich und Andy zur Band stießen. Aber wie ich immer sage: Die Luft in einem Raum kann sich durch das Verhalten einer einzigen Person schlagartig ändern.

"Noel ist eine einzige, große Pressekonferenz"


Lasst uns ein wenig über das neue Album von Noel sprechen. Was haltet ihr davon?

Liam: Ich habe es bis jetzt noch nicht komplett gehört. Aber was ich gehört habe, klingt sehr nach Noel.

Was meinst du genau?

Liam: Einfach verdammt nach Noel. Es berührt mich nicht, aber ich bin sicher, es wird ihn und sein Publikum berühren. R'n'R ist es aber nicht. Die Songs sind gut strukturiert und alles. Aber für mich fehlt einfach das gewisse Etwas. Es ist einfach nicht mein Geschmack. Ich bin sicher, jemand wird es mögen.

Warst du überrascht, als Noel eine große Pressekonferenz gegeben hat, um sein neues Album vorzustellen?

Liam: Nein, weil Noel eine einzige große Pressekonferenz ist. Er mag es halt, wenn die Leute ihm morgens beim Kacken zusehen können, und wie er sein Frühstück zu sich nimmt. So ist er halt drauf.

Du sagtest mal, seine Musik klinge nach Dido ...

Liam: Nein, ich sagte, der neue Song ... ähm, nein warte, ich sagte einfach nur Dido. Mich ziehst du da nicht rein, Freundchen.

Gabs einen Augenblick, bei dem ihr das Ende von Oasis bereut habt?

Liam: Nein, für alles gibt es einen Grund. Ich bereue nichts. Wir haben darüber gestritten, über was wir uns streiten. Meine Gefühle, um was es in diesem Streit ging, waren sehr stark. Und offensichtlich waren seine Gefühle stark genug, dass er sagte 'Fickt euch' und aus der Türe ging. Ich musste das einfach loswerden. Sonst hätte ich die Beherrschung verloren. Solche Mätzchen brauchen wir nicht mehr.

Um was gings dabei? Noel erklärte, dass es beim Streit um deine Modelinie ...

Gem, Andy (entnervt): Wir haben das alles schon durchgekaut, Kumpel.

Gem: Scheiße, und zwar eine Million Mal.

Liam: Um die Modelinie ging es jedenfalls nicht.

Es wäre aber wirklich spannend es zu erfahren.

Liam: Du hast gefragt, wir haben geantwortet, weiter gehts. Es ging nicht um die Modelinie. Es ging darum, dass ich ein Arsch war, dass er ein Arsch war. Ende der Geschichte.

Okay. By the way: Wie läuft es denn mit der Modelinie?

Liam: Gut. Es ginge noch weitaus besser, wenn wir im Oasis-Programm hätten werben dürfen.

(Großes Gelächter)

Liam: Dann wären wir jetzt riesig. Nein, ernsthaft, es läuft gut.

Willst du neue Läden eröffnen?

Liam: Ja, einer öffnet in Mailand. Und später vielleicht sonst noch irgendwo. Aber mal sehen, eines nach dem anderen. Wir wollen überall sein.

Tragt ihr eigentlich alle in der Band Liams Marke?

Liam: Ja, wir tragen sie alle - manchmal.

Gem: Ja, wir lieben sie. Es ist genau mein Stil. Meistens, wenn du was im Laden anprobierst, hat es irgendwelche Stickereien auf dem Rücken, die aussehen, als hätte jemand drüber gekotzt. Aber Liams Sachen haben Stil.

Liam: Ich fordere die anderen ja nicht auf, meine Kleider anzuziehen. Aber es gefällt den Jungs.

Wie würdet ihr den Klamottenstyle denn beschreiben?

Gem: Es ist kein spezifischer Stil. Es vereint ein bisschen von allem, jedenfalls nicht einfach retro. Im Moment ist ja diese Clubmode angesagt. Die ist total schockierend. Einige dieser Designer nehmen scheinbar zu viele Drogen. Für mich funktioniert das jedenfalls nicht.

Ich dachte in London gibt es die am besten gekleideten Menschen?

Gem: Das kommt und geht in Phasen.

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