laut.de-Kritik

Zwischen Serge Gainsbourg und einer Sleaford Mods-Maxi auf 33 RPM.

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Es wird mir immer ein Rätsel bleiben, was Kinder von berühmten Musikern antreibt, im selben Geschäft als Solokünstler Fuß fassen zu wollen. Das Publikum liebt immer den Alten und ist randvoll mit Vorurteilen. Der erste Labeldeal? Von Daddy eingefädelt. Kein Künstlername, sondern der echte? Will nur von Daddys Erfolg profitieren. Ein einziges Waldorf-und-Statler-Spiel. Wenn man es dann tatsächlich schafft und den Alten sogar überflügelt, wie etwa Miley Cyrus, muss schon ein Army-Ranger-Stahlbad wie Disney irgendwie damit zu tun haben.

Baxter Dury kennt das alles. Mehr noch: Er ist für immer der Fünfjährige neben seinem Vater Ian Dury auf dem Cover von dessen Klassiker-Debütalbum "New Boots And Panties". Baxter wuchs in eine Familie hinein, in der Kunstschaffende ein- und ausgingen, er sog den schrulligen Pubrock des Vaters in sich auf, die allgegenwärtigen Soul- und Funk-Platten, und ergänzte dieses Basiswissen später um den selbst erkundeten Hip Hop. Für ein Promofoto zu "The Night Chancers" posiert der 48-Jährige vor einem Kaufhaus-Schaufenster, als Reminiszenz an das berühmte Cover des Vaters.

Gegenüber der Irish Times kanzelte er 2018 zum wiederholten Male Vergleiche zum auf der Insel hoch geschätzten Erbe ab und klang dabei so entspannt, als hieße er Smith oder Jones: "Ich versuche nicht, vor ihm wegzurennen oder ihn mundtot zu machen. Ich versuche nur zu beweisen, dass ich auf meine Art und Weise auch wertvoll bin. Vergleiche nerven dich nur, so lange du dich selbst nicht kennst oder mit deinem Zeug unsicher bist."

Schon 2017 ergab plötzlich alles Sinn. Sein fünftes Album "Prince Of Tears" katapultierte den Cockney-Slacker heraus aus seinem bis dato auch für ihn selbst rätselhaften insularen Superstar-in-Frankreich-Status. Man kaufte nun auch in anderen Ländern seine Platten. Was er mit einiger Genugtuung verfolgte: "Frankreich ist das einzige Land auf der Welt, das auf die Eins und die Drei klatscht, statt auf die Zwei und auf die Vier. Bei denen stimmt also was nicht. Die sollten besser beim Gebäck bleiben", ätzte er auf The Quietus.

Auf "The Night Chancers" zieht er seine Soundvision von "Prince Of Tears" noch konsequenter durch: Mehr Streicher, mehr Beats, keinerlei Wahrheitsfilter. Baxter kennt seine Beatnik-Heroen und deren Arbeitsethos: Was hundert Mal gegengecheckt und verändert wird, wird nicht automatisch besser. Als "Slumlord" führt er durch die Nacht und oszilliert zwischen Serge Gainsbourg auf Trip Hop und einer Sleaford Mods-Maxi auf 33 RPM. Unmöglich, wegzuhören.

Sein Storytelling gewohnt staubtrocken, die Atmosphäre ist düster, verschwommen und leicht drüber, so als verlasse man früh am Morgen eine Party und würde lieber auf die nächste gehen als nach Hause. Zähe Beats, angetrieben von luftigen Bassläufen und nokturnen, geisterhaften Streichern dominieren das Klangbild. Der leichte Optimismus süßlicher Frauenchöre in Refrains ist noch vorhanden, aber eher die Ausnahme ("Carla's Got A Boyfriend"). Nach wie vor channelt er den Rotz der befreundeten Sleaford Mods und Gainsborgs Engelschöre auf "Histoire De Melody Nelson" unnachahmlich zu einem eigenen Sound.

An den Szene-Hit "Miami" knüpft gleich der wuchtige Opener "I'm Not Your Dog" an, der mit einem ausschließlich auf Französisch gesungenen Refrain dennoch von bekannten Wegen ausschert und eine schöne Geste an das Land seiner frühen Verehrer darstellt. Baxter erzählt von Komplexitäten in Beziehungen und den Herausforderungen der modernen Welt, und wählt für seine zynischen Beobachtungen gern deftiges Vokabular. In "Saliva Dog" übernehmen das auch mal seine Background-Sängerinnen: "Who the fuck are you my friend." Daneben schmiedet Baxter immer wieder zeitlose Zeilen: "Unless you've got nothing to say / just don't say it."

In "Carla's Got A Boyfriend" verarbeitet er eine Trennung mit bitterer Melancholie: "I spotted him on Instagram / and followed him a bit / A bit of designer hair / sloppy facial looks", nur um dann gallig nachzuschieben: "He looks like me." Kontraste finden sich auch musikalisch: Das wehmütige "Daylight" klingt wie in der tiefsten Nacht ohne jeglichen Lichteinfall verfasst, bevor "The Night Chancers" mit 80er-Synthies den Türsteher spielt. Das Klangbild ist voluminös, die Melodien elektrisierend, sein Vortrag mitreißend und ganz am Ende rufen die Chöre in Dauerschleife: "Baxter Loves You". Es ist sein bestes Album.

Trackliste

  1. 1. I'm Not Your Dog
  2. 2. Slumlord
  3. 3. Saliva Hog
  4. 4. Samurai
  5. 5. Sleep People
  6. 6. Carla's Got A Boyfriend
  7. 7. The Night Chancers
  8. 8. Hello, I'm Sorry
  9. 9. Daylight
  10. 10. Say Nothing

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