laut.de-Kritik

Entzückender Mix aus Folk, Kammerpop und orchestralen Einlagen.

Review von

Basia Bulat sei die jüngste musikalische Sensation aus Kanada, liest man allenthalben. Da schaut mich dieses Mädchen vom Cover ihres Debüts mit einem Blick an, der neugierig macht, aber wenig verrät. Ich bin gespannt, was mich stilistisch erwartet, als ich die CD in den Player lege. Ein Debütalbum entfacht meist vom ersten Moment an einen Zauber oder eben überhaupt nicht.

In diesem Fall bin ich von den ersten Tönen an entzückt. Eine Ukulele führt in den Opener "Before I Knew" ein, Handclaps geben den Takt vor. "It's the first time I fell in love/oh the first time I felt my heart" singt eine bezaubernde Stimme, bevor ein kleiner Chor dem kurzen Song einen Hauch von Gospel verleiht.

Dieser ungemein positive Eindruck erfährt in "I Was A Daughter" mehr als eine Bestätigung. Eine Akustikgitarre schlägt einen flotten Rhythmus auf den sich sachte ein Klavierlauf legt, wieder Handclaps, nur wesentlich dynamischer, ehe Basia mit ihrer dunklen, vibrierenden Stimme, dessen Timbre sich zwischen dem einer Leslie Feist und Joni Mitchell bewegt, einsetzt. Dann gesellen sich plötzlich ein treibendes Schlagzeug und Streicher dazu, eine gezupfte Geige markiert eine Verlangsamung des Tempos, das schließlich noch einmal ordentlich anzieht.

Ein fantastischer Song! Hier ist eine Musikerin am Werk, die vor Spielfreude nur so strotzt und ihr zauberhaftes Songwriting als Mix aus Folk, Kammerpop und Vaudeville präsentiert und mit orchestralen LoFi-Einlagen garniert.

Im melancholischen "Little Waltz" zupft die Gitarre einen langsamen Walzer, in dem der eindringliche Gesang eine ergreifende Melodie vorträgt, die schöne Streicherarrangements untermalen. Die unaufdringliche aber einnehmende Melodik der Songs offenbart sich auch in "December", das von dezenten Percussions, dem Klavier und den Streichern gestützt wird.

In "Snakes And Ladders" überschlägt sich das Schlagzeug und hetzt rastlos dem Gesang hinterher, während im Hintergrund ein luftiger Klavierlauf schwebt. Das folkige "Oh My Darling" gefällt mit hübschem Backgroundgesang, einer Mundharmonika und einer verspielten Tempoverschleppung, wohingegen "Why Can't It Be Mine" mit einem lässigen Bossa Nova-Groove begeistert.

Großartig ist auch die Inszenierung von "The Pilgiming Vine", in dem die gefühlvolle Melodie von einem schnellen Walzer begleitet wird, das Schlagzeug zum Marsch schlägt und Flöten heiter ihren Part verrichten. "Birds Of Paradise" startet wie die akustische Version von Radioheads "Creep", um dann eine ganz eigene verträumte Stimmung aufzubauen. Die Ukulele hat in das erste Stück eingeführt und mit ihr als Begleitinstrument endet das Album mit dem zauberhaften "A Secret".

Nach mehrmaligem Durchlauf bin ich verliebt und in der Tat davon überzeugt, das Basia Bulat neben Arcade Fire und Feist zum kanadischen Exportschlager werden muss. Lieblichkeit trifft auf Rohes, Feinsinnigkeit auf Opulenz, alles im richtigen Verhältnis zueinander. Emotional, aber nie trübsinnig. Zu außergewöhnlich, zu schön ist dieses abwechslungsreiche Album, als dass es ungehört in den Niederungen der Folk-Pop-Veröffentlichungen versickern sollte

Jeder Song entfaltet seine eigene schillernde Dramaturgie, sowohl bezüglich der Melodik als auch der Instrumentierung. Bei aller Vielseitigkeit verlieren die Kompositionen nie die Bodenhaftung und entfalten so ihre größte Wirkung. Als Geschichten, die an Bäumen hängen, bezeichnet Basia Bulat ihre Kompositionen. Schön, dass sie sie gepflückt hat.

Trackliste

  1. 1. Before I Knew
  2. 2. I Was A Daughter
  3. 3. Little Waltz
  4. 4. December
  5. 5. Snakes And Ladders
  6. 6. Oh My Darling
  7. 7. Little One
  8. 8. Why Can't It Be Mine
  9. 9. The Pilgriming Vine
  10. 10. La-Da-Da
  11. 11. Birds Of Paradise
  12. 12. A Secret

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1 Kommentar

  • Vor 12 Jahren

    Alden - das wird ja auch nicht besser bei Euch.

    "[...]Basia mit ihrer dunklen, vibrierenden Stimme, dessen Timbre [...]" - is richtig: statt Klangfarbe Timbre, aber mit der Grammatik ist's noch nicht soweit her, oder?!

    Von Anfang:
    "Ein Debütalbum entfacht meist vom ersten Moment an einen Zauber oder eben überhaupt nicht." - Mensch Martin! Du hörst einer Platte an, ob's ein Debut ist, richtig?! - Die suchen noch Leute bei Wetten, Dass?!!

    Und es geht munter weiter:
    "[...]eine gezupfte Geige markiert eine Verlangsamung des Tempos, das schließlich noch einmal ordentlich anzieht." - Das ist ja schon fast philosophisch. Kann ich auch: Treffen sich zwei, kommen vier. Und wehe, einer lacht!

    Das nimmt alles kein Ende. was, bittschön, ist "orchestraler LoFi"? Und wie lässt sich erklären, dass Gesang und Melodie eindringlich und ergreifend (respektive) sind, wenn die Melodik ansich doch für unaufdringlich befunden wird?

    Zum Schluss noch eine Verständigungsfrage:
    "Jeder Song entfaltet seine eigene schillernde Dramaturgie, sowohl bezüglich der Melodik als auch der Instrumentierung. Bei aller Vielseitigkeit verlieren die Kompositionen nie die Bodenhaftung und entfalten so ihre größte Wirkung." - Wie klingt das, wenn Kompositionen die Bodenhaftung verlieren und weniger als ihre gesamte Wirkung entfalten?

    Danke!

    Archibald Gulag