23. Oktober 2012

"Das Streaming-System funktioniert nicht!"

Interview geführt von

Es geht bergauf für die vier Jungs von Bakkushan. Der Zweitling "Kopf Im Sturm" erreichte im Juli Platz 14 der Albumcharts und bei der Ende Oktober beginnenden Tour stehen amtliche Locations wie die Kölner Live Music Hall oder der Berliner C-Club auf dem Plan.Im halbstündigen Telefongespräch spricht Gitarrist Robert Kerner über das neue Album, sein Studium an der Popakademie, die neuen Streamingdienste und den sicheren Weg zur einigermaßen nachhaltigen Musikerkarriere.

Mit eurem neuen Album "Kopf Im Sturm" seid ihr auf Platz 14 gechartet. Hatte diese Platzierung für euch eine bestimmte Bedeutung?

Robert: Letztendlich hält sich die Bedeutung in Grenzen. Natürlich haben wir trotzdem drauf hingefiebert und waren immer auf die Verkaufszahlen gespannt. Es ist halt die zweite Platte, da ist es einfach spannend, wie groß das Feedback in der Musiklandschaft ist.

Wie zufrieden seid ihr denn mit der Resonanz auf das Album?

Sehr. Wir finden es vor allem erst mal selbst sehr gelungen, weil es durchaus eine schwere Geburt war. Und natürlich freuen wir uns, dass es auch bei den Leuten ankommt, die man über die Jahre live eingesammelt hat. Wir sind happy.

Ihr habt diesen Sommer einige Festivals gespielt. Merkt ihr da bereits, dass mehr Leute vor den Bühnen stehen? Seht ihr Fortschritte?

Ja, aber wir haben eigentlich schon bei der ersten Tour zum letzten Album hin gemerkt, dass da jetzt was passiert und es von Woche zu Woche mehr Leute werden. Mittlerweile sind die Festivals natürlich ein bisschen größer geworden und wir haben oft schöne Zeiten, zu denen wir spielen dürfen. Also nicht mehr mittags um zwei, wenn noch keiner da ist. Insofern sind wir damit ganz glücklich.

Dennoch habt ihr es bisher anscheinend schwer, auch mal auf den ganz großen Festivals wie Rock am Ring oder dem Southside aufzutreten. Woran liegt das? Und erhofft ihr euch das für die Zukunft?

Puh, keine Ahnung. Ich denke, das wird vielleicht noch kommen. Aber ehrlich gesagt weiß ich es nicht so genau. Es war ja nicht so, dass wir mit einem Knall aufkamen und einen riesigen Medienhype hatten. Sondern wir haben uns halt über die Jahre hochgespielt. Und vielleicht funktioniert der Weg ja auch ganz gut. Natürlich hoffen wir, dass das noch kommt. Aber ganz ehrlich: Eigentlich ist es auch sehr schön, auf den kleinen Festivals und dort dafür zu vernünftigen Uhrzeiten zu spielen.

Das neue Album habt ihr bei Das Ding als "melancholischer, erwachsener und größer" beschrieben. Wenn man schon auf der zweiten Platte diesen Schritt geht, wie soll denn die Entwicklung voraussichtlich noch weitergehen?

Es wird immer trauriger. (lacht) Nee, das lässt sich schwer einschätzen. Ich glaube, es liegt einfach in der Natur der Dinge, dass die Platte jetzt so wurde. Und in der Verarbeitung des Erlebten. Nach der ersten waren wir halt viel unterwegs, sind durchs Land getourt, haben neue Leute kennengelernt und hatten einen recht durchwachsenen Tages- und Wochenablauf, der nur ein wenig geregeltes Leben ermöglicht. Da kam es einfach auch dazu, dass zwischenmenschlich einige Schwierigkeiten aufgetreten sind, die dann musikalisch verarbeitet wurden.

Auch innerhalb der Band?

Nee, das nicht unbedingt. Eigentlich eher im privaten Bereich. Man sieht beispielsweise seine Leute zuhause nicht mehr oder es ist vielleicht schwierig, eine Beziehung zu führen. Oder man lernt am anderen Ende von Deutschland jemanden kennen, hat aber keine Möglichkeit, diese Person wiederzusehen. Weil man halt am Wochenende unterwegs ist. Derartiges wurde auf dem Album verarbeitet. Und irgendwie hat sich dadurch auch der gesamte Bandsound geändert, derartige Themen erfordern natürlich eine andere Instrumentierung als Partysongs.

Natürlich ist auch mir aufgefallen, dass alles deutlich melancholischer klingt. Ich fand es aber fast schade, dass ihr bei der Gelegenheit keine Akustikballaden aufgenommen habt, wie beispielsweise "Alles Wird Gut" auf dem Debüt. Denn eigentlich zeigt ihr ja immer wieder, dass ihr den Unplugged-Sound durchaus drauf habt.

Eigentlich war das keine bewusste Entscheidung. Uns war eigentlich mit den ersten Demos klar, dass das Ganze eher (seufzt) Stadionrock-mäßig klingen wird. Wenn man jetzt Vorbilder heranziehen will, wären das vielleicht Biffy Clyro. Es sollte ein Album werden, das größer klingt.

Letztendlich ist das aber glaube ich gar nicht so schlimm. Es geht ja um den Song und den kann man verpacken, wie man will. Auf der Platte sind tatsächlich keine minimalistischen, akustischen Sachen. Auf der zweiten CD der Limited Edition gibt es aber drei, vier Piano-Versionen. Und die zeigen, dass die Songs auch das Potenzial für schöne, andere Arrangements haben.

Gab es noch andere Bands, von denen ihr euch inspiriert gefühlt habt? "Der Letzte Mensch Der Welt" erinnerte mich beispielsweise ein wenig an die Kings Of Leon.

Okay, interessant. Das liegt vielleicht an der Gitarre, ich verstehe die Assoziation. Natürlich haben wir das Genre nicht neu erfunden. Wie gesagt, vielleicht Kings Of Leon, vielleicht Biffy Clyro. Und vielleicht hat man hier und da doch mal in die ein oder andere Foo Fighters-Produktion reingehört. Wir haben bei manchen Songs schon ein bisschen auf große Stadionrock-Bands geschielt, das stimmt schon.

Entspricht das auch eurem privaten Geschmack, oder gibt's da noch ganz andere Sachen?

Oh ja, da gibt es noch ganz andere Einflüsse. Aber es ist glaube ich schwierig, jeden Einfluss von jedem einzelnen Musiker in eine Band zu übertragen. Da muss man dann schon schauen, was der gemeinsame Nenner ist und wo man hin will. Privat hören wir aber teilweise auch völlig andere Sachen. Von Hip Hop über Electro bis zu ruhigen Singer-Songwriter-Sachen. Es wird viel deutschsprachige Musik gehört.

"Ich rechne nicht mit einer Abrechnung von Spotify"


Ihr seid bereits von eurer ersten Platte an beim Majorlabel EMI unter Vertrag. Seid ihr im Nachhinein sehr glücklich, dass es so gelaufen ist? Hat es euch viel gebracht?

Ja, schon. Es gibt so viele Bands und ich glaube, um da überhaupt noch irgendwie Gehör zu finden, gehört einfach ein gewisses Mindestmaß an Promo dazu. Das lief eigentlich ganz cool. Wir sind wie vorhin schon gesagt nicht wahnsinnig von null auf eins gepusht worden, was auch nie unser Plan war.

Es war durchaus eine bewusste Entscheidung, sich über längere Zeit zu etablieren, und nicht nach einem einmaligen Schnellschuss wieder zu verschwinden. Insofern fand ich das ganz entspannt. Es war zwar keine zu krasse Major-Mühle, doch hier und da waren mal Kontakte bzw. Budgets da, um auch irgendwie eine Plattform zu finden.

Ihr habt euch also trotzdem sehr frei gefühlt?

Auf jeden Fall. Natürlich hören sich die Leute unsere Musik an und sagen auch ihre Meinung. Aber wir wurden nie zu irgendwas überredet oder gezwungen. Uns wurde nicht reingeredet und wir wurden auch nie irgendwo hingestellt, wo wir nicht sein wollen.

Ich frag mal ganz direkt: Könnt ihr denn mittlerweile von der Musik leben?

Auf studentischem Niveau kann man sich damit über Wasser halten.

Das ist doch schon mal was.

Genau, wenn man seine Miete und noch einen Happen zu essen zahlen will, genügt das. Um einen vernünftigen Grundstock für Eigentum und Familienleben zu erstellen, wär's vielleicht ein bisschen schlecht. (lacht)

Habt ihr denn noch Nebenjobs?

Ja, teilweise wird Unterricht gegeben. Und immer mal wieder tun sich kleine Möglichkeiten auf, hier und da ein bisschen Geld zu verdienen. Aber nichts festes, wir haben halt keine wirkliche Regelmäßigkeit.

Es gilt ja heutzutage schon als selbstverständlich, dass wenig Alben verkauft werden und die Künstler ihr Geld hauptsächlich mit Konzerten verdienen. Inwiefern setzt man sich damit überhaupt auseinander, wenn man als Band sowieso nur diese klamme Zeit erlebt hat?

Hier und da ertappt man sich dabei, sehr viel zu meckern - über alles mögliche. Ein gewisser Frust hängt da auf jeden Fall in der Luft. Aber allgemein, nicht speziell bei uns. Allerdings stimmt es nun mal, dass es irgendwie schwierig ist. Einerseits ist das natürlich für ganz viele Bands scheiße und ich glaube die Musikindustrie wäre wesentlich spannender, wenn ein paar Platten mehr verkauft würden. Andererseits war vielleicht auch mal ein derartiger Neustart nötig.

Es ist ein bisschen schade, dass die Leute, die früher schon viel verdient haben, nach diesem Umbruch immer noch viel verdienen. Sprich, wenn du früher in den Achtzigern deine Scheiße schon als Kassette oder CD verkauft hast, bist du jetzt aus dem Schneider. Weil du dich so etabliert hast, dass dich die ganzen Leute von früher immer noch abfeiern. Es ist eine Kluft entstanden. Daher fragt man sich, ob überhaupt noch viel Neues aufkommt, was auf Dauer Bestand hat. Aber mein Gott, wir spielen halt viel live und irgendwie funktioniert das ja auch. Und vielleicht hat das ja alles seinen Sinn.

Kauft ihr denn privat noch Platten bzw. CDs? Oder sind die physischen Tonträger auch für euch schon Geschichte?

Hin und wieder kauft man was, aber es ist tatsächlich eher durch. Wir sind selber auch schon bei den ganzen Streaming-Plattformen angekommen, die wenigstens noch ein bisschen Geld abtreten.

Wo wir gerade bei dem Thema sind: Wie nimmt man denn die in Deutschland sehr populär gewordene Plattform Spotify als Künstler wahr? Es gab ja einige Labels, die über die schlechte Bezahlung durchaus ihren Unmut geäußert haben. Oft wurde ja betont, dass sich die Plattenfirmen nur darauf einlassen, weil es derzeit die einzige potenzielle Lösung ist. Fühlt ihr euch als Künstler fair behandelt?

Natürlich überhaupt nicht. Ich glaube nicht, dass da letztendlich auch nur irgendwas beim Künstler ankommt. Vielleicht noch ein bisschen was beim Label. Aber ich weiß auch nicht ... das System funktioniert nicht. Es ist schön, dass es das gibt. Und natürlich ist es tausendmal angenehmer, als im Netz auf YouTube irgendwas zu suchen und herunterzuladen. Da kann man dann die Dienstleistung auch nutzen und das Zeug streamen. Aber wie gesagt, ich glaube nicht, dass da irgendwas bei uns ankommt.

Die Thesen, mit denen sich Spotify in seinen Werbespots manchmal selbst darstellt, kannst du also nicht unterschreiben?

Ich hab da mal eine Abrechnung von einer bekannten amerikanischen Künstlerin gesehen. Es war lächerlich, was da letztlich für einen Megahit ankam. Ich gehe auch nicht davon aus, dass wir jemals eine Abrechnung von einem dieser Streaming-Dienste bekommen. Und wenn, dann wäre sie lächerlich klein. Es hat ja auch was, man findet da neue Sachen und ich will das gar nicht verteufeln. Aber es muss halt keiner denken, dass da irgendwelche Kohle ankommt.

"Die deutschsprachige Popkultur hinkt hinterher"


Ihr habt alle vier an der Popakademie Baden-Württemberg studiert, wofür man ja musikalisch wahnsinnig versiert sein muss. Zumindest hört man immer von der hammerharten Aufnahmeprüfung.

Hammerhart, ich weiß nicht. Mann muss sich vorher auf jeden Fall ein bisschen damit beschäftigt haben. Wir waren alle schon vor dem Studium auf professionellem Weg oder hatten zumindest schon eine andere Ausbildung. Ich hab mich tatsächlich zweimal beworben, bis ich angenommen wurde, hatte also noch ein Jahr Zeit, um mich darauf vorzubereiten.

Vielleicht ist es nützlich, die Leute mit irgendetwas speziellem zu beeindrucken. Sei es Kreativität, nicht nur Handwerk spielt dort eine Rolle. Danach ist dann ein ganz buntes Sammelsurium an Charakteren aufeinander geprallt, das war schon ganz spannend.

Also hat es sich aus eurer Sicht gelohnt?

Ja, auf jeden Fall. Jeder muss selbst wissen, was er daraus machen will. Es schadet nicht, sich schon ein bisschen bewusst zu sein, wo die Reise hingehen kann. Wenn man direkt nach dem Abitur da reinfällt, ist es vielleicht auch zu viel. Ein bisschen Erfahrung schadet nicht.

Anders als beispielsweise The Intersphere seid ihr trotz des intensiven Musikstudiums einem Indie-Rock-Sound mit recht bodenständigen Arrangements treu geblieben. Wie kommts?

Das hängt in erster Linie vom Geschmack ab. The Intersphere sind eine Wahnsinnsband, live hauen die einen total um, unfassbar. Aber ich selbst bewege mich nicht unbedingt in dem Genre. Oder vielleicht auch nicht mehr. Wir sind eben im traditionelleren Songwriting zuhause. Letztlich wollten wir immer ohne viel Schnickschnack auf den Punkt kommen und mit Überzeugung spielen. Dann passt das schon.

Ihr habt bei Das Ding beteuert, dass ihr Kometenaufstiege wie den von Kraftklub nicht beneidet.

Haben wir das Wort Kraftklub dafür benutzt?

Zumindest wurde das in der Beschreibung so zitiert, aber unabhängig davon: Glaubst du, ihr wärt heute andere Menschen, wenn es damals derartig gelaufen wäre?

Bestimmt geht das nicht spurlos an einem vorbei. Ich denke nicht, dass das nur schlimm ist. Aber als damals beispielsweise die Frage aufkam, ob man nicht doch größere Budgets braucht, haben wir uns dazu entschieden, nicht mit der Chance zu spielen. Denn sobald irgendjemand für einen richtig viel Geld in die Hand nimmt, hat er auch große Erwartungen und schenkt einem das bestimmt nicht. Wir wollten unbedingt vermeiden, dass wir mal kurz aufgepumpt werden und anschließend verbrennen, weil es nicht funktioniert hat. Darin liegt einfach ein gewisses Risiko.

Wenn das bei jemandem einfach so anläuft, ohne dass er groß gehypt wird, ist das sehr schön. Das sei jedem gegönnt und hat auch bestimmt seine Gründe. Aber wir wollten einfach nicht die Chance vermasseln, uns eine Karriere aufzubauen. Uns kam es sicherer vor, die Leute über die Jahre Schritt für Schritt und ehrlich einzusammeln. Wir wollten eine Liveband werden, das war immer das A und O. Und in einer Zeit, in der sich in der Musikindustrie jeden Moment alles ändern kann, kommt uns das nach wie vor wie der richtige Weg vor.

Du hast vorhin erwähnt, dass ihr privat sehr viel deutschsprachige Musik hört, die ja in den Charts gerade eine sehr gute Zeit erlebt. In unserer lokalen Tageszeitung Südkurier wurde kürzlich gar wieder von einer Neuen Deutschen Welle gesprochen.

Ich weiß nicht, ob das wirklich eine Neue Deutsche Welle ist. Ehrlich gesagt glaube ich es nicht. Als Wir Sind Helden kamen hieß es das auch schon. Dann kamen Kettcar und Tomte und so, die sind jetzt auch alle in die Jahre gekommen. Das ist glaube ich ein ganz natürlicher Prozess, denn die deutschsprachige Popkultur hinkt einfach hinterher.

Wenn du in England groß wirst, ist Popmusik einfach das Ding. Die sind Deutschland einfach so weit voraus, was natürlich auch mit der DDR und allem Möglichen zu tun hat. Erst mit dem Fall der Mauer ist es ja möglich geworden, dass sich in der Popkultur ein deutsches Bewusstsein etabliert. Das hat mit Techno angefangen, irgendwann kam die Sprache dazu und mittlerweile ist es eben so weit, dass deutschsprachiger Rock und Pop einfach nicht mehr so komisch klingt.

Wie geht es bei euch denn in naher Zukunft weiter? Schreibt ihr schon neue Songs?

Nee, im Moment noch gar nicht. Wir sind jetzt erst mal noch am Entspannen von dem ganzen Brimborium rund um den Release. Das war alles sehr viel. Wir sind aus dem Studio raus und da waren unsere Nerven schon stark belastet. (lacht) Dann musste auch schon das erste Video her, das hat ziemlich geknallt. Dann standen die ersten Gigs vor der Haustür, obwohl man den Kram noch nicht mal auf der Bühne gespielt hatte.

Die letzte Zeit waren wir also damit beschäftigt, das Liveset zu verbessern. Damit das Programm auch Hand und Fuß hat und wir eine schöne Mischung aus den beiden Alben auf die Bühne bringen. Ende Oktober gehen wir dann ja auf große Tour und dafür stecken wir eigentlich noch in den Vorbereitungen. Und wir überlegen uns, was denn die zweite Single sein könnte. Aber an neue Songs denkt gerade eigentlich noch keiner.

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