laut.de-Kritik

Wie kann man nur so tief sinken!

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Grundsätzlich steckte hinter den Backstreet Boys eine völlig andere Idee, als der mit übertrieben ekstatischen Dance-Beats unterlegte Acapella-Schlager-Pop-Brei auf "DNA" es erahnen ließe. Den Nachgeborenen sei kurz erzählt: Die "zwielichtigen" Hinterhof-Jungs (wenn man 'backstreet' übersetzt) brachten Mitte der 90er Teenies zum Schwärmen, revolutionierten den Bühnentanz im Pop-Song und warfen mit Nick Carter einen nicht gerade erfolglosen Solisten ab. Wenige Interpreten verkauften mehr Tonträger in Deutschland, von Konzerttickets und Merch-Artikeln ganz zu schweigen. Heulkrämpfe waren das Mindeste, was ein gestandener Backstreet Boys-Fan zu einer Live-Show mitbrachte.

Das Heulen übernehmen auf der nun zehnten (oder - mit Blick auf NKOTBSB - eher neuneinviertelten) Platte die fünf Sänger. Vorsichtshalber hat die Grammy-Jury das kollektive Liebeskummer-Gejaule - wie das meiste von den Jungs bisher - für einen der begehrten Preise nominiert, und zwar als beste Gruppenperformance im Pop.

Damit wäre denn auch schon gesagt, was die "DNA" zusammenhält: Die Stimmen der Fünf (die altersmäßig immerhin neun Jahre trennen) stimmen sich ganz nett aufeinander ab - nett im Sinn von 'die kleine Schwester von ...'. Denn der hohe Kastraten-Gesang macht beim Zuhören nur zwei, drei Stücke lang Spaß, und auch der hält sich in Grenzen.

Das disziplinierte Heucheln von Tragik und von jugendlichem Das-erste-Mal-verliebt-Sein klingt im Ergebnis ziemlich stark nach einem Stock im Gesäß eines jeden Beteiligten. Vielleicht hat sich der Zeitgeist so gewandelt, vielleicht waren die 90er offener für Experimente und das lustigere Jahrzehnt. Dann sei den Backstreet Boys verziehen, denn das Unterfangen, so viel später, ein Vierteljahrhundert nach der Gründung noch (oder wieder) zusammen aufzutreten, meistern die wenigsten organisch geformten Bands - für eine gecastete Retorten-Boygroup liegt hierin schon eine große Herausforderung.

Für die Backstreet Boys scheint heute sogar dort ein selbst auferlegtes Tanzverbot zu herrschen, wo die Dance-Beats abartig künstlich und maximal steril pluckern. Dagegen überrascht "Breathe" als reduzierte Acapella-Nummer, für die vielleicht Wet Wet Wet und Boyzone als Vorbilder dienen. Die schöne Komposition - fast frei von Computer-Sound - berührt hier noch am meisten.

Im Song "Chateau" findet man den Tiefpunkt der sonst meist durchschnittlichen Kompositionen. Hier leidet man beim Zuhören schnell darunter, dass die Herren gesangstechnisch mit der Melodie überfordert sind und klingen wie die schwächeren Kandidaten in "The Voice Of Germany". Achtung, wir haben es hier mit Muttersprachlern zu tun, die einen englischen Text wenigstens halbwegs spannend betonen können müssten.

"New Love", "Passionate" und das interessant beginnende "Is It Just Me" biedern sich verzweifelt bei den aktuellen Charts an. Doch in denen kennen sich wohl weder die Backstreet Boys noch ihre Image-Berater sonderlich aus. Man nehme ein bisschen kühle Kaufhausmucke, setze eine George Ezra-Tonlage auf und los geht's? Am besten baut man irgendwo ein "waiting for my baby" ein, um den Anspruch nicht zu hoch zu heben? Sorry, das reicht überhaupt nicht aus.

In "Chances" können die Jungs nachts nicht schlafen. Die miesen Beats zermöbeln die relativ harmonische Melodie gnadenlos. Knappe drei Minuten fühlen sich wie sieben an. Einfach nur schlecht! "No Place" beschäftigt sich mit Sehnsucht und der genialen Idee, einer geliebten Person rund um die Welt zu folgen, um ihren Körper zu berühren ("touch your body") wobei die Welt zufällig nur aus US-Schauplätzen besteht: Kalifornien, Memphis, New York und New Orleans. Trotz allem ruht in diesem Tune noch die solideste Arbeit.

Wenn die ersten 25 Sekunden von "Passionate" erklingen, deutet sich ein bisschen "Waterfalls" von TLC an. Spüren die Boys etwa selbst 90er-Nostalgie? Das rhythmisch anspruchsvollste Lied auf "DNA" hat man damit schon erlebt, und zum Ende der CD hin wird es immer dünnsuppiger.

Das soll also dieselbe Truppe sein, die mit "Everybody (Backstreet's Back)" Breakdances hinlegte, die mit "Quit Playing Games With My Heart" flüssig performte und in "As Long As You Love Me" wirklich auch gesanglich überzeugte? Wie kann man nur so tief sinken! Hätten sie das Album wenigstens komplett in den Sand gesetzt und nicht ein paar Rettungsanker eingebaut, dann könnte man sie endgültig abhaken. Nicht mal dafür aber taugt die Platte.

Trackliste

  1. 1. Don't Go Breaking My Heart
  2. 2. Nobody Else
  3. 3. Breathe
  4. 4. New Love
  5. 5. Passionate
  6. 6. Is It Just Me
  7. 7. Chances
  8. 8. No Place
  9. 9. Chateau
  10. 10. The Way It Was
  11. 11. Just Like You Like It
  12. 12. OK

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