laut.de-Kritik

Metalheads werden es hassen.

Review von

Bollywood, Piratenschiff, Synthesizer-Overkill, DragonForce meets Perturbator, Sepultura-Grooves, Autotune: Es gibt einfach alles. Babymetal folgen dem Prinzip Hollywood. Die Vorgänger liefen hervorragend, also pumpt man noch mehr Kohle ins Sequel. Das bedeutet: mehr Special Effects, mehr Hinwegsetzen über die Gesetze (der Physik), teureres Personal. Zum Glück verlieren Babymetal bei ihrer Reise durch die "Metal Galaxy" das Ziel nicht aus den Augen.

Dieses (songschreiberische) Narrativ besteht wie schon bei "Metal Resistance" daraus, einerseits überbetont dem Metalgott (bei Babymetal gleichzusetzen mit dem sogenannten Fuchsgott) und seinen Heiligen zu huldigen, andererseits bestehende Normen herauszufordern. Die Kawaii-Metaller bedienen fröhlich zig Klischees, während sie sie gleichzeitig erschüttern.

Dabei nehmen sie zudem für sich in Anspruch, die Zukunft der Szene zu verkörpern. Mit "Future Metal" beginnt das Album programmatisch prätentiös – und bezeichnend. Riffs und Sweeps hüllen die Japaner in Dubstep-Soundscape, Trap-Beats missbrauchen sie als Maschinengewehr, Frontfrau Su-Metal singt durch diverse Voice-Filter inklusive Autotune. Metalheads werden es hassen. und doch erscheint schon dieses zweiminütige Intro zukunftsweisender als derzeit fast alles andere im Metal.

Das Schema bauen sie im ersten richtigen Song "Da Da Dance" aus. Die Metalriffs sind nicht einmal weichgespült, die nahtlose Fusion mit hektischem Techno-Flimmern bringt den Track zeitgenössischer Popmusik trotzdem näher als biergetränkten Festivalfeldern. Die Verbindung zur gitarrenmusikalischen Basis verlieren Babymetal nicht, unter anderem weil Headbanging trotzdem funktioniert und Tak Matsumoto von B'z (eine japanische Rockband, die hierzulande kaum einer kennt, die aber mehr Platten verkauft hat als Van Halen, Red Hot Chili Peppers und Shakira) zum Ende hin ein formidables Guitar Hero-Solo liefert.

Matsumoto ist einer von insgesamt sechs prominenten Gästen auf "Metal Galaxy". Der thailändische Rapper F.Hero entert "Pa Pa Ya!!" in seiner Landessprache und mit zu den aggressiven Chorus-Shouts passend angriffslustigem Vortrag. Arch Enemys Alissa White-Gluz screamt über Rave-Beats bei "Distortion", einem insgesamt eher austauschbaren Track. Die Polyphia-Gitarristen Tim Henson und Scott LePage helfen dabei, den Geist Taylor Swifts in "Brand New Day" einzuimpfen. Gemeinsam mit Joakim Brodén von Sabaton kapern Babymetal das Piratenschiff "Oh! Majinai". Mit Ziehharmonika, Dudelsack, Seemannsfidel und viel Gegröle wird der Track zum Schunkelfest. Egal, ob man das hasst oder mitmacht: Der Ohrwurm sitzt nach weniger als einer Minute im Gehörgang. Garantiert.

Die planetare Vielfalt der "Metal Galaxy" kennt kaum Grenzen. So besuchen Babymetal bei "In The Name Of" nacheinander die Kulturzonen bombastischer Fantasy-Chöre und von Sepultura. Mit Groove-Riffs und Tribal-Percussion donnern sie durch die Sterne. Für "Shanti Shanti Shanti" landen sie in Indien und drehen ein Anime-Bollywood-Crossover. "Elevator Girl" klingt, als habe man Hannah Montana Skelettkrieger zur Seite gestellt. Als Verschnaufpausen flechten Produzent Kobametal und sein Team musikalisch zurückhaltendere Tracks wie "Shine" ein, in denen Su-Metal mit hymnischen Melodiebögen im Zentrum steht. Bei allem Schnickschnack, den Babymetal auffahren, tritt manchmal in den Hintergrund, welche Präsenz die 20-Jährige eigentlich auffährt.

Davon profitiert sie besonders in "Arkadia", wo sie sich gegen eine immense Wall Of Sound behauptet. Dieser krönende Abschluss käme wohl dabei heraus, würden Hermann Li und Sam Totman (DragonForce) den Soundtrack zu einer quietschbunten Anime-Serie schreiben: ein episches Frickelfest, das mit seinem hoffnungslos überladenen Arrangement und überbordendem Kitsch einfach nur erschlägt. Es bleiben: die dramatische Hook, ein stimmig durchkomponiertes 'All Metal'-Stück (einigen wir uns bitte auf diese Genrebezeichnung?) und ratlose Gesichter ob dem, was man in den zurückliegenden 52 Minuten eigentlich alles gehört hat.

Babymetal nerven, Babymetal begeistern, Babymetal polarisieren. Babymetal reformieren die Metal-Welt. Ob einem das gefällt oder nicht.

Trackliste

  1. 1. Future Metal
  2. 2. Da Da Dance
  3. 3. Elevator Girl
  4. 4. Shanti Shanti Shanti
  5. 5. Oh! Majinai
  6. 6. Brand New Day
  7. 7. Night Night Burn!
  8. 8. In The Name Of
  9. 9. Distortion
  10. 10. Pa Pa Ya!!
  11. 11. Kagerou
  12. 12. Starlight
  13. 13. Shine
  14. 14. Arkadia

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11 Kommentare mit 10 Antworten

  • Vor einem Monat

    BS oberster Güteklasse - 0/5. Sie reformieren ganz sicher nichts im Metal, was auch immer es da zu reformieren gäbe...
    Für JBO-Hörer sicherlich eine klasse Scheibe.

  • Vor 26 Tagen

    Bei Babymetal hört meine musikalische Toleranz auf. Absolut verachtenswerte, auf Kommerz getrimmte und totproduzierte Musik aus der Dose für Neckbeards und Weebs. Ganz ganz schlimm.

    • Vor 26 Tagen

      Und mit viel Ironie und Panache vorgetragen. So what...

    • Vor 18 Tagen

      Ui toll Ironie. Wenn jemand voll ironisch einen Haufen auf den Bürgersteig platziert und du reinlatschst, dann haste das trotzdem am Schuh. Bringt dir dann ja auch nur wenig, dass der den mit viel Ironie da hingesetzt hat.

    • Vor 17 Tagen

      Dumme Analogie. Ironische Musik macht genau deswegen Spaß. In deinem Beispiel macht es weder noch Spaß.

    • Vor 17 Tagen

      Erklär mir außerdem mal, wie man ironisch kackt. Und wie/wo man am Kackhaufen die Ironie erkennt.

      Frage für einen Freund.

    • Vor 13 Tagen

      Wie man ironisch kackt ist ja nicht so sehr die Frage, es ging mir darum, dass das Resultat letztlich gleich ist. Etwas, dass du sonst doof finden würdest, macht dir auf einmal Spaß, nur weil es ironisch gemeint ist und du die Ironie darin erkennst? Das mag im Comedybereich funktionieren aber in der Musik geht das für mich nicht.
      Müsste ja dann ziemlich einfach sein dich zu begeistern, einfach irgendeine Gaudimucke egal welchen Inhalts wo "IRONIE" in Großbuchstaben über dem Projekt leuchtet und du hast den Spaß deines Lebens. Freut mich ja für dich :)
      Finde es halt ziemlich lame, sowas zu fabrizieren um das Ganze dann nur unter diesem Banner der Ironie laufen zu lassen und jeder dem es nicht gefällt, checkt die deepe Ironie einfach nicht. Tatsächlich ist es mir lieber, dass jemand was richtig schlechtes macht und das Ernst meint, da gibt dass dann teilweise den Effekt, dass es so schlecht ist, dass es schon wieder gut wird, siehe z.B. "The Room".
      Es gibt ja auch Künstler, die was sie tun auch nur ironisch meinen aber gut dabei sind, dann funktioniert es für mich auch aber nur ironisch finde ich ein bisschen zu wenig. Was jetzt gut ist und was nicht ist natürlich nur Ansichtssache.
      Vielleicht meint es der Künstler, dessen Musik du am allerwenigsten magst, ja auch nur ironisch und der hat das so subliminal in seine Musik eingebaut, dass du es nicht checkst. Vielleicht sind wir alle nicht woke genug, um die Ironie und Konsumkritik in DJ Ötzis Fastfoodlied zu erkennen und auf einmal sind wir die Blöden!
      Spaß macht der so oder so aber nicht auch nicht ironisch, genauso wenig so wie Babymetal.

  • Vor 6 Tagen

    Wer hört sich so eine Scheisse an?????