laut.de-Kritik

Unfassbar grandioser Hip Hop aus Großbritannien.

Review von

Hölle und Verdammnis, man weiß gar nicht, wo man anfangen soll! Vielleicht sollte ich voraus schicken, dass diejenigen unter der geschätzten Leserschaft, die hinterher wieder nach einer "objektiven" Review herumknautschen, jetzt sofort und getrost die Lektüre abbrechen können. "Objektiv" wird hier gar nichts. Ich bin platt und in Begeisterung aufgelöst - genau so schaut's nämlich aus.

Allen, die immer noch der irrigen Meinung anhängen, britischer Hip Hop tauge nichts, möchte ich, mit Verlaub, ein weiteres Mal fröhlich den Vogel zeigen. Wer nach Mark B & Blade, Dizzee Rascal und Roots Manuva (um Beispiele zu nennen, die mir ohne die geringste Überlegung einfallen), noch nicht verstanden hat, welche Perlen die Inseln zu bieten haben, dem dürfte schwer zu helfen sein. Geht nach Hause! London ist das bessere New York. Die Crew aus dem Hause Buttercuts zeigt es auch dem letzten Zweifler.

Langer Vorrede kurzer Sinn: "The Antidote" gehört zu den beeindruckendsten, vielseitigsten, sprachgewaltigsten Hip Hop-Veröffentlichungen der letzten Jahre. Das Album burnt beim ersten Hören, und es gewinnt mit jedem Durchlauf. Nach einer Woche in meiner privaten Dauerrotation kann ich nicht mehr zählen, wie oft ich mir wohl die alles beherrschende Frage gestellt habe: Was für unfassbar grandiose MCs sind das eigentlich?! WildEye, Code:Breaker und The Cultural Chameleon liefern ein wortakrobatisches Brett nach dem anderen ab. Die beiden erstgenannten flowen auf englisch, CultCam (als halber Belgier) steht ihnen im Französischen in nichts nach. Allesamt legen sie ein Affentempo vor, gerne auch double time, bleiben dabei aber trotzdem stets wunderbar verständlich und, was noch viel wichtiger ist, perfekt auf dem Beat.

Das Zusammenspiel funktioniert in einer Weise reibungslos, dass man stellenweise meint, man habe es mit den alten Hasen von den Jurassic 5 zu tun und befinde sich auf deren "Concrete Schoolyard". So geschehen gleich im Einstiegstrack: Mit typisch britischer Höflichkeit führen BC400 in "Who's Who" zunächst einmal die beteiligten Akteure vor. Über einem funklastigen Instrumental ziehen die drei Rapper der Truppe nacheinander vom Leder, und auch DJ Buttafingaz beweist bei ersten Cuts, dass er nicht mit zwei linken Händen geschlagen ist. "Who's Who" soll nicht seine einzige Gelegenheit bleiben, solide Handwerkskunst zu zelebrieren.

Rein musikalisch bietet "The Antidote" weit mehr als gängige Hip Hop-Beats. Der Handschrift von Produzent Uncle P ist seine Herkunft aus der Jungle-Szene anzuhören. Er führt komplett unterschiedliche Einflüsse zusammen. Der groovende Dub von "Toastmasters" steht neben Drum'n'Bass-lastigen Tracks wie "Run To The Hills" oder "Got The Flow" (ein wahrer Monstertrack für das Alltime-Lieblingslieder-Ranking). Buttercuts-Labelkollege fbcfabric liefert mit "Just Because" und dem Instrumentalstück "Bell Rings Dog Salivates" elektronisch tönende Beiträge, die nicht nur Pavlovs Hund zum Sabbern bringen. Finstere Klänge schrauben sich bei "W" in die Gehörgänge, während "Changes" mit nahezu souligen Gesangseinlagen aufwartet. Zu guter Letzt auch noch jaulende E-Gitarren in "Early Hours" - man sieht den Westernheld förmlich in den Sonnenuntergang reiten. "The Antidote" ist ein einziger Gemischtwarenladen, dennoch hört und fühlt es sich so an, als gehöre alles zusammen, und zwar ganz genau so. "Hip Hop is in a state of catastrophy"? Blanker Unsinn!

Die Frage "Do you want one more?" am Ende kann nur als eine rhetorische aufgefasst werden. Mit "You Don't Really Know Me", produziert von Code:Breaker, schieben BC400 eine astreine Drum'n'Bass-Nummer nach, die jedem Jungle-Freund das Herz aufgehen lässt. Die Hip Hopper dürfen sich unterdessen überlegen, warum zum Teufel es solche Massen an Stümpern und nicht viel mehr Rapper vom Talent eines Code:Breaker gibt. Mit ein wenig Geduld bekommt man - endgültig abschließend - auch noch einen Beitrag der Buttercuts-eigenen Funk-Band "Pistachios" zu Ohren. Das Gute kommt eben doch zu dem, der warten kann. Auf "The Antidote" muss man das glücklicherweise nicht mehr: Warum seid ihr noch hier? Los, ab in den Plattenladen! Denn: "In a world of bullshit... music is all that really matters."

Trackliste

  1. 1. Who's Who
  2. 2. Goldrush
  3. 3. Toastmasters
  4. 4. W (feat. SEG)
  5. 5. Bell Rings, Dog Salivates
  6. 6. Changes
  7. 7. Got The Flow
  8. 8. Outrageously Lyrical
  9. 9. State Of Catastrophe (feat. DJ LG)
  10. 10. Just Because
  11. 11. Run To The Hills
  12. 12. Early Hours (feat. Rubberman)
  13. 13. You Don't Really Know Me
  14. 14. Mr. WildEye / Mr. Breaker

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