laut.de-Kritik

Ein Abgang in Wahn und Würde.

Review von

Am 26. Januar 2016 beschließt Bobby Ray Simmons Jr. überm Frühstück, sich so richtig kräftig mit Anlauf in die eigenen Eier zu treten. Wenige Stunden später stellt er "Flatline" ins Netz. Den Track, von dem sich seine ohnehin angeschlagene Karriere zu Recht nicht mehr erholt.

Sein NWO-Manifest, gedacht als Disstrack gegen den NASA-Wissenschaftler Neil deGrasse Tyson, ist eine geballte Ladung Schwachsinn, die in Sachen Intelligenz von Geisteszwergen wie Xavier Naidoo noch um Längen überschattet wird. Trau keinem Promi, die sind alle geklont, wenn nicht sowieso Reptilienmenschen (werden die auch geklont oder häuten die sich einfach? Lebt die alte Haut dann weiter?). Der Präsident trägt ständig Kippa (kennen wir ja alle, die Fernsehbilder), denn Stalin war viel schlimmer als Hitler. Check your local Holocaustleugner, yo. Die Erde ist übrigens flach.

Kann man sich nicht ausdenken, braucht man auch nicht, denn das hat B.o.B. alles auf "Flatline" so gerappt. Zu diesem Zeitpunkt ist "Airplanes", sein Wonder von einem One-Hit, schon sechs Jahre alt. Genug Zeit, um den Track als diffuse Jugenderinnerung abzuschreiben, die lang genug aufflackert, dass man Zeit hat, diesen Typen zu bedauern und ihn dann wieder aus dem Kopf zu schütteln. Doch jetzt kommt "NAGA" und erwischt einen so richtig kräftig mit Anlauf auf dem falschen Fuß.

Diese Reaktion dürfte B.o.B nicht überraschen. "These are the chronicles of a black magician / left the rap business / made some plaques with an unthreatening black image", so Bobby Ray auf "Good Nigger Sticker (Freestyle)". "But that's finished."

Was habe ich erwartet? Definitiv etwas anderes als "NAGA". Weniger reflektierte Zeilen, weniger Existentialismus, weniger musikalische Offenheit als auf diesem Release vertreten.

Zunächst gibt es aber einen doppelten Schlag in die Magengrube. "Niggas wanna hold hands like Kumbaya", doch B.o.B rotzt im Eröffnungstrack allen Popfreunden und Kirchgängern auf einem düsteren, rohen Instrumental ignorante Lines vor den Altar. Feature London Jae, bei Bobbys eigenem Label No Genre unter Vertrag, reißt dann ab mit einer Hook, die 21 Savage auch nicht kälter hinbekommen hätte. "Matador Bobby" betritt zu Mariachi-Trompeten die Arena und findet sich südlich des Äquators wieder, wenn der Beat überraschend auf Reggaeton wechselt. Des Rappers Vorliebe für den südamerikanischen Hüftschwung der dreckigen Art zeigt sich im Lauf der zehn Tracks immer wieder, in der reinsten Form im größtenteils auf Spanisch gerappten Vollabriss "Cuello". Der Mann kann Turn Up.

Da gibt es dann noch Dinge, die er nicht kann: Über die ganze Länge des Tapes zeigt sich Bobby Ray nicht eben als Flowgranate und schon einmal garnicht als ausgefeilter Reimtechniker (ein Hoch auf die englische Sprache, in der sich usual auf puma shoe reimen kann, wenn es sein muss), aber auch reichlich von der "Leck mich am Arsch, ich habe noch nicht genug"-Attitüde, die man im Deutschen hungrig nennt und die den technischen Aspekt vergessen macht.

Ein Hunger, den die "millions and packed buildings" offensichtlich nicht stillen konnten (abermals zitiert aus dem für das Verständnis des Tapes zentralen "Good Nigger Sticker (Freestyle)"). Stattdessen verschafften sie B.o.B einen Szene- und Weltekel, den er im verdammt starken "Dontbenobodysbitch" auslebt. "How many pills do I gotta take to think of a hit / to be at the top how much cotton do I gotta pick", und wozu das alles, wieso sollte man das wollen wollen. Sicher ist sich B.o.B. nur, dass er in diese Welt keine Kinder setzen will.

Suizidgedanken führen zu Drogenmissbrauch, Drogenmissbrauch führt zu Suizidgedanken. "I can't make up this shit / I am on too many substances", mag ein Teil der Erklärung für sein wirres Weltbild sein. Aber auf Drogen sind ja viele. Und als Erinnerung, wir sprechen hier über einen Typen, für den "Around The World" von Daft Punk Teil einer gigantischen Verschwörung sein muss, die Öffentlichkeit über die Pizzaform der Erde in Unwissen zu halten.

Wenn die Substanzen allerdings auf ein Gehirn treffen, das sich "in search of something greater" befindet, kann es zu einem fatalen Kurzschluss kommen. Und zu einem wunderschönen Track wie "Bad Computer", einem Finale, dass diesen Namen verdient hat.

Man könnte Zeilen wie "I'm past the human / the body is trash / a bad computer / a ghost a ghost/ with massive tumors" Wahnfantasien nennen. Oder spirituelle Überzeugungen. Einigen wir uns auf Wahn aus Überzeugung, die nicht nur einem kurzlebigen High entspringt, sondern tiefere Gründe haben mag.

Und doch hat Bobby Ray noch mindestens einen Fuß in dieser Dimension. Der zweite Part beginnt, "the year is 5625 / niggas is clappin' and stompin' in church / waiting for Jesus to come back alive", "All Of The Lights"-Streicher setzen ein und befördern "NAGA" über die Vier-Punkte-Grenze. B.O.B. rappt den alten, auf die schmerzhafteste Weise zeitlosen Gospel der Sehnsucht nach einem Ende des Tötens, des Sterbens, der Unterdrückung.

Ein verwirrendes Album. "Where the fuck is the manual?". Für "NAGA" gibt es keins, man muss leider selbst denken. Es fällt leicht zu begründen, warum man sich mit B.o.B. nicht auseinandersetzen will. Komplizierter ist es, einen Weg in seine Beautiful Dark Twisted Fantasy zu suchen und Empathie für ihn zu entwickeln. Aber es lohnt sich. Es könnte die letzte Chance dafür sein, der Rapper kündigte an, das Mikrofon nach "NAGA" an den Nagel zu hängen. Wenn dem so sein sollte, er ginge in in Wahn und Würde.

Trackliste

  1. 1. Kumbaya (feat. London Jae)
  2. 2. Matador Bobby
  3. 3. Good Nigger Sticker (Freestyle)
  4. 4. Elbows (feat. Wacka Flocka & Amara La Negra)
  5. 5. Gerald Levert
  6. 6. Dontbenobodysbitch
  7. 7. T.M.I (feat. Big Havi)
  8. 8. Cuello
  9. 9. How It Is
  10. 10. Bad Computer

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