laut.de-Kritik

Zuckersüße Harmonien im Universum der Riffs, Grooves und Beats.

Review von

Klingt wie "Elton John featuring Refused", urteilten wir 2015 über den Vorgänger "Run". Vier Jahre zuvor schrieb unser Rezensent übers Debüt "Megalithic Symphony": "Ein Crossover, der in bislang nicht gehörter Weise Elemente aus Synthie-Pop, Rock, Funk, Soul, (White Boy-)Hip Hop und Punk zusammen rührt".

Legt man den Drittling ein, hört man, was die Fanboys damals meinten: Der Titeltrack kommt mit knarzendem Bass, die Drums krachen, eine mächtige Bläserhook ertönt über einem metallischen Gitarrenlick, dazu Aaron Brunos sich überschlagende Stimme. Dann ein perlender Synthie. Konventionelles Arrangement? Fehlanzeige.

Der Ex-Under The Influence Of Giants"-Sänger knüpft mit "Here Come The Runts" an sein bisheriges Schaffen an. Bedeutet dies nun die reine Wiederholung, das bloße Eigenplagiat? Nein. Er lässt zwei starken Platten einfach eine dritte starke folgen.

Das versprach im vergangenen Jahr schon der erste Vorabtrack: In "Passion" dampft Bruno die Verrücktheiten des Openers auf ein radiotaugliches Maß ein. Er drosselt das Tempo, setzt anstelle des tendenziellen Wahnsinns Prägnanz: klares Lick, klarer Beat, klare Mitsing-Hook, die Vocals im Vordergrund.

Es könnte zwar sein, dass die Hitdichte der neuen Platte mit den beiden vorherigen nicht ganz mithalten kann. Mit "Passion" gelang Bruno unter Pop-Gesichtspunkten dafür einer der besten Songs seiner Karriere, nicht zuletzt deshalb, weil er das Prinzip des unkonventionellen Arrangements trotzdem beibehält. Live sollte das Stück zünden.

Ein anderes Bild zeichnen die weiteren vorab veröffentlichen Songs: "Seven Sticks Of Dynamite" und "Handyman". Hymnische Powerballaden beherrschte Bruno schon zu UIOG-Zeiten perfekt. Ein Umstand, der auch seinen gesanglichen Fähigkeiten geschuldet ist: Diese Stimme besteht zu jeder Zeit ohne Autotune oder einzig zu Akustikgitarre.

Auch "Jealous Buffoon" und "Miracle Man" bestechen mit diesen chartstauglichen Gesangsmelodien, gleichwohl sind sie im tanzbareren Tempo angesiedelt. Wobei "Miracle Man" im letzten Viertel in einen noisigeren Part abfährt. Zuvor verbreitet "Sound Witness System" 90er-Alternative Hip Hop-Atmo, der nach der Hälfte schräge Synthies in die Parade fahren.

"My Molasses" rockt hingegen relaxt, unkompliziert und harmonisch aus den Boxen. Gerade dieses ein wenig an Collegerock erinnernde Stück zeigt, ob man die Band mag oder nicht. Awolnation hatten noch nie Angst vor zuckersüßen Harmonien. "Cannonball" liefert ähnlichen Bruno-Rock, nur aufgedrehter.

Welche Gegensätze Awolnation vereinen, zeigt der Kontrast "Tall, Tall Tale" vs "Table For One". Der eine Track düster schleppend, eher schwer zugänglich, der andere eine weitere, hymnisch angelegte Powerballade. Die Hardrock-Party "Stop That Train" haut als Letztes in die Kerbe des Openers und gibt gegen Schluss gar Hardcore-Gas.

Ja, im Universum der Riffs, Grooves und Beats ist Einiges möglich, so man denn nur will. Insofern hat Aaron Bruno seinen Soundmix gefunden. Dass dieser in einer Ahnenlinie mit den Vorgängeralben steht, ja teilweise sogar in seiner Vorgängerband gründet: kein Problem. So funktioniert Evolution nun mal.

Er habe ein Rock'n'Roll/Pop-Album machen wollen, ließ Bruno verlauten, der die Platte zuhause mit Gitarrist Zach Irons und Drummer Isaac Carpenter in Kalifornien aufnahm, und: "Wenn ich Pop sage, meine ich Dire Straits, "Born In The U.S.A", The Cars oder Tom Petty". Zudem verehrt er Jeff Lynne und RATM. Womit die Bandbreite des Sounds erklärt wäre.

Das Angenehme an Awolnation: Man hat stets das Gefühl, dass es, bei allem Willen zum Erfolg, letztlich nur um Musik geht. Oder um das, was sich Aaron Bruno darunter vorstellt. Nur so entstehen am Ende des Tages gute Platten.

Trackliste

  1. 1. Here Come The Runts
  2. 2. Passion
  3. 3. Sound Witness System
  4. 4. Miracle Man
  5. 5. Handyman
  6. 6. Jealous Buffoon
  7. 7. Seven Sticks Of Dynamite
  8. 8. A Little Luck And A Couple Of Dogs
  9. 9. Table For One
  10. 10. My Molasses
  11. 11. Cannonball
  12. 12. Tall, Tall Tale
  13. 13. The Buffoon
  14. 14. Stop That Train

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6 Kommentare mit 2 Antworten

  • Vor 3 Monaten

    "Here Come The Runts" ist tatsächlich wieder ein richtig gutes Album geworden. Es wird einfach nicht langweilig diesem wahnsinnigen Musiknerd Aaron Bruno zuzuhören. Nachdem ich "Run" eher "nur" gut fand, ist das dritte Album wieder sehr dicht am genialen Erstling. Ich freue mich jedenfalls auf April, wenn in Frankfurt im Gibson die Post abgeht. Das letzte Mal haben sie noch vor einer Hand voll Leuten im Zoom gespielt.

  • Vor 3 Monaten

    hier kann man idt nach einem durchlauf ohne bedenken die 5/5 zücken. super abwechselungs- und facettenreich. und mit viel potenzial welches sich nach 5 bis 6 durchläufen ergeben dürfte.

    • Vor 3 Monaten

      Als Verantwortlicher eines Kurses " Deutsch für Anfänger", reicht ein unausgeschriebnes "in der Tat" nicht, um tatsächlich die Versetzung in die nächste Stufe zu schaffen. Es tut mir leid @Para...höchstens fünf. ;)

    • Vor 3 Monaten

      "Als Verantwortlicher eines Kurses " Deutsch für Anfänger", reicht ein unausgeschriebnes "in der Tat" nicht, um tatsächlich die Versetzung in die nächste Stufe zu schaffen."

      starker und verständlicher satzaufbau. probst.
      :rolleyes:

  • Vor 3 Monaten

    Musik für US College Kids, die nicht auf Hiphop stehen. Die meisten Songs machen aber Laune.

  • Vor 3 Monaten

    Opener geil, beim Rest bin ich noch unentschlossen. Songs wie Sound Witness System...weiß nicht, dann lieber alt-j. Dennoch, die Band ist fantastisch und der Typ ultrasympatico

  • Vor 3 Monaten

    Lange nicht mehr so aufmerksam Musik gehört wie bei dieser Platte. Awolnation macht wieder Bock drauf. Trifft irgendwo zwischen kreativ/originell und ohrencharmant genau meinen Geschmacksnerv. Geil.

  • Vor 3 Monaten

    Schönes Album, hört sich ohne große Anlaufschwierigkeiten geschmeidig am Stück durch. Finde die Unterschiede/Weiterentwicklung o ä zu den Vorgängern allerdings auch noch etwas geringer als es hier (Rezi/Interview) kommuniziert wird. "Eigenplagiat" ists wohl noch keines, stimmt, aber ich finde schon, dass das Album etwas der Zeit gefallen wirkt. Der Sound für die Hipster von vorgestern oder so. Ganz angenehm eigentlich, der große Aha-Effekt bleibt so aber natürlich aus. Etliche schöne Melodien, mehrere Ohrwürmer, aber kein Über-Hit diesmal. Würde auch 4 Sterne geben.