laut.de-Kritik

Der Urheber fehlt.

Review von

"Tim" heißt das Album. Von Tim. Denn so hieß der DJ Avicii mit Vornamen. Musikalisch interessant ist das Album nur stellenweise. Aber vor den Texten muss man warnen, sie sind gut, aber schwere Kost: Zeilen zum Tod und speziell zum Suizid durchziehen fast alle Songs.

"I think I just die.", heißt es in "Heaven". "Can you hear me SOS / Help me put my mind to rest" sticht in "SOS (feat. Aloe Blacc)" hervor. "We don't get to die young / Trouble keeping our heads sometimes / We just have to push on / We don't get to give up this life.", so singt Tim in "Hold The Line (feat. Arizona)". Sehr direkt drückt Avicii sich in "Freak (feat. Bonn)" aus, einem anderen "Freak als dem gleichnamigen Avicii-Song von 2016: "I don't want you to see / How depressed I've been (...) never wanted to die young."

Fehlende Seelenruhe drängt sich als Motiv in den Vordergrund: Der Mensch sucht "Peace Of Mind (feat. Vargas & Lagola)", verliert aber die Geduld, in "Ain't A Thing (feat. Bonn)" - "I swear I'm loosing patience / for all these fucking situations". Aviciis Stimme erklimmt mehrmals androgyne Höhen, selten Tiefen. Doch sein Gemüt scheint auf dem Tiefpunkt. "Fades Away (feat. Noonie Bao)" und "Never Leave Me (feat. Joe Janiak)" handeln vom Abschiednehmen.

Wenn es nun stimmt, dass fast 200 fertige Songs existieren, können wir noch viele solcher Alben erwarten. Hoffentlich nicht, wäre einzuwenden, denn zwischen all den spannenden Texten und der Musik klafft auf befremdende Weise ein großer Graben. Der Gesang und die vom C64 verfremdeten Piano-Klänge laufen wahllos nebeneinander her, ohne dass sich irgendwo mal die Fäden stimmig verknoten und die Ton-Teile verfugt würden. Zwar klingt all das hier nicht direkt 'falsch'. Aber eben auch nicht so, als ob Avicii es genau so gewollt hätte.

Den Beweis tritt seine Familie auch gar nicht erst an, obwohl es doch Videomaterial geben müsste, das ihn beim Arbeiten und im Schaffensprozess zeigt. Um den Verdacht abzuwehren, aus den CD-Verkaufserlösen und Airplay-Tantiemen Geld abschöpfen zu wollen, sagen die Erben: 'Wir stiften alles einem Fonds.' So wohnen wir nun alle den inneren Zerreißproben und der Lebensmüdigkeit von Tim Bergling bei.

Immerhin gewinnt die Platte durch das überragende Stück "Fades Away (feat. Noonie Bao)" Sympathiepunkte. Dieser Titel fesselt. Hier passt alles: Effekte, Stimmung, Rhythmik, Melodie, die weiblichen Gast-Vocals; das Duell aus wehmütigen Momenten und euphorischem Übermut in Tims Herz spiegelt sich sehr überzeugend in der musikalischen Gestaltung. Dieser Disco-Electropop klingt zwar verdammt aus der Zeit gefallen, entstand aber wohl, soweit man weiß, Anfang 2018.

Dann punktet der Track "Tough Love (feat. Agnes & Vargas & Lagola)": Sein Worldbeat-Anteil mit orientalischem Flair entfaltet seine Wirkung, man stolpert zwangsläufig darüber. Andererseits läuft auch hier die Musik ohne jede Verzahnung mit den Lyrics. "Bad Reputation (feat. Joe Janiak)" tönt derweil musikalisch konventioneller, aber auch ganz nett. Mit Parallelen zum aktuellen Dancehall und in einer verspulten Abmischung durchmisst der Song einige Spielarten des Electro-Pop: sphärisch, tanzbar oder zumindest hüpfbar, Kopfnicker-Sound, sanft loopend, vehemente Beats, elektronische Exotik. Könnte auch von Walshy Fire stammen.

Die fröhlichsten Passagen trägt "Heart Upon My Sleeve (feat. Dan Reynolds)". Hier stehen die housigen Beats im Vordergrund. Dieser Track wirkt am ehesten so, wie man Avicii noch aus seiner aktiven Zeit kannte.

"Excuse Me Mr Sir (feat. Vargas & Lagola)" verblüfft mit Brit-Pop-Style, erinnert in Vocoder-Stil und Harmonieführung an Oasis und The Verve. Hier stehen nun weniger die Elektronik, dafür diverse Stimm-Samples im Mittelpunkt, so dass dieser Titel sogar am künstlichsten, aber auch am versponnensten und dadurch interessantesten von allen klingt.

Was jedoch für das Album spricht: Neben Enigma und Scooter gibt es nicht allzu viele, die den C64-Sound ausprobiert haben. Dieser Sequencer wandelt zum Beispiel Tastentöne aus einem Klavier in eine Art digitales Cembalo um. Die Resultate klingen sehr hart, sehr hell, sehr frisch im Sound. Dass diese kurze Episode der synthetischen Musik hier noch gelebt wird, macht "Tim" schon zu einem brauchbaren Release.

Dennoch fehlt der Urheber. Die Single "Heaven" wirkt mainstreamig, fantasielos und seltsam beiläufig, aufgrund von Vocals, die ihren Platz minutenlang suchen und nirgends inmitten der Pop-Beats finden. Zusammengewürfelt aus vorhandenen Tonspuren, wie eine Art Remix oder gar 'Refix'. Solche Momente müssen doch nicht sein, oder? Im Promo-Film zur CD sieht man Avicii kaum, dafür: sehr lange seinen Vater, diverse Produzenten und den Skandinavien-Chef von Universal. Der Multi-Konzern hatte einen Vertrag mit DJ Avicii geschlossen, ohne dass es zu einem Album kam. Der Herr von Universal kommt in dem Film noch am zutraulichsten herüber, vor allem als er zugibt, das Album sei mitnichten 'perfekt'. Es sei nur eine Annäherung an das, was Avicii sonst selbst gemacht hätte. Nicht mehr.

Statt eines Albums von Avicii bekommt der Fan hier ein Album über Avicii; feiner Unterschied. Hört man im Kontrast dazu etwa den Extended Mix von "Seek Bromance" aus dem Jahre 2010, fällt auf: Aviciis Kernkompetenz lag darin, Stimmungen und Spannungen über lange Passagen aufzubauen, und das auch mal ganz ohne Text. Von dieser wichtigen Seite seines Lebenswerks hört man auf "Tim" bedauerlicherweise nichts.

Trackliste

  1. 1. Peace Of Mind (feat. Vargas & Lagola)
  2. 2. Heaven
  3. 3. SOS (feat. Aloe Blacc)
  4. 4. Tough Love (feat. Agnes & Vargas & Lagola)
  5. 5. Bad Reputation (feat. Joe Janiak)
  6. 6. Ain't A Thing (feat. Bonn)
  7. 7. Hold The Line (feat. Arizona)
  8. 8. Freak (feat. Bonn)
  9. 9. Excuse Me Mr Sir (feat. Vargas & Lagola)
  10. 10. Heart Upon My Sleeve (feat. Dan Reynolds)
  11. 11. Never Leave Me (feat. Joe Janiak)
  12. 12. Fades Away (feat. Noonie Bao)

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7 Kommentare mit 10 Antworten

  • Vor 17 Tagen

    Review is ok imo. Der Kerl hatte scheinbar Probleme,.. R.I.P. =/

    Mecker, mecker: Ich fand's doof dass Massive Attack einen von seinen bekanntesten Songs auf der 'aktuellen' Tour live abgespielt haben.. WTF.

    "Die Single 'Heaven' wirkt mainstreamig, fantasielos und seltsam beiläufig, aufgrund von Vocals, die ihren Platz minutenlang suchen und nirgends inmitten der Pop-Beats finden."

    Yeah,.. aber das is ja auch der Sinn dahinter, ne? Beat, Gesang & Co. passt schon,.. oder magst grad mal zu 'Pyramid Song' mitklatschen? xD Chris Martin (is Bono 2.0) is bah. IMHO.

  • Vor 17 Tagen

    3/5? Nur weil er schwarz äh tot ist? Ich meine, für seine anderen Alben gab's max. 2/5, und das hier ist ja nicht mal von ihm (abgesegnet)...hmm.

  • Vor 17 Tagen

    "Aviciis Stimme erklimmt mehrmals androgyne Höhen, selten Tiefen. Doch sein Gemüt scheint auf dem Tiefpunkt." - Autsch.

  • Vor 17 Tagen

    Ich bin etwas sprachlos wenn ich das hier lese. Absolut seltsam geschrieben. Musik ist immernoch Geschmackssache und die neuen Lieder (vorallem Heaven was er zu LEBZEITEN!!! produziert hat) sind alles andere als "fantasielos". Viele verschiedene Elemente die trotzdem am Thema festhalten. Ich weiß nicht warum Herr Kause sich nichtmal richtig in die Lieder reingehört hat bzw kaum Ahnung hat und dann über etwas schreibt (z.B. singt Avicii keinen einzigen Song...) aber sowas geht absolut garnicht.

    • Vor 17 Tagen

      Um ein paar Dinge nochmal klarer zu sagen:
      1. 3 Punkte stehen in unserer Skala für gute Platte. Es sind fünf Songs mit positiven Qualitäten beschrieben. Darüber hinaus wird auch mehr Lobendes als Kritisches genannt. Was also fehlt Ihnen?
      2. Drei der fünf positiv beschriebenen Songs sind mit Details erläutert.
      3. "Heaven" wurde laut den offiziellen Statements zB von Carl Falk auf Instagram und auf YouTube, wie alles andere auch, stark nachbearbeitet.
      Es sei der Film "The Story Behind 'Heaven'" auf Aviciis VEVO-Channel empfohlen, anstatt hier zu schimpfen. Der gibt nämlich - ganz auffällig - keine Antwort darauf, warum der Titel fünf (!) Jahre lang existierte, um jetzt neu zu erscheinen.
      4. Wir bekommen solche Releases nicht wochenlang im Voraus, sondern dann wenn das Label sie verschickt, gern mal zwei Tage vorab. Wer auf welchem Titel singt, habe ich mir über Fan-Blogs zusammengesucht, weil vom Label dazu nichts mitgeteilt wurde.

    • Vor 17 Tagen

      „Musik ist Geschmacksache“. Damit hast du doch schon alles gesagt. Wenn du nicht akzeptieren kannst, dass jemand eine andere Meinung als du hat, solltest du generell keine Reviews lesen. Und gerade bei EDM gehen die Meinungen sehr weit auseinander.

    • Vor 16 Tagen

      Zu 2.: Herzlichen Glückwunsch, sie haben bei einer Albumbewertung ganze 3 tracks im Detail analysiert. Was genau ist eigentlich ihr Job?
      Zu 3. Wenn man richtig recherchiert erfährt man, dass die von Carl Falk bearbeitete Version letzten Endes nicht für das Album gewählt wurde. Stattdessen wurde Aviciis Version von 2016 genommen, die von Carl Falk für das Album nur noch gemastered wurde. Der Film gibt im übrigen eine klare Antwort für die Wartezeit, Heaven sollte eigentlich der Abschluss der 3 Avici-EPs werden, wovon leider nur die erste einen realese schaffte, und für das Ziel der "Reise" (EP 1 bis EP 3) aus der tiefsten buddhistischen Hölle genannt Avici stehen.
      Ps. Wenn Sie mit Ihrem Job überfordert sind, lassen sie es bitte einfach bleiben.

    • Vor 16 Tagen

      @_Tim_:
      Wenn Menschen, die bestimmten Künstlern bis zum Anschlag im Arsch stecken, glauben, ihr Idol wäre mindestens tausend Doktorarbeiten wert ...
      Gruß
      Skywise

    • Vor 16 Tagen

      und dann noch für ... das.

    • Vor 14 Tagen

      @_Tim_ die Kunst der Musikjournaille und hier der Albumreview besteht darin, anhand von gut gewählten Exempeln die jeweils besprochene Platte für den Leser greifbar zu machen. Überdies, eine ansprechende Mixtur aus Kurzweil und fachmännischer Information zu liefern.
      Dies passiert NICHT, wenn man zu jedem Album jeden Song einzeln exzerpiert.

  • Vor 16 Tagen

    1. Ist ihre Meinung zu der Stiftung, zu der alles gespendet wird, ein Vorwurf von Ihnen?!? Geld hat die Familie sowieso schon. So ein Vorwurf ist einfach nur Frech.
    2. Heart upon my Sleeve klingt so wie man es aus Aviciis aktiver Zeit kannte? Natürlich! Der track ist von 2013 und damals - aufgrund vertraglicher Probleme mit Dan Reynolds - ohne Vocals auf seinem Debutalbum True zu finden.
    3. Künstler entwickeln sich. So auch Avicii (mehrfach von Ihm und seinen Mitproduzenten bezeugt). Das bedeutet, dass sich auch ihr Sound/Genre verändert. Sie deswegen zu kritisieren halte ich für fragwürdig.
    4. Zu Heaven. Der track wurde von Avicii fertiggestellt und nur noch von Carl Falk für das Album gemastered. Was Sie für ein Problem mit den Vocals haben, erschließt sich mir nicht. Ihrer Verschwörungstheorie zu Universal klingt etwas paranoid.
    5. "Statt einem Album von Avicii bekommt man ein Album über Avicii", ach was? Wieso heißt die Platte wohl "TIM"?
    6. Nichts von Aviciis Sound von 2010 zu hören sollte spätestens nach seinem zweiten Album Stories aus 2015 klar sein. Avicii wollte sich nach 2016 neu erfinden und langsamere, fast schon Pop Nummern schreiben (s. Punkt 3), was Ihm meiner Meinung nach gelungen ist
    7. Dieses Album sollte man eigentlich nicht bewerten, der Grund steht in Ihrer Überschrift. Vielmehr ist es für seine Familie, Freunde und Fans, die den Menschen hinter dem Künstler verstehen wollen.

  • Vor 16 Tagen

    Das ist doch Chris Martin, der den Song Heaven singt? Der Song ist melodisch und mit den Vocals gibt es überhaupt keine Probleme.