laut.de-Kritik

Neue große Klagelieder vom Peppers-Gitarristen.

Review von

Wie das nur weiter gehen solle, fragt Schuh in seiner Besprechung des letzten Albums des Peppers-Gitarristen, und: "Wo will John Frusciante noch hin?" Acht Wochen später legt der Mann eine weitere Scheibe vor, aber "Automatic Writing" beantwortet die Fragen des geschätzten Kollegen nicht, sondern stellt allenfalls neue.

Frusciante, der von "The Will To Death" schon bekannte Josh Klinghoffer und Fugazi-Bassist Joe Lally scheinen in den Credits gleichberechtigt, haben demnach alle Songs gemeinsam geschrieben. Beide sind, meist verfremdet, auch als Sänger zu hören und waren gewiss an der wieder äußerst kreativen und detailverliebten Ausarbeitung der Stücke, in denen Strophe und Refrain kaum noch eine Rolle spielen, beteiligt. Dennoch ist die dominierende Rolle des Gitarristen bei Ataxia überdeutlich.

Das liegt natürlich zum einen an den unverkennbaren Gitarrensoli, die psychedelisch beginnen und im Saiten-Delirium enden. Nachdem Lally mit wenigen trockenen Schlägen die (unwichtige) Melodie vorgegeben und Klinghoffer den schleppenden Rhythmus bestimmt hat, setzt Frusciante im Opener gleich nach wenigen Takten seine Duftmarke. Einen noch eigeneren Charakter aber hat der oft etwas nasale Klagegesang, der auf "Dust" nach knapp 80 Sekunden einsetzt, wenn das erste Gitarrengewitter abgeklungen ist.

Wieder beschränkt sich das RHCP-Mitglied fast ausschließlich auf absteigenden Melodie-Linien, was dem Gesang seinen bitter hoffnungslosen Beigeschmack gibt. Diese Lieder drücken Stillstand aus und Angst und die ganze Qual der Erkenntnis. Ihre Wirkung erzielen sie im Kontrast mit der spielerischen Kunstfertigkeit, mit der die drei die angeblich großteils live aufgenommenen Stücke veredeln und zum Teil auf Monsterlänge von über zwölf Minuten aufblasen. Mit den von Schuh so kenntnisreich beschriebenen technischen Mitteln schaffen Frusciante und seine Mitstreiter die abwechslungsreichsten Sound-Landschaften, so dass sich der Schluss aufdrängt, das Leben sei vielleicht traurig und vergebens, aber nie langweilig und manchmal sogar schön.

Dennoch ist fraglich, ob Ataxia einen weiter begehbaren Weg vorzeichnen. Denn "Automatic Writing" suspendiert nicht nur den Songwriter, sondern letztlich auch den Song. Immer gleichgültiger scheint diesen Soundforschern alle hergebrachte Form und Struktur, wenn das so weiter geht, hat die nächste Scheibe nur noch einen Titel, und die übernächste?

Trackliste

  1. 1. Dust
  2. 2. Another
  3. 3. The Sides
  4. 4. Addition
  5. 5. Montreal

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1 Kommentar

  • Vor 8 Jahren

    Die "Automatic Writing" von Ataxia ist meiner Einschätzung nach nicht als konzeptionalisiertes Album mit einer "Zukunftsträchtigkeit" für das Band-Vehikel oder ähnliches erdacht worden.
    Ich empfinde es mehr als eine Art "Auswurf" von Songs, die bei deren Musiksessions entstanden sind, die die Leute halt hören wollten - weswegen sich ja auch das Review als Review überhaupt erst legitimiert.
    Wenn jetzt aufgrund inhaltlicher Überlegungen des Albums konstatiert wird, der Songwriter "suspendiere sich selbst", dann muss auch die Frage nach der Legitimität eines Reviews über einen "sich-selbst-Suspendierten" gestellt werden - und dies kann nur aus der Sicht eines von außen aktiv Suspendierten sein. Entsprechend bewahrheitet sich mit diesem Review die Verpflichtung des Künstlers, für den Hörer, und nicht für den Kritiker zu musizieren.