laut.de-Kritik

Rock'n'Roll in seiner schaurig schönsten Form.

Review von

Årabrot fingen 2001 als dreiköpfige Noise-Rock- und Post-Hardcore-Band an und integrierten über die Jahre immer mehr Metal- und Blues-Elemente in ihren Sound. Von der Urbesetzung blieb nur noch Sänger und Gitarrist Kjetil Nernes übrig. Der betreibt Årabrot mittlerweile mit seiner Ehefrau, der Vokalistin und Pianistin Karin Park, die 2012 zur Formation stieß. Die beiden leben schon seit mehreren Jahren in einer ehemaligen Kirche in den schwedischen Wäldern von Dalarna in der Nähe von Djura und besitzen dort auch ein eigenes Tonstudio. Seine Seele hat das Duo aber nicht an Gott, sondern an den Rock'n'Roll verloren. Der quillt nun auf "Norwegian Gothic" erneut aus allen Poren.

Kjetil versteht die Platte als eine Zusammenfassung der letzten zehn Jahre Årabrots und als musikalischen Ausblick auf die Zukunft zugleich. Textlich verweist das Duo auf die Bibel und auf "Dantes Inferno", auf Existenzialismus, Surrealismus und Romantik sowie auf deutsche Philosophie. Dabei begegnet man düsterpoetischen und dramatischen, aber auch schwarzhumorigen und provokanten Zeilen.

Musikalisch gerät das Album nicht weniger abwechslungsreich. Des Weiteren sorgen Gastmusiker wie die beiden Drummer Tomas Järmyr (Motorpsycho) und Anders Møller (Ex-Gluecifer), Multiinstrumentalist Lars Horntveth (Jaga Jazzist), Bassist Massimo Pupillo (Zu) und Cellistin Jo Quail für zusätzlichen Druck, aber auch für eine Menge instrumentale Feinheiten.

Der Opener "Carnival Of Love" knüpft da an, wo die Nordlichter vor ihrem Drone- und Dark Ambient-Experiment "Die Nibelungen" mit "Who Do You Love" aufgehört haben. So treffen Parks epische Mellotronklänge auf kraftvolle Schlagzeug-Sounds und muskulöse Hardrock-Riffs. Dazu erinnert Nernes' Gesang, der wie immer recht verschroben klingt, an die Dramatik Robert Plants und Karin erweist sich am Mikro als kongeniale Partnerin an seiner Seite. Mehr Led Zeppelin in einem Song geht im Grunde nicht mehr.

Mit "The Rule Of Silence" kommt noch ein wenig grooviges Alternative Rock-Flair hinzu, doch am Ende steht der Track mit knallenden Drums und hymnischen Gitarrentönen wieder einmal ganz im Zeichen Led Zepp'scher Opulenz. Dagegen ist "Feel It On" mit kernigen Death'n'Roll-Riffs, wirbelndem Schlagzeug und einem einprägsamen Refrain nahezu simpel gestrickt. Auch das folgende "The Lie", das grungige Gefilde streift, gestaltet sich recht eingängig. Für Årabrot-Verhältnisse mutet das musikalisch zunächst etwas banal an, aber gerade durch diese Einfachheit kristallisieren sich die beiden Nummern als Ohrwürmer heraus, die man nicht missen möchte.

"The Crows" hat im Anschluss mit schummrigen Mellotronsounds und getragenem Gesang Nernes' und Parks etwas Rabenschwarzes. Danach drücken in "Kinks Of The Heart" die Riffs den Hörer nahezu an die Wand, während Kjetil dem Wahnsinn freien Lauf lässt. Bei aller unheilvollen Manie vernachlässigt das Duo aber nicht das Stimmungsvolle. Gerade durch den Einfluss Karins baut sich nach und nach eine schaurig schöne Schauermärchen-Atmosphäre auf, die gefangen nimmt.

In "Hailstones For Rain" kommt schließlich mit den Steel-Gitarren-Klängen Horntveths, der auch hin und wieder ein paar Sounds an den Bläsern einstreut, so dass der Track etwas Schrulliges vermittelt, eine Prise Country hinzu. Darüber hinaus bekommt Park wie auf "Who Do You Love" auch auf "Norwegian Gothic" ihren großen Solo-Auftritt, nämlich in der Ballade "Hallucinational". Die strahlt durch ihre zerbrechliche, gänsehauterregende Stimme nahezu etwas Tragisches aus. Dazu schwingt in den Saiten-Tönen Horntveths eine Menge Nostalgie mit. Tiefgründige Klänge haben danach erst mal ausgedient. Dafür rocken Årabrot, als gäbe es kein Morgen.

In "Hard Love" singen Park und Nernes zu präzisen Drums, stürmischen Riffs und tänzerischem Mellotron von einer verfänglichen Liebeskonstellation und dem Schulterschluss mit dem Teufel. In "Hounds Of Heaven" wähnt man sich zu schweren Gitarrentönen und der verspielten Tastenarbeit Karins in einem alten düsteren Saloon und "Deadlock" wirkt ab der Mitte mit brachialen Sludge-Metal-Klängen wie ein Schlag in die Magengrube. Das betörende Finale "The Moon Is Dead" hinterlässt schließlich nur noch lähmende Verzweiflung, wenn Nernes mit klagender Stimme zu nächtlichen Saxofon- und verfremdeten Schlagzeug-Sounds apokalyptische Bilder heraufbeschwört.

Letzten Endes zeugen die fein instrumentierten und bis ins kleinste Detail von Jaime Gomez Arellano ausproduzierten Songs auf der Platte davon, dass Årabrot nichts dem Zufall überlassen haben. Das ausgesprochen ästhethische Coverfoto entstand beispielsweise um drei Uhr morgens während der Sommersonnenwende in der heimischen Kirche. Das Duo hat jedenfalls mit "Norwegian Gothic" ein Gesamtkunstwerk erschaffen, das sich als unzertrennliche Einheit aus Musik, Text und Artwork betrachten lässt. Zudem klingt das Album aufgeräumter und nicht mehr so experimentell wie die Vorgänger, aber nicht weniger kratzbürstig. Über die weitere Zukunft der Nordlichter muss man sich also keine Sorgen machen.

Trackliste

  1. 1. Carnival Of Love
  2. 2. The Rule Of Silence
  3. 3. Feel It On
  4. 4. The Lie
  5. 5. The Crows
  6. 6. Kinks Of The Heart
  7. 7. Hailstones For Rain
  8. 8. The Voice
  9. 9. Hallucinational
  10. 10. (This Is) The Night
  11. 11. Hard Love
  12. 12. Impact Heavily Onto The Concrete
  13. 13. Hounds Of Heaven
  14. 14. Deadlock
  15. 15. The Moon Is Dead
  16. 16. You're Not That Special

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