laut.de-Kritik

Der Vater der Szene entert die Gegenwart im Panzer.

Review von

Wie verortet man einen Künstler in einer Szene, die er im Grunde fast komplett selbst erschaffen hat, die aber nie über seine Plattform hinaus entwachsen ist? Auf seiner neuen EP "Collapse" kehrt Aphex Twin zurück zum Drill and Bass, einem von ihm etablierten Subgenre im IDM, das wiederum ein von ihm etabliertes Subgenre der elektronischen Musik darstellt, die er laut mehrerer religiöser Schriften vermutlich auch irgendwie erfunden hat.

Über sechs Tracks wälzt sich Richard James durch komplexe Drum-Kompositionen und zeigt, dass er sich in einem Teil seiner Karriere befindet, an dem es ihm nur noch um die Nerd-Credibility und den Spaß an der Sache geht. Ähnlich wie bei Genrekollegen, besonders Squarepusher und Venetian Snares, stehen auf "Collapse" die Collagen von rhythmisch extrem komplexen Perkussionen im Vordergrund.

Textur entsteht durch die undurchschaubare Osziallation von Kicks, Basshits und Snares, die von lebendigen und immer transformierenden Rims, Hats und Soundeffekten durchzogen werden. Der Pool reicht von 909s über 808s bis hin zu gänzlich obskuren Drumsamples. Songstruktur und Abwechslung bringt er mit Synthesizer-Intermezzos ein, die mal wie Refrains, mal nur wie notwendige Übergangsmomente in den Songs schwelen.

Auf "1st 44" brechen zum Beispiel futuristische, klare Toms den Song los, der erst nach etwa der Hälfte in einen Schlag Synthesizer transformiert, die scheinbar eine gewisse Hommage an die Synth-Entscheidungen aus der Übergangsphase von Jungle Music zu Drum and Bass enthalten. Dagegen wirken Tracks wie "pthex" so quirlig und energetisch, als hätte Aphex Twin bei der Produktion einen Schulterblick auf seine britischen Fackelträger der PC Music-Schule, vielleicht sogar auf einen Iglooghost geworfen.

"abundance10edit" eröffnet den Song mit einem Sample, das mehr aus Reverb als aus Ausgangsmaterial besteht und schwemmt die darauf folgenden, minimaleren Rim- und Vocal-Bits mit einer Atmosphäre, die an manche "Syro"-Komposition erinnert. Generell ist die Präsenz von mehreren Vocal-Schnipseln hier ein untypischer Moment der EP, so weit, dass uns James sogar einen konkreten Satz in die Hand gibt. "Give me your hand, my friend, and i will lead u to a land of abundance, joy and happiness" veräußert eine Kinderstimme da – und würde fast "Come To Daddy"-Erinnerungen wecken, wäre der restliche Song in seiner psychedelischen Verschwommenheit nicht unerwartet unironisch, so gar nicht zynisch, dass man den James fast gar nicht heraushört.

Ganz außer Charakter bewegt sich Aphex Twin aber dann doch nicht, denn immerhin befindet dieses "Land der Fülle" sich am Ende des Tages auf einem Projekt, das laut Eröffnungstrack nach der Kollision eines amerikanischen Panzers aus der kalten Krieg-Ära benannt ist. Tatsächlich gibt dieses Bild im atmosphärischen Blick auf die Platte auch durchaus Sinn.

"Collapse" lebt von einer steten Spannung, die irgendwo zwischen Retrofuturismus und Cyberpunkt stattfindet. Es kollidieren möglicherweise Ängste und Hoffnungen gleichermaßen in diesem exzentrischen, reizüberflutenden IDM-Drill-Projekt. Es ist eines der stärkeren und lebendigeren aus Aphex Twins neuer Karrierephase und eines, das zwar klar seiner Drill and Bass-Bewegung in den Neunzigern Respekt zollt, aber dennoch im aktuellen Klima Londoner elektronischer Musik so gar nicht verloren wirkt. Man merkt eben doch, dass Aphex Twin nach wie vor einer der Väter dieser Szene ist. Und als solcher altert er verdammt gut.

Trackliste

  1. 1. T69 collapse
  2. 2. 1st 44
  3. 3. MT1 t29r2
  4. 4. abundance10edit[2 R8's, FZ20m & a 909]
  5. 5. pthex
  6. 6. t69 collapse [durichroma]

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2 Kommentare

  • Vor 2 Jahren

    4/5 gehen nach erstmaligem Durchhören absolut klar. Dnke mal sein stärkstes Release seit Syro und glücklicherweise auch kein reines Selbstzitieren, Verfallen in alte Muster, wie es der erste Track vielleicht noch etwas nahelegt, find's teilweise auch erstaunlich eingängig/zugänglich.

    Verstehe nur den Teil hier nicht so wirklich:
    "...wäre der restliche Song in seiner psychedelischen Verschwommenheit nicht unerwartet unironisch, so gar nicht zynisch, dass man den James fast gar nicht heraushört."

    Bezieht sich das jetzt auf "Aphex Twin"-Mukke im Allgemeinen oder Come to Daddy im Speziellen? Fände ich jetzt in beiden Fällen nicht so angemessen, wobei man sich in letzterem und manchen anderen Fällen sicher noch auf ein "ironisch" einigen könnte. Ansonsten würde ich aber sagen, dass ein Mensch der ein Album im Stile von "Richard D. James" raushauen kann, so zynisch gar nicht sein kann.

  • Vor 2 Jahren

    So sehr ich ihn schätze, hab' ich gar keinen Bock mehr, neue Mucke von ihm zu hören.