laut.de-Kritik

Revolutionsromantischer Rüpelrap.

Review von

"Aversion" bedeutet Abneigung, Ablehnung oder Ekel. Dass die "Trümmermänner" der verbliebenen Antilopen Gang ihr Album so betiteln, verwundert einen nicht. Auch wenn sie ihre Seelen kürzlich ans Düsseldorfer Tote Hosen-Label JKP verkauft und sich von DIY-Albumproduktion inklusive Freedownloads verabschiedet haben, zelebrieren Koljah, Danger Dan und Panik Panzer ihren "Outlaws"-Status in jeder Silbe: Die "Armee der Kaputten und der Hässlichen" hat "nicht gepasst und wurd' nicht passend gemacht."

"Die Neue Antilopen Gang", die seit dem Freitod von Jakob aka NMZS nur noch als Trio existiert, mag weder Schubladen-Denken noch Features, und doch wirkt es hin und wieder so, als hätten die Toten Hosen oder andere Punk-Opas ihre Finger im Spiel gehabt. Überraschend oft setzen sie auf "Anti Alles Aktion" und Mitgröl-Hooks und mögen so den einen oder anderen Hardcore-Raphead vor den Kopf stoßen. Das wissen sie aber auch selbst, und findens sogar amüsant: "Jetzt sind wir sexy, weil wir reich sind / Nächstes Jahr machen wir denselben Dreck wie Deichkind."

Was die Gazellen Bande ironisch meint und was ernst, ob man mit dem "Goldenen Presslufthamer" nach versteckten Botschaften graben soll oder ein doppelter Boden existiert, weiß man nie so genau. Darüber kann man ewig schwadronieren und sich den Kopf zerbrechen, man kann aber auch einfach genau hinhören und sich an Wortwitz, Zitaten und abstrusen Bezügen erfreuen. "Uns zerreißen Widersprüche, doch wir reißen wieder Sprüche." Da kann sich anfängliche Weltuntergangsstimmung schon mal in Party-Geschrei mit Discobeat verwandeln ("Ibiza").

Die politisch linke Gesinnung der Gang zeigt sich stets präsent: Nationalstolz, Gleichschaltung sowie Anpassung à la "Chamäleon" sind der Antilopen Sache nicht. Ihre schonungslosen Gesellschaftsbeobachtungen gipfeln in "Beate Zschäpe Hört U2": Die Drei zeigen Ausländerfeindlichkeit auf humorvolle Art und Weise den Stinkefinger, während Günter Grass, Holger Apfel und MaKss Damage ihr Fett wegkriegen. Darüber sollte die dystopische Botschaft aber nicht in den Hintergrund geraten: "Zwischen Schnaps und Bier wird der Hass geschürt, der sich auf jeden Fall in einem Knall entladen wird."

"Verliebt" zeichnet das schöne Portrait einer Generation, die gleichzeitig hochhaushohe Ansprüche an ihre potenziellen Lebenspartner stellt und dabei selbst Schiss hat, für eine Beziehung die Maske der coolen Abgebrühtheit fallen zu lassen. Einziger Wermutstropfen: Der trappige Beat im Refrain ertönt viel zu laut und dominant. An selbigem kränkelt auch "Dejavue", dessen glattgebügelt wirkender Chrous nicht zum trostlosen Dasein in Dauerschleife passen will, das die Rapper authentisch thematisieren.

Unter dem Motto "Grau ist das neue Grün" sagen die Antilopen in beklemmenden Soundgewand der Natur den Kampf an und plädieren für mehr "Beton". Als sehr viel lustiger entpuppt sich dagegen der "Enkeltrick", an dessen Songwriting NMZS beteiligt war. Nüchtern und unaufgeregt vorgetragen, entlockt der Track spätestens beim Refrain ein Schmunzeln, und schon beim zweiten Durchgang stimme ich laut mit ein: "Ooooohhh, das ist der Enkeltrick. Wir nehmen deiner Oma ihre Rente weg / Und aus politischen Gründen ist das okay, deine Oma hat schließlich damals Hitler gewählt."

Dass der vierte Mann nach wie vor eine wichtige Rolle einnimmt, beweist "Spring". Nur wer die Schmerzen am eigenen Leib erfahren hat, kann wohl einen so ungeschönten und ehrlichen Song über Selbstmord schreiben, der immer noch als Tabu-Thema gilt. "Und ich kann dich nicht halten, sag', wär' es mein Recht dich zu halten, nur weil es mich sehr tief verletzt? Wenn du gehen willst, geh', wenn du springen willst, spring' ..." Trotzdem regen sich im Inneren leise Zweifel, die aber ohne Verbitterung oder erhobenen Zeigefinger auskommen: "Vielleicht liegst du falsch, und wir kriegen das hin."

Mitten im Satz endet dann die "Aversion": Wütend, einsam, lustig, traurig, verliebt, radikal und zweifelnd erlebt man Panik Panzer, Danger Dan und Koljah auf ihrem ersten gemeinsamen Album. Dass sie sich musikalisch in ungewohnte Gefilde wagen und plötzlich Mainstream sind, kann ihnen nur der engstirnige und missgünstige Fan vorwerfen. Die Antilopen Gang macht halt, worauf sie Bock hat und liefert trotz, oder gerade wegen der penetranten Einnistung in die Außenseiter-Nische ein authentisches Album mit "revolutionsromantischem Rüpelrap", wie Danger Dan sagen würde.

Trackliste

  1. 1. Die Neue Antilopen Gang
  2. 2. Der Goldene Presslufthammer
  3. 3. Ikearegal
  4. 4. Verliebt
  5. 5. Outlaws
  6. 6. Chamäleons I
  7. 7. Ibiza
  8. 8. Trümmermänner
  9. 9. Beate Zschäpe Hört U2
  10. 10. Anti Alles Aktion
  11. 11. Enkeltrick
  12. 12. Chamäleon II
  13. 13. Beton
  14. 14. Dejavue
  15. 15. Unterseeboot
  16. 16. Spring

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8 Kommentare mit einer Antwort

  • Vor 3 Jahren

    Pseudointellektueller Dreck, präsentiert mit schlechtem Flow und Kackbeats. Klingt völlig unauthentisch und ist in vielen teilen widersprüchlich.
    Überflüssig.

  • Vor 3 Jahren

    Klar, völlig unangepasst, total anti und natürlich immer gegen den Trend

    dabei wird das (linke) Klientel 1 zu 1 bedient:
    Sie wünschen, wir spielen

  • Vor 3 Jahren

    Mir scheint das Album hier ein bisschen untergegangen zu sein, dabei verdient es echt Beachtung, es ist nämlich richtig gut geworden!

    Schon wie es mit "Die neue Antilopen Gang" startet, die E-Gitarre ist klasse und die Selbstironie ist herrlich.

    Was die an Ansagen raushauen ist halt einfach klasse, welche anderen Deutschrapper verbinden so gekonnt Style und Gehalt auf der Inhaltsseite?
    Ich kann mir allerdings vorstellen das die Aussage vielleicht nicht bei allen ankommt. Gerade Danger Dans Humor ist ja teiweise recht hintergründig, da fehlt es manch einem vielleicht auch einfach an Intelligenz ;-)

    Das Album ist auf jeden Fall eine gelungene Hommage an NMZS der ja auch noch in dem ein oder anderen Text und Adlib weiterlebt. RiP!