laut.de-Kritik

Das "What's Going On" für eine Zeit des Kulturkriegs und Ökozids.

Review von

Am 28. Juni 1968 regnete es Flaschen und Steine gegen die Ungerechtigkeit. In den frühen Morgenstunden vollzog die New Yorker Polizei eine ihrer regelmäßigen Razzien im Stonewall Inn, einer Bar, die damals als Dreh- und Angelpunkt queerer Kultur diente, um die geltenden homophoben Gesetze notfalls mit Gewalt zu forcieren. Drag-Queens wurden verhaftet, Schwule und Lesben verspottet und belästigt. Wieso es gerade an diesem Tag geschah, dass sich die versammelten Besucher der Bar so vehement gegen diese Diskriminierung aufbäumten, lässt sich rückblickend nicht sagen, aber in jener Nacht entzündete die einfache Frage einer bedrängten Frau ein Feuer, das nicht nur der Wut einer ganzen Kultur gewaltsam ein Gehör verlieh, sondern auch den Grundstein für die gesamte Liberation der LBTQ+-Bewegung legte: "Why don't you guys do something?"

Eine Frau, deren Gesicht rund um die darauf folgenden Proteste immer wieder auftauchte, hört auf den Namen Marsha P. Johnson. Ihr Aktivismus in den 70er und 80er Jahren macht sie bis heute zu einer der einflussreichsten und wichtigsten Wortführer für die Rechte von Trans-Personen und Homosexuellen. Die britische Sängerin Anohni traf sie einmal während der Pride-Parade 1992 in New York, sie verehrte sie bereits damals als politisches Vorbild. Wenige Tage später wurde Marshas Leiche aus dem Hudson River gezogen. Ihr Tod wurde offiziell als Suizid eingestuft, die klaffende Wunde an ihrem Hals lässt jedoch auch eine andere Vermutung zu.

Auf "My Back Was A Bridge For You To Cross" verneigt sich Anohni schon auf dem Cover vor der queeren Ikone und holte außerdem den Namen ihrer alten Band zum ersten Mal seit zwölf Jahren wieder aus der Versenkung. Wobei: Ganz die alte Band ist es nicht. Einzig der Violinist und Produzent Rob Moose, der bereits seit 2005 mit Anohni tourt, kehrt zurück. Die neuen Gesichter heißen unter anderem Leo Abrahams, der in der Vergangenheit viel mit Brian Eno arbeitete, und der renommierte Produzent Jimmy Hogarth, der sich durch Kollaborationen mit Amy Winehouse und Tina Turner einen Namen machte.

Diese Neubesetzung schlägt sich in einem musikalischen Kurswechsel nieder. Denn auch wenn "My Back Was A Bridge For You To Cross" den inhaltlichen Themenkomplexen und politischen Aspirationen Anohnis treu bleibt, so schlägt es musikalisch ein völlig neues Kapitel für die 51-jährige auf. Als Hauptquelle der Inspiration dienten Marvin Gayes "What's Going On" und der Motown-Sound der 60er und 70er.

Die wilden tonalen Experimente ihrer letzten LP weichen einem glatt gebügelten Soul, der in seiner meditativen Langsamkeit teilweise fast schon in die Gefilde des Slowcore abdriftet. Das gibt nicht nur Anohnis atemberaubend schöner Stimme das alleinige Spotlight, das sie verdient, es garantiert auch, dass uns ihre Worte noch im Ohr nachhallen, lange nachdem der Vorhang gefallen ist.

Es dürfte niemanden überraschen, dass dieses Album keine leichte Kost ist. Die Probleme, auf denen Anohnis "Hopelessness" fundierte, verschlimmerten sich in den letzten Jahren immer weiter, während in der Zwischenzeit ihre eigene Existenz als Transfrau immer mehr zur politischen Zielscheibe mutierte. Nein, Grund zur Freude gibt es wenig. Schon die ersten Worte, mit der uns die Britin über warme Gitarren willkommen heißt, fordern einen Wandel."It Must Change" bildet das Mantra einer Welt, die in sich kollabiert und deren Einwohner zu beschäftigt damit sind, sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen, um das nahende Ende überhaupt wahrzunehmen. "This is our world, That's why this is so sad.", predigt Anohni voller Wehmut.

Auch der Tod dient als zentrales Motiv des Albums: Das wunderschöne "Sliver Of Ice" widmet Anohni etwa ihrem verstorbenen Freud Lou Reed, den sie früher auf Tour begleitete. So sanft, wie sich der besungene Eissplitter auf dessen sterbender Zunge auflöst, so geleitet auch das Instrumental dahin und lässt für einen kurzen Moment die Zeit still stehen, wenn Anohni in das obere Register ihrer Stimme greift und die Worte "I love you so much more" gen Himmel schickt.

Mit "Can't" rücken dann erstmals die Johnsons in den Vordergrund und bespielen Anhonis Weigerung, den Tod einer geliebten Person zu akzeptieren, mit einem explosiven Jazz-Crescendo, das dem Song einen überraschend tanzbaren Groove verleiht. Der inhaltliche Blues tritt einen Schritt zurück, es scheint, als wolle das Instrumental Anohnis Wehklagen widersprechen und für einen kurzen Moment das Leben feiern.

"Rest" spiegelt diesen Ansatz. Wieder trauert Anohni um eine verstorbene Person, nur pflegt sie hier einen wesentlich akzeptierenderen Ansatz und scheint für den Abschied bereit zu sein. "Rest like the soul of a diamond / Rest like a woman in a field of wheat" singt sie voller Inbrunst und verwandelt die Trauerfeier in einen wunderschönen, emotionalen Abgesang, den ihre Band in der zweiten Hälfte mit der lebendigsten Orchestration der gesamten LP zu einer regelrechten Blues Rock-Hymne verwandelt. Für einen Moment vergisst man die Schwere, die diesem Album innewohnt.

"Scapegoat" bremst diese tonale Euphorie allerdings vollends aus. Man wird lange suchen müssen, um dieses Jahr einen Song zu finden, der das eigene Herz mehr in die Mangel nimmt als dieses fünfminütige, zentrale Kunststück. Anhoni seziert die weltweit immer gesellschaftsfähiger werdende Transphobie und Queerfeindlichkeit mit der Machete und legt offen, was sonst meist zwischen den Zeilen politischer Hetze bleibt: "You're so killable / Disappearable / This one we need not protect / This one's a freebie for our guns". Ihr Vibrato hallt über das knöcherne Instrumental wie das Wehklagen eines Geistes durch alte Kellergemäuer.

Man hört ihr keine Trauer oder Wut an, nur eine betroffen machende Ohnmacht, die erst dann in Schmerz umschwingt, wenn sie das finale Crescendo erlöst und eine rasiermesserscharfe Gitarre die Tränendrüsen buchstäblich aufschneidet. Anstelle eines Taschentuchs reicht uns Anohni allerdings eine nicht minder deprimierende Perspektive der Gewalt auf "It's My Fault", die die Auswirkungen dieser Diskriminierung auf die Schuldfrage in niederschlagender Nüchternheit abbildet.

Während die Welt brennt, wendet die Menschheit ihren Blick ab und sucht ihre Sündenböcke woanders. Über vierzig Jahre sind vergangen, seit Marvin Gaye erstmals die Frage "What's Going On" stellte. Seitdem ist aus dem Fragezeichen längst ein Ausrufezeichen geworden, einen Wandel sucht man allerdings nach wie vor vergebens.

Angesichts dieser Umstände scheint eine Frage wie "Why Am I Alive Now?" durchaus angemessen. Die sechsminütige Meditation über den Zustand unserer Welt zwischen Kulturkrieg und Ökozid dient allerdings ebenso sehr als deprimierende Bestandsaufnahme wie auch als Antwort auf die titelgebende Frage: "I don't know". Während Anohni bildlich durch Berg und Tal fährt und den Verfall der Natur beobachtet, wahrt das freiförmige, warme Instrumental die Erinnerung an eine gesündere Welt, eine Welt, die ihr Haltbarkeitsdatum noch nicht überschritten hat.

Das abschließende "You Be Free" greift diesen Hoffnungsschimmer auf und verwandelt ihn in einen zu Tränen rührenden Moment der Katharsis. Eine Lossagung von all dem Schmerz und das Aussprechen des unnachgiebigen Glaubens an die nächste Generation. "Be free for me" fordert Anohni da und das sind ebenso ihre Worte wie es auch die von Martha P. Johnson sind. Ihr gebrochener Rücken war eine Brücke für so viele, die auch heute noch nicht bereit sind aufzuhören und für einen Wandel zu kämpfen.

Anohnis "My Back Was Bridge For You To Cross" ist ein sanftes, aber auch ein unglaubliches wütendes Album. Noch hat die Britin Hoffnung, noch ist es nicht zu spät, noch lässt sich das Ruder wieder herumreißen - nur der Weg dahin, den sollten wir vielleicht nochmals überdenken. Ja, manchmal kann Liebe Berge versetzen, aber vielleicht müssen es manchmal auch einfach Steine und Flaschen sein.

Trackliste

  1. 1. It Must Change
  2. 2. Go Ahead
  3. 3. Sliver Of Ice
  4. 4. Can't
  5. 5. Scapegoat
  6. 6. It's My Fault
  7. 7. Rest
  8. 8. There Wasn't Enough
  9. 9. Why Am I Alive Now?
  10. 10. You Be Free

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