laut.de-Kritik

Art Pop in seiner niederschmetterndsten Form.

Review von

Angel Olsen kennt sich mit Veränderungen aus. Die in Asheville lebende 32-jährige Sängerin und Songschreiberin spielte zu Beginn der 10er-Jahre noch verschlafenen Lo-Fi-Folk, drang mit "Burn Your Fire For No Witness" 2014 in kratzbürstige Rock-Gefilde vor, nur um sich 2016 mit "My Woman" 60s- und 70s-lastigen Pop-Melodien anzunähern. Mit "All Mirrors" kommt sie mit beiden Beinen im Art Pop an.

All ihre Veröffentlichungen kreisten um innere Abgründe, um Identitätskrisen und die Sehnsucht nach Selbstliebe. Das ändert sich auch mit dieser Platte nicht. Nur fährt die US-Amerikanerin diesmal ganz schwere Geschütze auf. Zwei klassisch ausgebildete Komponisten und ein 14-köpfiges Orchester mussten es sein. Dabei sollte die Platte zunächst in ihrer ursprünglichsten Form erscheinen. Olsen nahm nämlich mit Michael Harris in Anacortes, Washington eine unbearbeitete Solo-Version von "All Mirrors" auf. Doch erst, als sie das Werk mit dem Produzenten John Congleton, der schon bei "Burn Your Fire For No Witness" hinter den Reglern saß, für Orchester- und Bandbesetzung bearbeitete, erkannte sie das wahre Potential der Songs und entschied sich, die minimalistische Rohfassung nicht zu veröffentlichen. Die schiebt sie eventuell 2020 nach. "My Mirrors" ist erst einmal niederschmetternd.

Dies macht gleich "Lark" mit aller Wucht und unmissverständlich klar. Dabei sieht sich Olsen mit ihrer eigenen Fehlbarkeit konfrontiert. Dramatisch auf- und abschwellende Streicher und ihr hochemotionaler Klagegesang laden zu einem Wechselbad der Gefühle ein, das die atemberaubendsten Drehungen und Wendungen nimmt. Erlösung gibt es am Ende nicht. Herabstürzende Violinen und ihre Stimme reißen ein tiefes Loch auf. Henryk Mikolaj Górecki wäre sicherlich stolz auf sie.

Danach lockt das Titelstück verführerisch mit sanften Synthie-Teppichen, aber inhaltlich sieht es zappenduster aus, wenn sie flehend singt: "Losing empathy, trust, love for destructive people." Die Zeilen legen auch die Fährte für den restlichen Verlauf, blickt sie doch auf eine destruktive Beziehung zurück. "You just wanted to forget that your heart was full of shit", schleudert sie ihrem Verflossenen zu gnadenlosen Pauken-Schlägen im folkigen "What It Is" verachtend entgegen. Auch sonst hält sie ihm den Spiegel vors Gesicht. Da dient die Gesangskosmetik von Congleton lediglich dazu, den Emotionen ihrer Worte so viel Nachdruck wie nur möglich zu verleihen.

Noch um Einiges herausragender fällt seine Inszenierung des Orchesters aus. So wähnt man sich in "New Love Cassette" zunächst in vermeintlicher Sicherheit, wenn verspulte Elektronik, abgeklärte Drums und Olsens hauchende Stimme ertönen, aber sobald die Streicher immer wieder unruhig zu brodeln beginnen, nur um anschließend ins Elegante abzugleiten, kommt Gefahr ins Spiel. Das ist im Grunde genommen beste Jean-Claude Vannier-Schule. Der veredelte mit seinen Arrangements zu Beginn der 70er Serge Gainsbourgs abstoßendes und forderndes Meisterwerk "Histoire De Melody Nelson".

"Impasse" klingt dann wie eine finstere, apokalyptische Kreuzung aus Scott Walker und Chelsea Wolfe, wenn dissonante Orchester-Klänge auf doomiges Gitarren-Spiel treffen. Das Stück mündet schließlich in einer wütenden stimmlichen Entladung, unterlegt mit bedrohlichen Beckenschlägen, die das Blut in den Adern gefrieren lässt: "You know best, don't you now." Die Hoffnung auf ein Happy End mit ihrem Ex begräbt die Sängerin ein für alle Mal. Den lässt sie schließlich zu blumigen Folk-Akkorden und sphärischen Electro-Pop-Sounds in "Summer" ganz weit hinter sich, nachdem sie im jazzigen "Tonight" langsam Vertrauen zu sich selbst findet.

Wenn Olsen in "Endgame" zu kurz angeschlagenen, verträumten Saiten-Akkorden und Broadway-Streichern "I needed more (...) than love from you" in bester Lana Del Rey-Manier ins Mikro säuselt, hat das mehr mit der trügerischen Illusion in den Wäldern von Twin Peaks zu tun als mit heiler Musical-Welt. Und selbst dann, wenn sie ein wenig Licht am Ende des Tunnels sieht, schwingen immer noch quälende Selbstzweifel mit. "It's hard to say forever love, forever's just so far", lautet es in "Chance" zu kunstvoll barocken Arrangements.

Letzten Endes möchte man sich immer und immer wieder mit "All Mirrors" auf eine schwindelerregende emotionale Achterbahnfahrt begeben, wächst die Platte doch mit jedem weiteren Hördurchgang zu einem wahren musikalischen Schwergewicht heran, das locker zu den besten Veröffentlichungen in diesem Jahr zählt. Dabei sollte man stets Taschentücher griffbereit halten. Die ungeschminkte Wahrheit über die Liebe tut schließlich unendlich weh.

Trackliste

  1. 1. Lark
  2. 2. All Mirrors
  3. 3. Too Easy
  4. 4. New Love Cassette
  5. 5. Spring
  6. 6. What It Is
  7. 7. Impasse
  8. 8. Tonight
  9. 9. Summer
  10. 10. Endgame
  11. 11. Chance

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