laut.de-Kritik

Auf den Spuren der Scissor Sisters.

Review von

Keine Ahnung, wie sich Vince Clarke derzeit fühlt, in seiner Haut möchte ich jedenfalls nicht stecken. Denn wie der Mann mit dem nächsten Erasure-Album musikalisch zu übertreffen gedenkt, was sein erstmals auf Solopfaden wandelnder Oktavenpfau Andy Bell mit "Electric Blue" vorlegt, dürfte spannend werden. Zwar attestierte Kollege Straub auch dem letzten Erasure-Album "Nightbird" die richtige Mischung aus Pop, Eleganz und Opulenz, an die Frische und den Clubdrang des vorliegenden Bell-Outputs reicht es jedenfalls nicht heran.

"Electric Blue" ist ein maßgeschneidertes, tanzbares Popalbum, heißt es auf dem Plattenfirmen-Beipackzettel, den man eigentlich nie zitiert, weil oft nur Unfug darin steht. Doch fürwahr: Andy Bell macht ohne Vince einen auf dicke Four-to-the-floor-Hose und präsentiert ein Ergebnis, das außer fiebrigen Erasure-Fancommunities in dieser Form wohl niemand für möglich gehalten hätte. Der Frischzellenkur förderlich war dabei das Produzentenduo Manhattan Clique, bei denen sich schon Moby, Goldfrapp und die B-52s Soundtipps abholten.

Auf dreizehn Songs gelingt Bell relativ mühelos der Spagat zwischen schwülstigem Synthie-Pop und schwülstigem Dance-Pop. Allerdings mit der großen Überraschung, dass seine Sounds durchweg zeitgemäß klingen, zuweilen gar, ähem, rocken. Gut, auch bei kühl arrangierten Vocoder-Knallern wie "Electric Blue" oder "I'll Never Fall In Love Again" (Vorbild Op:l Bastards?) muss man immer noch die Bell'sche Vorliebe für stimmliche Extravaganza mögen, aber das scheint seit den Scissor Sisters ja auch nicht mehr total out zu sein.

Apropos, natürlich war sich Scherenbruder Jake Shears für eine lupenreine Gay House-Nummer ("I Thought It Was You") nicht zu schade und als Dankeschön sticht er Bell gleich mal in der Tonhöhe aus. Mit dabei ist auf zwei Songs auch Ex-Propaganda-Sängerin Claudia Brücken, über deren Kompositionskünste Martin Gore kürzlich eine nette Anekdote ablieferte. Angesprochen auf einen Song, den er in den 80ern einmal mit Brücken komponiert haben soll, erwiderte der Depeche Mode-Songwriter: "Sie hatte eine Grundidee und einige Worte. Ich eliminierte die Grundidee und ihre Worte und stellte den Song fertig."

So hart muss Bell sicher nicht mit Brücken ins Gericht gehen, beide Songs ("Love Oneself", "Delicious") sind schwer eingängige Popstücke, die gleichzeitig Bells (neue) Freude am luftigen Elektro-Arrangement aufzeigen. Freilich kommen einem auf Albumlänge auch mal Namen wie Cher, Gloria Gaynor, die Bee Gees oder Haddaway in den Sinn, aber so gehört es sich eben für eine gut geschmierte und violett schillernde Zitatmaschine des cheesy Disco Pop. Man mag Songs wie "See The Lights Go Out" oder die Abschlussballade "The Rest Of Our Lives" platt finden, im Ganzen gesehen liefert Primadonna Bell mit "Electric Blue" eine unerwartet ordentliche Vorstellung ab und macht nebenbei eine weit bessere Figur als kürzlich sein Altersgenosse Jimmy Somerville. Erasure kann gerne warten.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Caught In A Spin
  3. 3. Crazy
  4. 4. Love Oneself (feat. Claudia Brücken)
  5. 5. I Thought It Was You (feat. Jake Shears)
  6. 6. Electric Blue
  7. 7. Jealous
  8. 8. Shaking My Soul
  9. 9. Runaway
  10. 10. I'll Never Fall In Love Again
  11. 11. Delicious (Feat. Claudia Brücken)
  12. 12. Fantasy
  13. 13. See The Lights Go Out
  14. 14. The Rest Of Our Lives

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