22. Juli 2011

"Man muss mit Häme umgehen können"

Interview geführt von

Der Dieter ist nicht nur künstlerisch, sondern auch im Leben von Thomas schon seit längerem ein ganz alter Hut. Auch die neue Blondine an der Seite des ehemaligen MT-Sängers ist ein alter Bekannter aus den verblichenen 80ern: Nena-Composer Uwe Fahrenkrog.Neben gemeinsamen Vorlieben für 99 schnurrige 80er Synthiesounds oder Make Up haben beide eine ähnliche Ausgangsposition. Keyboard-Fetischist UFP und Bruder Louie waren bislang meilenweit davon entfernt, hierzulande als Ikone zu gelten. Das soll mit dem gemeinsamen Debüt "Two" nun anders werden.

Ich erreiche beide am Flughafen, beim Einchecken. Doch kein Problem für zwei echte Shwowbizhasen. Trotz Gewusel und Hintergrundgeräuschen stehen sie souverän Rede und Antwort. Nebenbei erzählt uns Fahrenkrog, wie er Ende der Seventies David Bowie in New York getroffen hat.

Moin Thomas, Gratulation zur ersten echten Bandpartnerschaft in gefühlten 100 Jahren. Was ist mit Uwe anders?

Ja, danke. Es ist so, dass sich Uwe sehr mit meiner Stimme beschäftigt hat. Es war eben nicht so, dass einfach Lieder geschrieben wurden nach dem Motto: Das soll der andere einfach singen. Man ist da schon analytischer heran gegangen. Hier wurden mir die Songs auf den Leib geschrieben. Das ist schon ein anderes Empfinden, als wenn man Songs einsingt, die allesamt schon aufgenommen sind.

Im Gegensatz zu Modern Talking klingt Anders-Fahrenkrog schon sehr seriös. Fast wie eine Bremer Anwaltskanzlei.

(Lacht) Aber nur wegen des 'Fahrenkrogs' oder wie? Wir hatten eine Liste mit unzähligen Fantasienamen. Dann haben wir uns vorgestellt, wie wir damit jeweils angekündigt werden. Stell dir vor, da würde ein Moderator sagen: 'Hier kommen Thomas Anders und Uwe Fahrenkrog. Und hier ist ihre neue Single "Gigolo" und ihr Album "Two".' Wir sind ja keine Nobodies oder Newcomer. Man würde unsere Namen also ohnehin ins Spiel bringen. Dann kann man es doch gleich als Anders - Fahrenkrog machen. Da weiß man, um was es geht. Und irgendwie sind wir auch zu alt, um uns hinter Fantasienamen zu verstecken.

Nun ist es ja kein Geheimnis, dass du eigentlich Bernd Weidung heißt.

Ja ...

Warum nimmt man als junger Mann - wenn es ein internationaler Künstlername sein soll - etwas, das genauso deutsch klingt?

Naja gut. Thomas Anders ist zwar deutsch. Man muss dazu aber sagen: Ich habe ja mit deutschsprachiger Musik angefangen. Deshalb ist das so, verstehst du? Das Glückliche ist natürlich, dass der Name 'Thomas Anders' auch wunderbar im Englischen funktioniert (spricht ihn breit britisch aus).

Ich will dir jetzt auch gar nicht mit altbekannten Dreckwäschefragen zu Dieter und co auf den Sack gehen. Mal was ganz anderes dazu: Jeder kennt den Zeichentrickfilm über euch. Abgesehen von den inhaltlichen Differenzen ist die Cartoonfigur deiner Person so 'Werner'-like knuffig geworden. So was kickt doch schon, oder?

Gut, ich meine, wer in der Öffentlichkeit steht und so erfolgreich war, wie ich, der muss eben auch mit einer gewissen Häme umgehen können. (Etwas aufgebrachter): Da braucht man einfach ein breites Kreuz. Am Ende weiß man doch immer bei den Darstellungen über mich, wie das funktioniert. Es werden immer dieselben Dinge herausgestellt und überzeichnet.

So lange man noch aufs Korn genommen wird, ist man nicht irrelevant?

Ja, natürlich. Jedes Mal, wenn ich von den Medien sabotiert werde und so was. Dann weiß ich: Aha, so läuft das Geschäft.

Wir wissen, du kannst singen. Rein stimmlich wurde deine Leistung in meinen Augen immer etwas unterbewertet. Liegt es daran, dass du zu wenig gezeigt hast? Andere machen Unplugged oder ein Jazzprojekt, um den Gesang ins Zentrum der Wahrmehmung zu rücken. Warum bist du immer beim Plastiksound geblieben?

Das ist wahrscheinlich an dir vorbei gegangen. Das war das Album 2006, "Songs Forever". Und das ist ein Orchester-Jazz-Album. Leider ziemlich untergegangen. Das ist wirklich auch so typisch deutsch. Man ist in seiner Schublade drin. Ich höre jahrelang: 'Mensch, mach doch mal ein ganz tolles musikalisches Album.' Dann macht man das. Und dann sagen die gleichen Leute: 'Ach nee, das ist ja nicht so, wie das, was er früher gemacht hat.' Man kann sich hier echt drehen und wenden wie man möchte. Das war damals in der deutschen Vorausscheidung zum ESC. Da ich nur den zweiten Platz belegte, ist das dann ziemlich untergegangen.

Das ist eigentlich wenig verwunderlich, wenn man ein musikalisch hochwertiges Album dem typischen ESC-Publikum präsentiert. Das richtet sich doch an ein anderes Publikum.

Genau.

Ich habe deine Stimme in der Review als gelungene Mischung aus Meat Loaf, Cher und einem altägyptischen Klageweib bezeichnet. Wie sehr kannst du dich damit identifizieren?

Mit dem altägypitschen kann ich mich nicht so gut identifizieren (lacht).

Aber mit "Stay". Warum der Shakespears Sister-Song als Cover?

Das war ein Experiment. Die Idee dazu hatte Uwe. Wir wollten ein Cover aufs Album machen. Da mussten wir natürlich erstmal schauen, wie das klingt, wenn ich den Marcella Detroit-Part singe. Und wenn es mit meiner Stimme nicht klingt, ist es hinfällig. Und dann habe ich den Track gesungen. Uwe war begeistert. Das ist wirklich auch ein ganz eigener Song geworden. Zwar ein Remake von Shakespears Sisters, aber es ist ein ganz eigener Song. Und das ist immer die Herausforderung für einen Sänger, für einen Künstler, aus jedem Song sein Eigenes zu machen.

Bist du eigentlich kompositorisch in irgendeiner Form in das Album eingebunden? Oder die komplette Trennung: Du singst; Uwe komponiert/produziert?

Bei dem Album war es komplett so. Vielleicht ergibt es sich irgendwann einmal. Uwe komponiert leidenschaftlich. Meine Leidenschaft ist ja das Singen. Das Umsetzen - dem Song ein Gesicht zu geben. Und komponieren? Wenn man es nicht permanent macht, kann man sich nicht einfach so hinsetzen und sagen: Jetzt schreibe ich einfach mal enen Titel. Ich bin da ehrlich gesagt eher jemand, der von der Muse geküsst werden muss. Nur: Man braucht auch die Zeit dazu. Du schickst einen 100-Meter-Läufer ja auch nicht fünf Minuten nach dem Aufstehen auf die Aschebahn. Mir fehlt da einfach die Zeit, weil ich auch so viel im Ausland mache. Wenn ich dann zwischen zwei Shows mal zwei, drei Tage zu Hause bin, dann interessiere ich mich für andere Sachen und fange nicht an, zu schreiben. Ich brauche dazu etwas mehr Anstand, um qualitativ was zu reißen.

Die größten Sänger sind doch ohnehin nicht in erster Linie die besten Komponisten. Sinatra oder Tina Turner haben ja auch nicht wirklich komponiert. Aber du bist dann doch - analog zum Schauspieler - immer darauf angwiesen, gute Angebote zu erhalten.

Deshalb bin ich jetzt auch so froh. Uwe hat sich da wirklich reingearbeitet in meine Stimme und die gesamte Umsetzung. Die Songs sind auf den Leib geschrieben. Das braucht man als Sänger. Ich glaube, man merkt das bei der Produktion.

Dann lass uns doch mal etwas detailierter auf die Scheibe eingehen. Das würde ich dann mit Uwe besprechen.

Ja, ich geb ihn dir mal.

Ich dank dir, Thomas. Machs gut.

Ciao.

"Wir haben es erfunden"


Moin Uwe, wie geht es dir?

Gut. Nein, sehr gut! Danke.

"Gigolo" - ganz abgezockte Nummer. Man hört deine Italodisco/Eurodisco-Vergangenheit. Warum 2011 zurück zu diesen Wurzeln?

Naja erstmal ... wart mal bitte ganz kurz. Ich muss meine Koffer hier ...

Ja ... Sag mal, Steht ihr da jetzt mit dem Telefon am Flughafen in der Schlange?

Sozusagen. Wir sitzen jetzt in einem Cafe hier. Aber ich muss gleich noch einchecken, weil ich meine Koffer vergessen habe (lacht). Also ich arbeite ja auch viel in Los Angeles. Da ist die große 80ies Liebe gerade wieder ausgebrochen. Ob es nun Chris Brown ist. Oder Rihanna oder Katy Perry. 80ies sind ein großer Einfluss. Und wir haben es ja erfunden. Deswegen passt unsere Musik auch so gut in die Zeit. Es ist zwar Roots und 80er, aber mit der Produktion eben so, wie man es heute macht.

Und warum hast du als Cover ausgerechnet "Stay" gewählt?

Wir machen solche Sachen eher nach Bauchgefühl und Spaß. Wir wollten gern ne Ballade machen. Da haben wir was gesucht, was ein toller Song ist, aber nicht deutsch. Und Thomas hat das auch sehr gut gesungen, diesen Part von der Marcella.

Thomas klingt wie Bambi, und dieser Rehaugenfaktor ist großartig.

(Stolz) Jaaa

Allerdings verstehe ich nicht, was du da gemacht hast. Die Siobhan Fahey hat ihren Part großartig hexenhaft gesungen. Aber du klingst wirklich schlimm. Wie ne alte Nebelkrähe im Vergleich. Das ist schade.

(Lacht) Das Problem ist folgendes (gespielt affektiert): 'Das ist zu hoch für mich!' Sie macht es so unglaublich tief. Ich hätte es auch gern tief gemacht. Weeßte so (intoniert Rammstein-artig): 'You better hope and pray!' Aber für mich liegt das genau in einer Mittellage. Das klingt einfach scheiße. Aber das liegt nur daran, dass wir Männer sind. Das hohe Singen ist wirklich eine blöde Lage für mich.

"Wicked Love" - täusche ich mich oder höre ich da Afrika-Einflüsse?

Also das hat bis jetzt noch keiner gesagt.

Im letzten Drittel. Irgendwas Black Music_mäßiges, wenn ich mich recht erinnere.

Ein bisschen Bob Marley ist darin versteckt. Das ist der Bob-Anteil.

"Mr Moon" ist auch unverkennbar dein Stil. Da wäre es auch egal, ob das Nena, Thomas oder wer auch immer sänge.

Das ist aber wirklich ein schönes Kompliment. Ich mag das Lied auch sehr gerne.

Dann "Nathalie" - ok, schön lecker am Anfang mit "Sunglasses At Night" Keyboards. Während man sich so richtig freut, kommt "Maria". Und das Lied ist wirklich schlimmer als alles, was David Hasselhoff uns jemals angetan hat. Sogar das schauderliche Mixed Emotions Lied habt ihr noch getoppt. Was soll die Schlagerkiste?

Schlager? Wir sind da eher so Discobeat mäßig unterwegs.

Ach komm.

Was sicherlich auf jeden Fall war: Das ist ein Song, den wir mit einem ganz großen Augenzwinkern gemacht haben. Auch vom Text. Ein Schenkelklopfer. Wir fanden es witzig, das zu machen. Aber das ist doch echt eher technomäßig. Vielleicht klingt Thomas ja etwas schlageresker, aber eigentlich ist es doch ein Dance-Techno-Sound.

Und die Schlussballade "I Miss You"? Ihr haut die schönen spanischen Elemente in den Hintergrund und überzuckert das wie einen amerikanischen Weihnachtsbaum in Las Vegas. Warum überhaupt die tollen spanischen Sachen, wenn du sie am Ende ohnehin in die Tonne kloppst?

Das war noch ein Titel von Thomas' russischem Album. Und der klang halt sehr, sehr retro in der Produktion. So 1984 oder so. Das haben wir eben doch ein kleines bisschen elektronischer gemacht. Eigentlich ist das Lied eine Hommage an die russischen Fans.

"David Bowie ist mein absolutes Vorbild"


Ich persönlich mag ja mehr den rockigen Uwe. Dein Hardrockalbum "The Awakening" mit Sean Beauvoir. Jetzt reitet ihr so auf Thomas als 'Gentleman of Music' herum. Hast du nie den diebischen Drang gehabt, ihn mal zum Singen eines Hardrockstückes zu zwingen?

Das machen wir vielleicht mal live. Ich mache ja so eine riesige Rockgeschichte in LA. Valhalla heißt es. So Richtung "Underworld" (der Film). Aber es kann wirklich gut sein, dass wir beide live mal ein richtiges Rockstück machen. Ich glaube sogar, das ist eine gute Idee. Es ist immer so: Wenn ich gerade Pop mache, zieht es mich zum Rock und umgekehrt. Ich hab ja schon immer alles gemacht. aber ich komme vom Rock.

Wer hat dich für das Cover-Make UP inspiriert? Bowie?

Wie wat? Huch, das fällt so auf? Das sollte eigentlich nicht so aussehen. Aber klar. Bowie ist mein absolutes Vorbild. Ich hab ihn auch kennengelernt. Das war Ende der 70er/Anfang der 80er in New York. Das war toll. Ich komm ja auch vom Glamrock, so die Ziggy Stardust und Marc Bolan-Sachen und so.

Viele - auch Deutsche - haben es in diesem Zusammenhang ja geschafft, als Ikonen zu gelten. Dein Keyboardkollege Michael Cretu hat sich aus der Öffentlichkeit verabschiedet und mit Enigma seine Meriten bekommen. Stört es euch nicht, dass andere wie Cohen oder Bowie zu Recht das Gentleman-Ding abräumen und ihr daneben für viele nur die Privatfernsehheinis und Popstarjuroren seid? Wie schade ist das?

Ach, das Spiel ist erst zu Ende, wenn es vorbei ist. Dann gucken wir mal. Ich fände es immer ein wenig zu langweilig, nur eine Sache zu machen. Deswegen machen wir auch viel. Muss man mal gucken, was davon letztendlich im Gedächtnis bleibt; was übrig bleibt. Dann wird man das vielleicht anders sehen.

Lieber Uwe, ich danke euch beiden für das Gespräch.

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