6. Juni 2017

"Getrieben von Geisteskrankheit"

Interview geführt von

Auf dem Cover des sechsten Anathema-Albums "A Fine Day To Exit" ist ein verlassenes Auto zu sehen – was mit dem Fahrer geschah, ist unklar. Für Platte Nummer elf nahmen sich die Gebrüder Cavanagh seiner Geschichte an. Sie kanalisieren eigene Erfahrungen und Ängste in den Protagonisten und nennen ihn "The Optimist" ...

Der Optimist in Vincent Cavanagh scheint in letzter Zeit auf harte Proben gestellt worden zu sein. Zwar spricht er im Interview nie konkrete Ereignisse an, doch wenn er trocken über Psychosen scherzt und die (innere) Reise des Album-Protagonisten erklärt, ist ihm anzusehen, wie viel Realität darin doch eigentlich steckt und er in Gedanken wohl bisweilen an ganz anderen Orten weilt als in einer Hotel-Lounge mit Flussblick. Seine Antworten wählt der Sänger, Gitarrist und Electronic-Beauftragte Anathemas mit Bedacht; mehr als einmal kommt es vor, dass er während des Gesprächs in längeres Schweigen verfällt und nachdenkt. In anderen Momenten wiederum wirkt er völlig gelöst, zeigt seine Handy-Playlist und plaudert über Fußball. Um es kurz zu machen: Vielschichtige Musik passt gut zu dem Liverpooler.

Das erste was mir in den Sinn kam, als ich euer neues Album gehört habe, war "Songs For The Deaf" von Queens Of The Stone Age. Es hat auch diesen Autofahrt-Rahmen...

Oh ja. Sie waren in der Wüste oder? Ich glaube, ihre Musik war angetrieben von "narcotics" (Narkotika), und unsere von ... "psychotics" (Psychosen), hahaha! Ihre ist angetrieben von Narkotika-beeinflusster Geisteskrankheit und unsere einfach so von Geisteskrankheit.

So kann man es auch formulieren ...

Schon oder? (lacht)

Wenn ich recht informiert bin, kam John [Douglas] mit der Grundidee an und Danny [Cavanagh] hat sie dann ausgearbeitet?

Ja, ich glaube. Wir spielten letztes Jahr ein Festival in Portugal und John meinte: "Wisst ihr, was cool wäre? Eine Story zu machen!" Ich war gar nicht dabei – Danny hat das im Hinterkopf behalten. Dann kam er eines Tages in unser Songwriting-Studio, als wir schon eine Weile an Liedern bastelten und sagte: "Wie wärs, wenn wir die Geschichte von 'A Fine Day To Exit' aufgreifen, wo dieser Typ die Szenerie verlässt?"

Das Cover-Artwork dieses Albums zeigt einen Strand in San Diego namens Silver Strand. Wenn du es dir genau anschaust, wird dir klar, dass der Kerl [dem das Auto gehört], durch irgendeine Psychose geht, durch irgendeine Art Nervenzusammenbruch. Schlussendlich hat er sich dazu entschieden, zu verschwinden, sein Leben zu ändern – ja, gewissermaßen seinen Tod vorzutäuschen und neu anzufangen. Deswegen siehst du das Auto am Strand, mit all den Klamotten und so. Es sieht aus wie Selbstmord, ist es aber nicht. Es blieb alles offen. Wir wussten nicht, was mit dem Kerl passiert ist. Also fragten wir uns: Wie können wir das wieder aufgreifen? Wie können wir die visuellen Hinweise dieser Reise nutzen, um neue Kompositionen und Songtitel zu inspirieren? So kam das zustande. Die Story ist erzählt über visuelle Metaphern – es ist eher eine visuelle Story als eine geschriebene. Es gibt kein geschriebenes Konzept. "The Optimist" ist kein Roman, keine Erzählung.

Verglichen mit anderen Konzeptalben ...

Es ist kein Konzeptalbum! Dafür ist alles viel zu lose.

Ich wollte eh in eine ähnliche Richtung: Ich finde, es funktioniert mehr über eine gewisse verbindende Motivik als über textliches Narrativ.

Mhm, es gibt quasi ein Set visueller Szenen. Es ähnelt einem Film-Soundtrack. So würde ich es bezeichnen.

Ich musste beim Hören tatsächlich an Filme wie "Drive" denken.

Ganz genau! Da gibt es ein paar. Die Szenen werden teilweise von den Songtiteln vorgegeben, teilweise auch von den Lyrics – die autobiographisch oder zumindest semi-autobiographisch ausfallen. Aber das Wesentliche passiert in den Bildern; den Bildern der Songtitel, den Bildern der Texte, den Bildern zwischen den Songs. Man hört Field Recordings von Orten, wo sich der Protagonist gerade aufhält. Es beginnt in San Diego, geht nach Norden, an L.A. vorbei, an San Francisco vorbei, immer weiter in den Norden – bis nach Oregon, nach Springfield, mitten ins Nirgendwo, in den pazifischen Nordwesten. Der ganze Roadtrip dauert ein paar Tage und es geht darum, was der Kerl währenddessen durchmacht. Das steckt in den Songs. Und gleichzeitig sind die Stücke eben in gewisser Weise autobiographisch. Wir haben uns selbst in diesen Charakter eingewebt und ihn "The Optimist" genannt.

Es kommt mir so vor, als würde der Protagonist zuerst mit der Hoffnung fahren, dass die Dinge besser werden. Doch als er schließlich in "Springfield" ankommt, stellt er fest: "Vielleicht ist es doch besser, wieder zurückzukehren..."

In gewisser Hinsicht vielleicht, ja. Der Fall ist eher, dass er versucht, seiner Vergangenheit davonzulaufen. Er versucht, sich damit auseinanderzusetzen, was ihm widerfahren ist. Er versucht, damit klar zu kommen. Und er dachte, um das zu erreichen, müsste er komplett von der Bildfläche verschwinden. Er dachte, er wäre ein Nichtsnutz für jedermann und dass er sein eigenes Familienleben zum Elend machen würde. Warum sollte er da sein, wenn er ihnen doch nichts bringt? Er sollte neu anfangen...

Schlussendlich macht er eine Erfahrung. Er checkt in diesem Motel ein und träumt, alles stünde in Flammen. Es ist ein ziemlich intensives psychologisches Erlebnis, das er durchläuft. Er muss eine Entscheidung über sein Schicksal treffen. Dabei gelangt er zu einem Schluss, den er nicht im Sinn hatte, als er losgefahren ist. Es endet nicht, wie er dachte, dass es enden würde – doch es war die richtige Entscheidung.

Es wirkt, finde ich, als würde Lee [Douglas] mit ihren Vocals und Lyrics dabei eine Art "Beobachter von außen" verkörpern, während du eher den inneren Dialog des Charakters darstellst.

Oh, das ist interessant.

Also war das nicht beabsichtigt?

(Antwortet nicht auf die Frage, sondern denkt noch) Sie quasi als Stimme in seinem Kopf? Stimmt...

"Ey, ich weiß jetzt, wofür ich bestimmt bin!"

Du sagtest, es steckt viel Autobiographisches in der Figur. Meinst du damit nur dich oder bezieht sich das auf die Band als Kollektiv?

Mich, Danny und John, glaube ich. Vor allem Danny – er hatte großen Einfluss auf diese Platte. Aber John schon auch ... Ich, Danny und John haben es so zusammengesetzt ... (hadert)

Also stellt der Protagonist sozusagen die Summe eurer Erfahrungen dar?

Hm ja, das kann man wohl so sagen ... Weißt du, jetzt da wir es gemacht haben, fühlt es sich fast so an, als hätte es schon immer existiert – schon auf den anderen Alben. Es fühlt sich vertraut an. So, als wäre Er schon immer da gewesen.

Auf "A Fine Day To Exit" ja ohnehin ...

Ja, aber das meinte ich gar nicht. Ich spreche von gewissen Fäden, die ich nun sehe und verknüpfen kann. Du kannst Motive finden, die sich über die Jahre hinweg wiederholen. Es gibt eine Textstelle auf dem neuen Album, die auf den Song "(Breaking Over The) Barriers" von 2001 zurückgeht. Wir mögen diese unsichtbaren Verbindungen innerhalb der Arbeit einer Band. Auch wenn vieles total anders ist, hängt es immer noch irgendwie zusammen. Die Beatles waren so.

Auch beim Vorgängeralbum war es ja schon so, dass einige Kompositionselemente schon Jahre auf dem Buckel hatten und damit vielleicht unter ganz anderen Umständen entstanden sind als das neu geschriebene Material. Der Titeltrack "Distant Satellites" zum Beispiel oder?

Die Idee dazu entstand tatsächlich 17 Jahre früher, stimmt.

War es diesmal ähnlich?

Ganz so alte Sachen gab es nicht mehr, nein. Ein paar von Johns Ideen waren glaube ich die ältesten ...

Denn das würde ja auch eine gewisse Verbindung zu früheren Alben bedingen ...

... weil die ursprüngliche Idee zu diesem Zeitpunkt aufkam, klar. Tatsächlich stammt Johns Riff für "Can't Let Go" von 2005, wenn ich mich recht entsinne. Ein bisschen von "Back To The Start" ebenfalls. Jeder von uns hat hunderte Aufnahmen rumliegen – zu viele, um drüber nachzudenken. Aber ein paar ergeben eines Tages vielleicht plötzlich Sinn. Es mag zehn Jahre dauern, aber plötzlich macht sich dieser Tune bemerkbar: "Ey, ich weiß jetzt, wofür ich bestimmt bin!" Dann folgt man eben. Es befriedigt schon sehr, wenn so was passiert. Genauso gehts natürlich andersrum: Du denkst, in dieser bestimmten Idee steckt was ganz besonderes – du probierst und probierst, aber es will einfach nicht klappen und du resignierst: "Fuck, funktioniert nicht." Die Sachen, die wirklich, wirklich gut sind, sagen es dir, nicht du ihnen.

Werft ihr euch auch gegenseitig Ideen zu? Wenn Danny etwa nicht weiterkommt, guckst du es dir dann mal an?

Klar. Bei diesem Album gab es ein paar solcher Momente, in denen Danny einfach mit irgendwas rumgedudelt hat – einmal auf Gitarre, einmal am Klavier. Ich war dabei und habs einfach mal mitgeschnitten. Dann ist er abgehauen, aber ich dachte mir: "Hm, da steckt was drin. Das Gitarrenriff ist nutzlos, aber dieses eine Ding ist gut." Also hab ich es aufs Klavier übertragen, Beats dazu, Bass, Vocals – alles zusammengebastelt. Später hab ich es ihm dann mit den Worten vorgelegt: "Erinnerst du dich daran noch?" – "Nee, was ist das?" – "Das ist dieses Riff, das du vorhin gespielt hast." – "Du verarscht mich." – "Nein, gar nicht! Klingt jetzt anders, aber es ist immer noch das Riff." – "Ah, okay." Daraus wurde "Ghosts".

Bei "San Francisco" lief das so ähnlich. Er spielte mit ein paar Klavierfragmenten rum, an denen ich dann später ein bisschen rumgebastelt und im Grunde daraus den Song gebaut habe. Und als wir dann im Studio waren, hat er angefangen, dazu eine Art Graph zu zeichnen: (gestikuliert) "Es startet hier – geht dort nach oben – und zwar so – kriegst du das hin?" Es entsprach mehr oder weniger dem, was ich gemacht hatte – bei mir waren es allerdings eher Berge, während er Hügel wollte. Ich mag Berge, aber musste zugeben, dass er recht hat. Du musst schließlich sicher gehen, dass dein Zug auf den Schienen bleibt und nicht entgleist. So entstand "San Francisco". Gute Kollaboration würde ich sagen.

Die Credits fallen variabler aus als auf den letzten Alben, wo wesentlich mehr Danny zugeordnet wurde oder?

Ja, Danny hat sich ein bisschen geöffnet. Es ging ein wenig einfacher von der Hand, zusammenzuarbeiten. Ich habe jahrelang in Paris gelebt, er in London; die Distanz zwischen uns war sicherlich nicht förderlich. Jetzt bin ich nach London gezogen. In Paris hatte ich mir ein Studio aufgebaut – das habe ich nach London transferiert, hab' Danny eingeladen, rüberzukommen und so nahm es dann seinen Lauf. Vielleicht liegt es daran, dass wir jetzt derselben Stadt wohnen, vielleicht daran, dass der gegenseitige Respekt gewachsen ist. Wir stehen uns viel näher, weißt du? Vielleicht hat das auch geholfen...

John lebte immer noch oben in Liverpool, kam also weniger oft. Aber wenn er mal kam, lief es ähnlich. John brachte ein paar rudimentäre Demos mit ins Studio. Sie klangen, als hätte er sie mit dem Handy aufgenommen – er mit seiner Akustikgitarre. Wir haben uns dann daran gemacht, aus dieser Rohidee einen ordentlichen Song zu zimmern.

Du meintest, ihr steht euch jetzt viel näher. Die Band gibts ja nun schon eine ganze Weile und war stets dieses Brüder-Ding. Ich nehme an, zwischendurch gab es ab und an mal Schwierigkeiten?

Klar gab es die. Es ist immer noch schwierig von Zeit zu Zeit, aber wesentlich einfacher als es mal war. So ist es doch mit allem im Leben. Wenn du mit jemandem für so eine lange Zeitspanne zusammen bist, kommt früher oder später der Moment, in dem man sich gegenseitig aufreibt. Das hier ist intensiver als eine Ehe – wir sind Familie und im wahrsten Sinne des Wortes unser gesamtes Leben zusammen. Und jetzt arbeiten wir auch noch zusammen, teilen dieselben Träume und dieselbe Karriere, denselben Lebensweg – im Grunde einfach verdammt nochmal alles! Verstehst du? Wir teilen alles! Das ist schon krass. Bestimmt nicht jeder ist auf sowas vorbereitet – muss man in dem Fall aber sein. Das ist hart. Inzwischen sind wir etwas besser dafür gerüstet, würde ich sagen.

"Der wilde Jürgen Klopp schafft das"

Der Titel "The Optimist" ist ja ziemlich stark. Eure Alben entwickelten sich klanglich auch immer mehr in eine optimistische Richtung, finde ich – "Weather Systems" im Besonderen. Ausgerechnet auf "The Optimist" klingt ihr jetzt wieder düsterer.

Das stimmt.

Hängt das mit dem Titel zusammen?

Nein, der Titel kam nach der Musik. Die Musik ist düsterer wegen all den Dingen, die wir durchmachten. Es ist ... der ehrliche Ausdruck dessen. Das klingt natürlich jetzt super nice, ich weiß schon, haha. Es hat uns geholfen, alles in der dritten Person zu kanalisieren – dieser Person, die wir "The Optimist" genannt haben. Möglicherweise hat uns genau das geholfen, uns mit ein paar sehr dunklen Kapiteln auseinanderzusetzen, die auf dem Album zu hören sind. Zumindest spielt es mit rein. Wobei es auch sicher nicht bewusst deshalb konstruiert wurde. Wie das mit solchen Dingen immer ist: Plötzlich ergibt alles Sinn und endet am richtigen Ort. Jeden Tag arbeitest du daran, schiebst umher und auf einmal ist es da: "Das ist es – genau so muss es sein! Hände weg, niemand fasst was an, raus hier!" Sowas ermutigt ungemein. Aber um nochmal auf "The Optimist" zu kommen: Eine gewisse Ironie schwingt dabei wohl schon mit. Aber wie schon gesagt, die ursprüngliche Prämisse und die Conclusio ...

Die Conclusio wirkt optimistisch.

Ja. Sie ist zwar nicht, wofür er ursprünglich losgezogen ist, aber am Ende hat er die richtige Entscheidung getroffen. Es ergibt Sinn. Abgesehen davon könnte man "The Optimist" wohl auch als Symbol für innere Stärke sehen. Dafür, zu überleben und in der Lage zu sein, Dinge durchzustehen – auf "die andere Seite" zu gelangen.

Mal angenommen ihr würdet ein Folgealbum namens "The Pessimist" schreiben ...

Nee, das wird nicht passieren.

... wie meinst du, würde das klingen?

Naja, euphorisch, haha. Krankhaft euphorisch. Aber wie gesagt: Wir würden das nicht schreiben.

Vielleicht hättet ihr es in eurer Death Metal-Phase schreiben sollen.

Ja, vielleicht, haha. Obwohl ... Nee, das wäre nicht gegangen. Das wäre viel zu offensichtlich gewesen. Wir tun nichts Offensichtliches.

Dann wäre ja vielleicht doch jetzt der richtige Zeitpunkt – jetzt wäre es ja gerade nicht offensichtlich.

Das hängt ganz davon ab, ob wir euphorische Musik zustande bringen. Es kommt einfach gerade nicht viel Euphorie aus uns raus. Momentan ist alles ziemlich finster. Schon seit 'ner ganzen Weile. Aber in der Dunkelheit steckt auch eine gewisse Energie – in dunkler Musik steckt eine Energie, die uns alle anzieht und aus der wir etwas ziehen können. Etwas, das sich ganz bestimmt nicht pessimistisch anfühlt! Und auch nicht optimistisch. Das wäre die falsche Perspektive. Diese Energie ist einfach da und sie ist etwas Positives. "Fröhlich" ist auch nicht das richtige Wort ... Sagen wir: auf einem emotionalen Level fühlt es sich "befriedigend" an.

Sorry, dass das jetzt kommt, aber da ich es eben schon angerissen habe, möchte ich noch mal auf die Death Metal-Wurzeln zu sprechen kommen. Andere Bands wie Opeth ...

Wir haben nie Death Metal gespielt. Vielleicht ein bisschen.

Naja, ihr hattet definitiv Elemente davon.

Ja, okay...

Worauf ich eigentlich hinaus wollte, ist die Fanbase: Während bei Opeth zum Beispiel viele nach dem alten (Death Metal-)Zeug schreien, ist es bei euch eher umgekehrt.

Da hast du recht. Wir haben nie den Fehler gemacht, mehr als ein Album zu machen, das gleich klingt. Unser Erfolg basiert nicht darauf, einen bestimmten Sound beizubehalten. Jede Platte war anders. Ich glaube, die Leute haben schnell gerafft, dass diese Band nicht zweimal das gleiche machen wird und sie nichts dagegen tun können. Aber genau weiß ich das auch nicht. Es gibt eine Menge aufgeschlossener Metalfans da draußen, die entweder schon seit den Anfangstagen dabei sind oder uns jetzt erst entdecken. So nach dem Motto: "Oh, was ist das? Eigentlich höre ich Metal, aber mir gefällt, was ihr macht. Ich wühl auch mal in eurer Vergangenheit – oh, das gefällt mir auch!" Als ich Metal gehört habe – in meinen Teenagerjahren – habe ich auch gleichzeitig noch Beatles gehört, Pink Floyd ... und elektronische Musik! Aphex Twin habe ich mit 17 entdeckt. Und das war mindestens so intensiv wie jede Heavy Metal-Platte, die ich kannte. Aphex Twin und Hardfloor haben mich weggeblasen! Ich muss mich korrigieren: Die waren mit Sicherheit intensiver als die Meterbands damals. Absolut! Klar, ist auch eine andere Art von Intensität. Sie packt dich, diese grimmige Energie. Und ich glaube, so ticken viele Metalfans.

Ich hab' dich sagen hören, dass du heutzutage quasi gar keine Rockmusik mehr hörst.

Nicht wirklich, nein. Ich höre keine Bands. Guck mal, ich zeig dir meine Playlist. (Scrollt durch sein Smartphone) Mark Pritchard, Worriedaboutsatan, Clark, Deru, Anna Meredith, A Winged Victory For The Sullen, Jon Hopkins, Bonobo, hier haben wir Anathema-Zeugs, mehr Worriedaboutsatan ... Jup, das ist meine Musik.

Moment, ich klick mal weiter. A.M. Architect, Aphex Twin, oh: At The Drive-In! Habe ich kürzlich live gesehen, die waren cool. Natürlich The Beatles. Okay, da kommen ein paar Bands: The Coral aus Liverpool, Crippled Black Phoenix ... Hier ist Manu Chao – den höre ich viel, haha.

Also ein paar Bands sind schon dabei, aber meistens höre ich eher die Musik von Einzelpersonen. Ob das nun elektronische Musik ist oder ein klassischer Komponist oder jemand, der durch verschiedene Bereiche wandert, variiert. Viel davon ist Instrumentalmusik, es gibt nicht so viele Sänger, die ich wirklich mag. Ich bin ziemlich picky, was Vocals angeht. Wenn ich die Musik mag, aber mir die Vocals nicht passen, ist es sofort vorbei. Du musst gar nicht der beste Sänger sein – du musst nur etwas haben. Eine meiner liebsten Rockbands ist ...And You Will Know Us By The Trail Of Dead ...

Haha, bei denen kann ich die Vocals zum Beispiel überhaupt nicht ab!

Siehst du? Das meine ich. Ich liebe seine Vocals, in meinen Ohren sind sie absolut perfekt.

Sie sind definitiv besonders, haben was eigenes.

Ja. Viele Leute können auch Dylan nicht zuhören. Ich liebe seine Stimme!

Wenn du viel elektronische Musik hörst, aber in einer Band wie Anathema spielst, hilft das auch, Dinge unverbraucht zu halten oder?

Auf jeden Fall. Genrekollegen höre ich zum Beispiel gar nicht. Es war noch nie die Musik, die ich höre. Ich mache sie einfach. Wir spielen Alternative Rock, wenn du so willst. Das was uns am nächsten kommt und was ich höre, ist wohl Radiohead.

Ihr tourt ja demnächst mit Alcest, die solltest du dir mal anhören.

Ja, dafür wird ja viel Zeit sein auf Tour, haha. Bei Porcupine Tree war das so ähnlich. Ich hab sie mir live angehört, würde aber wohl nie ein Album auflegen. Das habe ich vielleicht ein einziges Mal gemacht, wenn überhaupt. Wir waren schon mit einer Menge toller Bands unterwegs, aber ich hör mir nicht wirklich was davon zuhause an. Persönliche Vorlieben, weißt du?

Hast du schon mal über ein elektronisches Nebenprojekt nachgedacht?

Nachgedacht natürlich, ja. Aber ich glaube, ich könnte nicht ausschließlich elektronisches Zeug machen. Ich bräuchte wahrscheinlich noch irgendwas anderes. Wie gesagt: Ich mag Sachen, die über verschiedene Bereiche hinwegreichen, statt sich exklusiv auf ein Feld zu konzentrieren. Was ich interessant fände, wäre beispielsweise eine EP – vier oder fünf Songs nur Electronics. Das wär' cool. Aber ein ganzes Projekt oder Album? Ich glaube eher nicht. Wahrscheinlich wäre ich davon schnell gelangweilt und würde Gitarren dazubasteln oder Live-Drums. Ja: Live-Drums! Die brauche ich einfach. Versteh mich nicht falsch: Ich liebe Drum-Machines. Echt! Aber ein Kit ist einfach unschlagbar. Der richtige Drummer am richtigen Kit – da geht nichts drüber.

Zum Abschluss: Was macht dich im Moment optimistisch? Und gegenüber was sollte die Welt optimistisch sein?

Puh, ich glaube die Welt braucht insgesamt mehr Optimismus. Pessimismus wird uns eingetrichtert – in den Nachrichten, online ... Es ist eine Realität, der du entweder folgst oder du versucht, dir selbst etwas besseres zu erschaffen. Global gesehen gibt es nicht viel, was du tun kannst; gegen Dinge wie den Klimawandel oder Kriege zum Beispiel. Aber es gibt Dinge, die du in deinem eigenen Leben und in deiner Gemeinschaft tun kannst, die dein Leben und das der Leute um dich herum zum Besseren verändern werden. In diesem Sinne ist es heutzutage glaube ich absolut unerlässlich, sich eine positive Einstellung zu bewahren. Und man sollte begreifen, dass wir eine Spezies sind, statt in Nationalitäten und Rassen zu denken. Wir sind eine Spezies mit einer Heimat. That's it.

Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen.

Oh warte mal noch: Aus persönlicher Perspektive bin ich optimistisch, dass der FC Liverpool nächstes Jahr irgendwas gewinnt. Nicht dieses Jahr, aber nächstes Jahr vielleicht. Ich bin optimistisch, dass der wilde Jürgen Klopp das schafft – nicht sicher, aber optimistisch. (lacht)

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3 Kommentare mit 6 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    Dieser Kommentar wurde vor 3 Jahren durch den Autor entfernt.

  • Vor 3 Jahren

    "Ich glaube, die Leute haben schnell gerafft, dass diese Band nicht zweimal das gleiche machen wird und sie nichts dagegen tun können" - nen scheiß!!! ihr habt auf den letzten 3 alben immer den gleichen pathetischen scheiß fabriziert, der in seiner künstlichkeit und übersteigerung einfach keine identifikationsgrundlage mehr bietet!!! ("we're here because we're here" funktioniert dabei teilweise zumindest noch als gegenentwurf zu "a natural disaster"... - vorab: ich liebe "alternative 4", "judgement" "a fine day to exit", "a natural disaster").
    den letzten 3 alben lagen sicherlich persönliche krisen und deren aufarbeitung zugrunde, und die cavanaghs müssten sich wohl auch auch hinsicht musikalischer ideen weiterentwickelt haben, aber: von all dem war nichts zu spüren.. die letzten 3 alben waren ultra langweilig, weil der bombast einfach irgendwann immer zu viel des guten war, der zugleich das vorhersehbare songwriting (erfolglos) zu kaschieren versucht hat, bei texten wie ausm poesie-album, dabei immer das prinzip: vergebliches aufbäumen trotz versuchens vs. gar nicht erst versuchen aus prinzip vs. aufbäumen und die sonne strahlt.. überdeutlich dabei die mutlosigkeit hinsichtlich stillistischer ausbrüche.
    vielleicht ist das problem ja wirklich, dass die cavanaghs extrem musische menschen sind, sich allerdings in ihrem narzissmus zu fein (angst?) dafür sind, sich mal alternativer (hinsichtlich ihres mitteilungsbedarfs: besserer?) musikalischer mittel zu bedienen, siehe interview: sie waren unterwegs mit porcupine tree oder sind es mit alcest, hören sich die musik aber zuhause nicht an.....
    ich bin immer noch fan - blicke allerdings "the optimist" mit gebotener skepsis entgegen. mut macht mir immerhin die reminiszenz an "a fine day to exit" und die spannende frage nach dem: warum und wohin?

    • Vor 3 Jahren

      Ich leibe vor allem 'Judgement', 'A Fine Day to Exit' und 'Weather Systems', 'Distant Satellites' war mit etwas glatt aber nicht schlcht. Bin gespannt was bei 'The Optimist' rauskommt.
      Hast du eins der Special-Konzerte besucht (letztes oder vorletztes Jahr) auf denen sie sich durch ihre Diskografie performt haben?

    • Vor 3 Jahren

      was meinst du genau? war auf zwei konzerten vor 3 und vor 2 jahren ca., auf denen sie einigermaßen klar gemacht haben, dass ihr live-fokus offensichtlich auf der post "a natural disaster"-ära liegt. erinnere mich aber, dass es wohl iwi konzerte in kirchengebäuden gab, meinst das?

    • Vor 3 Jahren

      ne, ich meine die 'Resonance Tour', 2015 war das anscheinend schon.

      Set 1: 1999-2014; w/ Current Line-up
      Anathema
      Distant Satellites
      Untouchable, Part 1
      Untouchable, Part 2
      A Simple Mistake
      A Natural Disaster
      Closer
      Pressure
      One Last Goodbye

      Set 2: 1995-1998; w/ Duncan Patterson
      Bad Speech
      (Roy Harper song) (intro)
      Shroud of False
      Fragile Dreams
      Empty
      Lost Control
      Eternity Part I
      Eternity Part II
      Eternity Part III
      Sunset of Age
      A Dying Wish

      Set 3: 1993-1995; w/ Darren White and Duncan Patterson
      Crestfallen
      (Falling Deeper version)
      Sleep in Sanity
      (Falling Deeper version)
      Kingdom
      Mine Is Yours to Drown In (Ours Is the New Tribe)
      Under a Veil (of Black Lace)
      Lovelorn Rhapsody
      They (Will Always) Die
      (Falling Deeper version)

      Encore:
      Sleepless
      666

    • Vor 3 Jahren

      Ich war da, und das war sehr cool! Selbst die Konzert-Reihe in der Kirche habe ich mir gegeben (trotz anti-religiöser Einstellung) und auch das war sehr atmosphärisch. Ich bin auch nicht so sehr gegen den neuen Anathema-"Stil", ich finde der hat durchaus großartige Momente. Aber Distant Satellites hatte schon seine absolut kitschigen Spitzen (komplett "Ariel" zum Beispiel...). Beim neuen Album befürchte ich nach den ersten Höreindrücken, dass alles viel zu uninspiriert vor sich hin plätschert - Post-Rock-Gedudel eben.

    • Vor 3 Jahren

      wenn du post-rock als uninspiriertes gedudel bezeichnest, hast du ihn nicht verstanden. mich stimmt hoffnungsvoll, dass "the otimist" offensichtlich ne dezidiert persönliche note haben wird, bezogen auf den dude des covers von ""AfDtE", der ne art alter ego der band (vincent cavanagh?) ist - und der vorab veröffentlichte post-rockige song stimmt hervorragend auf diese gedankenreise ein. bin von neuer hoffnung erfüllt.

    • Vor 3 Jahren

      Hab mich da etwas missverständlich ausgedrückt: Ich meinte sicher nicht Post-Rock grundsätzlich (den ich durchaus gerne höre), sondern schlechte Platten aus dem Bereich. Springfield fand ich cool, die zweite Single Can't let go plätscherte ein wenig vor sich hin.
      Auf das uninspiriert komme ich durch ne Review, die Anathema selbst auf fb gepostet haben. Die war ziemlich vernichtend.
      Insgesamt hoff ich aber natürlich auch, dass sie sich nicht in was verrannt haben und ein starkes Ding raus bringen ;)

  • Vor 3 Jahren

    Dieser Kommentar wurde vor 3 Jahren durch den Autor entfernt.