22. November 2006

"Zu unserer Pressekonferenz kam niemand"

Interview geführt von

Anajo, falls das noch niemand wusste, ist die Mitte der Wortkombination Banana Joe, was seinerseits ein Bud Spencer-Film ist. Viel mehr dürften euch Auskünfte um Anajos neues, zweites Studioalbum interessieren, um das es im Folgenden gehen soll.Im Juni war die Welt für Anajo-Fans noch in Ordnung. Das zweite Album des Augsburger Indiepop-Trios stand kurz bevor, eine Tour war bereits gebucht. Kurz darauf überraschte die Meldung, die Band fühle sich ausgelaugt von den Studioarbeiten, ständigen Konzert-Unterbrechungen und der Tournee durch Russland, so dass "Hallo, wer kennt hier eigentlich wen?" erst im neuen Jahr, genauer am 9. Februar 2007, erscheinen könne.

Nach einer kleinen Atempause begab sich der Dreier schließlich im September mit der neuen EP "Spätsommersonne" im Gepäck auf Clubtour, allerdings zunächst ohne Drummer Ingolf, der einen Hörsturz erlitt. Man darf daher annehmen, dass die Band das Jahr 2006 so schnell wie möglich abhaken will. Unser Gespräch mit Sänger Oliver Gottwald fand zu einem Zeitpunkt statt, als von all diesen dramatischen Änderungen im Fahrplan noch keine Rede war. Die Band kommt gerade aus München, wo die Coverfotos für die neue Platte geschossen wurden und dementsprechend gut aufgelegt ist auch der Frontmann.

Olli, wie lange seid ihr denn jetzt an der neuen Scheibe gesessen?

Olli: Ziemlich lange. Wir haben im Oktober angefangen und wollten eigentlich bis Ende letzten Jahres damit durch sein. Das hat aber leider aus mehreren Gründen nicht geklappt, zum Beispiel waren einige Texte noch nicht in der Form, in der wir sie uns gewünscht hatten. Hinzu kam ein Gefühl des Überarbeitetseins, da wir einfach zu viel zusammen gemacht haben, was uns veranlasste, den ursprünglichen Zeitplan auszudehnen.

Ihr hattet also einen Bandkoller.

Ja, schon. Wir haben von September 2004 bis September 2005 ungefähr 110 Konzerte gespielt, sind gleich anschließend ins Studio, haben auch mal zwischen den Konzerten neue Lieder gemacht und da braucht man dann eben auch mal zwei, drei Monate, um einfach mal abzuschalten. So kann man die Songs mit etwas Abstand auch ganz neu betrachten. Das war wichtig.

Hat sich an eurer gewohnten Arbeitsweise im Studio diesmal etwas geändert?

Eigentlich nicht. Allerdings mussten wir diesmal viel kompakter arbeiten. Bei unserem letzten Album hatten wir ja wie wahrscheinlich jede Band mit ihrem Debüt mehrere Jahre Zeit, um die Songs zu sammeln und so. Da hatten wir diesmal schon viel mehr Arbeit, was natürlich auch zeitaufwändiger war.

Vor mir liegt jetzt eine 6-Track-Promo, die schonmal verdammt Appetit auf mehr macht. Eure musikalische Ausrichtung habt ihr weitgehend beibehalten, ich hätte mir zum Beispiel auch vorstellen können, dass ihr mehr Gitarren einspielt und vielleicht etwas härter werdet.

Okay. Ich habe halt gerade nicht den nötigen Abstand, um hier Vergleiche zu ziehen, aber ich denke schon, dass man die neuen Songs ganz klar als Anajo-Songs erkennt. Tendenziell sind sie etwas schneller als die alten Sachen und weisen vielleicht nicht ganz so viele Keyboardsounds auf.

So oder so: Ihr habt auf alle Fälle einen Trademark-Sound.

Wenn das so ist, dann ist es cool.

Ihr habt nach eurem tollen Debüt doch sicher einige interessierte Labels auf euch aufmerksam gemacht. Erzähl doch mal ...

Ja, es gab schon ein paar Anrufe. Wir haben da aber gar nicht groß drüber nachgedacht, da eh klar war, dass wir das Album wieder bei Tapete bringen werden. Erstens stand das schon vertraglich fest und zweitens sind wir gern bei Tapete, sind mit ihrer Arbeit sehr zufrieden und sehen im Moment keinen Grund, uns dahingehend Gedanken zu machen.

Schöne Männer in Amsterdam


Kam das Label trotzdem an und erbat höflich einen ähnlichen Sound wie auf eurem Vorgänger?

Nee, die haben sich überhaupt nicht eingemischt. Ich meine, natürlich schickt man den Tapete-Leuten immer mal wieder Sachen, Rough Mixes und sowas, und dann kommen natürlich auch Meinungen bei rum. Wenn wir dann was genauso gesehen haben, dann hat man schon mal was geändert und wenn nicht, dann eben nicht. Da hatten wir schon alle künstlerischen Freiheiten.

Klar, Tapete hat ja auch einen sehr sympathischen Ruf. Ich stelle mir nur manchmal vor, was ich wohl sagen würde, wenn ich meine neuen Songs dem Label vorspiele und dann kommt so ein A+R-Mann, der natürlich genau dafür bezahlt wird, und kritisiert die Gitarrenlinie, die ich eingespielt habe.

Das läuft bei Tapete ein bisschen anders, da dort ein sehr persönlicher Umgang gepflegt wird. Also man redet natürlich über die Songs und diskutiert über die ein oder andere Zeile, aber am Ende haben wir eben das Sagen und niemand kann uns was aufzwingen.

Im Text zu "Mein lieber Herr Gesangsverein" verarbeitest du aber schon eigene Erfahrungen mit Labels und A+R-Scouts?

Ja. (lacht) Ich lasse in die Texte immer eigene Erlebnisse mit einfließen und das gilt dann auch bei diesem Beispiel.

Das Thema scheint dich aber schon etwas beschäftigt zu haben. Im Titeltrack etwa singst du, unterschiedliche Sichtweisen verarbeitend: "Ich bin die Plage und du bist der Geist" bzw. "Du hast das Geld und wir die Ideen".

Naja, bei "Mein lieber Herr Gesangsverein" ist das Thema schon ganz klar thematisiert, also ganz bewusst so geschrieben worden. "Hallo, wer kennt hier eigentlich wen?" ist da ein bisschen allgemeiner gehalten und da fließt das zwar auch ein, geschah aber eher unbewusst. Das war sowieso so ein Text, den ich innerhalb von drei, vier Minuten runtergeschrieben habe, ohne groß drüber nachzudenken. Sowas passiert ganz selten. Es hat mir dann total gut gefallen und so haben wir es genommen. Bei "Mein lieber Herr Gesangsverein" stand das Thema dagegen von vornerein fest.

Ich will dir ja keinen Honig um den Bart schmieren, aber bei den sechs neuen Songs reiht sich wieder Hit an Hit. "Hotelboy" und "Franzi+2" sind meine Favoriten.

Oh, vielen Dank. Wobei die Songs noch gar nicht ganz fertig sind. Bei "Franzi+2" müssen wir noch was am Refrain drehen und bei "Hallo, wer kennt hier eigentlich wen?" wird dieser lange Zwischenteil, der den Song in zwei Teile bricht, noch ein wenig gekürzt. Auch bei ein paar anderen sind noch Kleinigkeiten zu bereinigen.

Erhoffst du dir denn noch mehr positives Feedback als damals beim Debüt? Ich habe ja nirgends irgendwas Negatives über euch gelesen.

Stimmt, da können wir echt sehr zufrieden sein. Natürlich erhoffe ich mir noch mehr positives Feedback, aber wenn dann mal eine schlechte Kritik dabei ist, kann ich halt auch nix machen. Das muss man akzeptieren. Am wichtigsten ist mir aber, dass unsere Fans das cool finden.

Sehr lobenswert finde ich auch, dass ihr dem schönen Wort Discoschorle ein Andenken gesetzt habt.

Ja, ein tolles Wort, oder? Ich weiß gar nicht wer das erfunden hat. Ich habs zum ersten Mal hier im Lamm in Augsburg auf der Karte entdeckt.

Ein Kollege von mir hat es mal in einer Elektro-Rezension verbraten.

Okay. Nachdem wir fleißige Discoschorlen-Trinker sind, mussten wir das eh mal einfließen lassen.

Stichwort "Schöne Männer in Amsterdam", wodurch hast du dich da inspirieren lassen?

Das ist ein sehr altes Lied, das wir allerdings nie gespielt haben, außer mal als Zugabe, aber halt superselten. Das ist vor fünf Jahren etwa entstanden und beruht wirklich auf einer wahren Begebenheit. Ich war dort auf Abifahrt und naja, der Text erzählt eigentlich alles. Jedenfalls haben wir dort eine Grachtenfahrt gemacht und dort sahen wir eben den schönsten Mann.

Ich habe da neulich auch einen gesehen, denn ich war auf dem Morrissey-Konzert.

In Amsterdam? Siehst du, dann scheints wohl an der Stadt zu liegen.

Auf Klassenfahrt in Russland


Auf eurer Homepage findet man auch ein Live-Foto, auf dem du vor einem riesigen Freddie Mercury-Bild singst.

Das war purer Zufall. Das Foto ist in Nowosibirsk entstanden, als wir für das Goethe-Institut in Russland unterwegs waren. An dem Abend wurden immer Bilder hinter uns projiziert, teilweise unsere eigenen Filme und teilweise auch fremde Bilder wie dieses. Ich finde es klasse, da es gerade in der Schwarzweiß-Variante so ausschaut, als stünde der wirklich neben mir.

Auf der von dir gerade erwähnten Russland-Reise durftet ihr ja sogar Autogramme geben und Pressekonferenzen abhalten. Kommen da plötzlich Rockstar-Gefühle hoch?

Teilweise schon, es war unterschiedlich. In Omsk war zum Beispiel unsere erste Pressekonferenz und da kam tatsächlich niemand. Da war halt die örtliche Presse eingeladen und wir saßen da rum und haben ne Stunde gewartet, es kam aber niemand. Dementsprechend skeptisch waren wir, als es in Nowosibirsk dann wieder hieß, so Jungs, Pressekonferenz, aber plötzlich kam das volle Aufgebot: MTV News Russland, sämtliche lokale Printemedien und Radiosender. Das war sehr beeindruckend.

Wie fühlt man sich solch einem enormen Interesse gegenüber, wenn man weiß, dass die Leute dort die Texte gar nicht verstehen?

Viele Leute verstehen die Texte, das hat mich total verwundert. Es gibt mehr Leute in Russland, die deutsch können, als man denkt. Zumindest ein paar Sätze. Und in Omsk haben die Studenten an der Uni unsere Texte übersetzt und haben im Konzert dann auch ein bisschen was verstanden. Aber klar, der Großteil der Leute versteht gar nichts. Aber das ist denen auch total egal. Die wollten einfach abfeiern und Party machen, völlig wurscht, ob da einer auf deutsch oder englisch singt.

Okay, das wundert mich jetzt auch weniger als die Tatsache, dass ihr da vor vollen Häusern gespielt habt.

Ja, vor allem am ersten Abend, das war ein Sonntag in Katharinenburg. Dort war so ein schicker kleiner Indie-Club und der war randvoll, 300 Leute. Keine Ahnung, ob das da immer so ist oder wir eine tolle Pressearbeit auskosten durften. Aber auch bei den anderen Konzerten können wir uns echt nicht beklagen. Der Abschluss-Gig war eingebettet in einen Museumsabend, wo auch Ausstellungen und Kurzfilme auf dem Programm standen, da war das Haus natürlich auch voll.

Ich habe mich auch durch eure imposante Fotogalerie der Reise durchgeklickt und mit all den Landschaften, den Clubs, Wodkagelagen und Thomas Anders-Plakaten machte das schon den Eindruck einer lustigen Klassenfahrt.

Ja klar. Ich meine, das muss man ja auch mal sagen: Wir haben da schon anständig gefeiert. Und nicht nur an einem Abend. Dennoch hätte ich vor der Reise nicht gedacht, dass Russland gar nicht so anders ist. Alleine die Clubs, die hätten zumindest vom Optischen her auch bei uns sein können. Der einzige Unterschied ist halt, dass alle russisch reden. Die Städte sind natürlich schon anders und die Entfernungen größer, ich habe mich jetzt aber nicht fremd gefühlt. Das war halt auch super organisiert. Vom Goethe-Institut war immer jemand dabei, der alles übersetzt hat, das war schon eine exzellente Betreuung.

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