laut.de-Kritik

Techno, der die Tanzfläche nie aus den Augen verliert.

Review von

Schon mit den ersten Beats von "Chautis" weiß der geneigte Techno-Hörer, was er auf Amotiks Debütalbum "Vistār" bekommt. Eine grummelige, dunkle Kick, unterfüttert von einem undurchdringlichen Klangteppich, und eine Synthie-Line, so simpel wie hypnotisch. Der Opener kommt für die Verhältnisse des Wahlberliners aber noch eher zurückhaltend aus den Boxen gekrochen. Anil Chawla hat sich seit seiner ersten EP 2015, schlicht "AMOTIK 001" betitelt, vor allem auf hochwertig produzierte und stringente Big Room-Tools konzentriert.

"Paintis" im Anschluss kommt diesem Reißbrett-Entwurf schon näher, obgleich die Snare und das moderate Tempo den unablässig sägenden Melodieverlauf konterkarieren. Höchst selten schlug der gebürtige Brite in seiner Diskografie außerdem derart ambiente Töne an wie im Interlude "Chatis" an dritter Stelle. Dieses wirkt zurecht wie die Ruhe vor dem Sturm, "Setis" im Anschluss liefert die erste astreine Berghain-Blaupause des Albums. Es braucht nicht mehr als die marginale Abänderung des Synths und das Einsetzen der Hi-Hats nach knapp zwei Minuten, um einen funktionierenden Techno-Track aus dem Boden zu stampfen.

Genau hier liegt auch Amotiks Qualität: Seine Stücke verlieren sich im Meditativen, besinnen sich auf die Grundessenz, den Kern dieser maschinellen Musik, die mit einfachsten Mitteln die größtmögliche Wirkung entfaltet. Die Bausteine, die er dafür verwendet, variieren zwar von Mal zu Mal, bilden aber dennoch ein in sich geschlossenes System. Nächstes Beispiel dafür: das pulsierende "Adhtis", das das bewährte Bass-rein-Bass-raus-Spiel, eine Paradedisziplin Amotiks, mustergültig durchexerziert.

"Untaalis" bringt dumpfe Bleeps und beunruhigend genuschelte Vocals aufs Tableau, die im ständigen Wechselspiel mit der Kick die Atmosphäre verdichten. Genrefremde mögen ob des Folgesatzes fassungslos den Kopf schütteln, "Vistār" ist auf seine Art aber tatsächlich ein abwechslungsreiches Techno-Album geworden. Dabei verliert die Platte ihre Tanzbarkeit aber kaum; das ungerade "Chalis" danach mit seinen glasklaren Flächen verkommt zur in Musik gegossenen Katharsis und ist definitiv das emotionalste Stück des Albums.

"Iktalis" zollt in solider Manier den nach wie vor obligatorischen Breakbeats Tribut und zieht sich in unheilvollen Spiralen selbst aus dem Morast. Einmal mehr gelingt Chawla hier eine Mixtur aus Tool und eigener Handschrift. Mit Breaks arbeitet auch "Byalis", wenngleich subtiler und ätherischer klingend als sein direkter Vorgänger. Mit "Tetalis" beschließt eine elegische Ambient-Serenade das Album, das am Ende vor allem eines garantiert: schnörkellosen Techno, dem trotzdem die nötige Portion Seele innewohnt.

Trackliste

  1. 1. Chautis
  2. 2. Paintis
  3. 3. Chatis
  4. 4. Setis
  5. 5. Adhtis
  6. 6. Untaalis
  7. 7. Chalis
  8. 8. Iktalis
  9. 9. Byalis
  10. 10. Tetalis

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