laut.de-Kritik

Auf der hellen Seite des Deutsch-Pops.

Review von

Alli Neumann hat sich in den vergangenen Jahre mit Singles und EPs ihren Platz auf der hellen Seite des Deutsch-Pops gefestigt - und sich darüber hinaus auf Songs mit Trettmann und KitschKrieg als überzeugendes Rap-Feature etabliert. Mit eigensinnigen Texten, starker Stimme und mitreißenden Performances gibts auch wirklich vieles, was man an Neumann feiern kann. Die Referenzen rangierten in der Vergangenheit zwischen Nina Hagen, Falco und Bilderbuch. Dementsprechend hoch konnten die Erwartungen an das Debütalbum "Madonna Whore Komplex" ausfallen. Über weite Strecken macht die Platte auch richtig Laune, besonders in der ersten Hälfte.

Im Opener behandelt die Sängerin den von Sigmund Freud identifizierten, titelgebenden Komplex: "Ich war deine Madonna für einen ganzen Sommer / Nur dass ich nicht war, was du willst / Denn ich bin eine Hure, wenn ich nicht, was du willst, tuе". Das Thema Selbstbestimmung zieht sich durch das ganze Album und auf einer Metaebene gar durch den Produktionsprozess: Die Platte erscheint auf Neumanns eigenem Label JAGA Recordings, das sie mit ihrer Managerin Misla Tesfamariam gegründet hat. "Davor war ich auch schon sehr selbstbestimmt, aber da gabs dann trotzdem viele Menschen, mit denen man Kompromisse machen musste. Jetzt hab ich einfach nur noch coole Leute um mich", so Neumann im Interview.

Klingt fast so, als könnte man jetzt eine Lofi-Platte oder komplett unangepassten Artpop erwarten, "Madonna Whore Komplex" ist allerdings ein satt ausproduziertes Pop-Album, mit vielen kleinen Ideen, die das aufmerksame Hören belohnen. Neumann pflegt Streicher und sogar ein Banjo in ihre Songs ein. Wie bisher auch steht ihre Stimme zwar im Mittelpunkt, die Instrumentals müssen sich dahinter aber nicht verstecken. Besonders die Gitarren stehlen dem Gesang immer wieder die Show. Besagter Titelsong beginnt ruhig, öffnet sich erst in der zweiten Hälfte und gipfelt in einem schicken Gitarrensolo. Das Stück zieht die Hörer*innen direkt in Neumanns breit aufgestellte Soundwelt hinein.

"Problem Killer" baut auf einem mit Slide gespieltem Gitarrenlick auf, unterstützt von einem reduziertem Beat. In der Hook folgt Neumanns Gesang einem eingängigem Riff: "Baby, trotzdem kämpf' ich immer weiter / Ziehst du mich runter, flieg' ich immer higher / Ziehst du die Fessel, mache ich mich frei". Das klare Takeaway des Albums: Neumann hat keine Lust, sich von irgendjemandem einschränken zu lassen. Auch in der Hymne "Frei", dem mitreißendsten Song des Albums, singt sie sich diesen Wunsch nach Selbstbestimmtheit von der Seele. Die thematische Fixierung hätte auch zu aufdringlich geraten können, aber Neumann gelingt es, das Thema immer wieder frisch aufzubereiten. Auch "Bike Boy" und "Männer Wie Du" gehören zu den stärksten Songs.

Leider gerät die zweite Hälfte des Albums etwas zu entschleunigt, beginnend mit "Kleinigkeit". Zwar behandelt Neumann hier textlich ansprechend Minderwertigkeitsgefühle in einer Beziehung, aber der Track nimmt nie richtig Fahrt auf. Ähnlich unauffällig bleiben "Herz Aus Gold" und "Herzhotel", das trotz treibender Drums erstaunlich blass wirkt und durch häufige Rhythmuswechsel keinen Zug entwickelt. Gelegentlich hapert es dann auch bei den Texten, etwa in "Keine Zeit". Da heißt es: "Wenn du nicht helfen willst, geh mir aus dem Weg / Ich hab' nur ein Leben auf diesem Planet". Man muss kein Sprachfetischist sein, um das etwas ungelenk zu finden.

Auch wenn "Madonna Whore Komplex" so nicht ganz das runde Debüt geworden ist, dass man sich von und für Alli Neumann gewünscht hätte, bleibt es ein dennoch lohnenswertes Album mit vielen Höhepunkten und einigen eher unscheinbaren Stücken.

Trackliste

  1. 1. Madonna Whore Komplex
  2. 2. Frei
  3. 3. Bike Boy
  4. 4. Problem Killer
  5. 5. Keine Zeit
  6. 6. Kleinigkeit
  7. 7. Atlanta
  8. 8. Männer Wie Du
  9. 9. Herz Aus Gold
  10. 10. Stadt In Satin
  11. 11. Herzhotel
  12. 12. Shh

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2 Kommentare mit 11 Antworten

  • Vor 2 Tagen

    Ganz brauchbares Songwriting- und Produktionsteam. Sehr klarer Einschlag von Bilderbuch. Die Vocals sind längst nicht so aufregend wie die Begleitung. Einziges echtes Manko ist aber das Cover, das zwischen gewollt häßlich und ungewollt gruselig gestaltet ist.

    • Vor einem Tag

      Du, das mit dem Cover lässt sich mE damit erklären, dass die Frau, die sich auf diesem Cover befindet, eben so aussieht, wie du es nach deiner Auffassung eben beschreibst. Ich hoffe ich konnte zur Aufklärung beitragen ;)

    • Vor einem Tag

      Dieser Kommentar wurde vor einem Tag durch den Autor entfernt.

    • Vor einem Tag

      Na ja, es ist ja nicht ihr Blick auf dem sicherlich bewußt ausgesuchten Foto. Es ist dieses Foto in Kombination mit diesen Farben und diesem Schriftzug. Zusammen wirkt es wie zwischen Heiligenikone und zugedröhntem Mädel, das jede Sekunde in ne psychotische Phase ihres Trips umschaltet.

    • Vor 18 Stunden

      Vielleicht war das die Idee? Sie kann trotzdem nicht verheimlichen, dass sie sehr schön ist. ♥ Um nicht zu sagen hot af, wie einer unter ihrem Interview richtigerweise meinte.

  • Vor einem Tag

    Einfach guter Pop, kannst nix gegen sagen.

    • Vor einem Tag

      Ich denke, man kann einiges dagegen sagen. Fürchterliche gepresste Vocals kämen mir in den Sinn, aber gute Musik ist ja subjektiv...

    • Vor einem Tag

      Allein einen Satz mit "Einfach guter Pop" zu beginnen und dann noch mit "kannst nix gegen sagen" zu beenden ist an und für sich schon absolute Weltklasse! Mehr analytisches Urteil a priori geht ja gar nicht :lol:

    • Vor einem Tag

      Ich bin ein Mann aus dem Volk mit Öl in den Ohren und deshalb für musikalische spitzfindigkeiten ungeeignet aber findet ihr die Stimme wirklich schlecht? Bissi nervig höchstens diese etwas penetrant wokeness, aber die ist mittlerweile eingepreist.

    • Vor einem Tag

      Klingt halt wie Nena im gewollt-coolen Nuschelmodus. Instrumental ebenfalls komplett uninteressant das Ganze, ernsthaft, wo kommen die wohlwollenden Besprechungen her?

      Öl in den Ohren klingt übrigens ziemlich unangenehm. Solltest mal zum Arzt gehen.

    • Vor einem Tag

      ja keine ahnung, ist halt pop, den ich so nebenher hören kann, radio mucke halt. und dafür nicht schlecht.

    • Vor 20 Stunden

      Mir langt "nicht schlecht" auch meist völlig. Im Gegensatz zu "verdammt gut", deren Vertreter Spotify sei Dank nur wenige Klicks entfernt sind.

    • Vor 20 Stunden

      Für unseren Schwingo muss es eben immer altbackenes Geschrammel sein.