laut.de-Kritik

Zu brav für den großen Pop-Punk Coup.

Review von

Dear Maria, All Time Low melden sich zurück im Pop-Punk Business. Das Timing stimmt. Denn Blink 182 kämpfen derzeit ohne Tom Delonge ums Überleben, Sum 41 und Good Charlotte haben die Funkverbindung schon vor Jahren gekappt und Fall Out Boy haben sich zuletzt eher von Dosen-Beats ernährt. Ideale Gelegenheit für die vier aus Baltimore, das Steuer zu übernehmen. Im Chart-Dschungel haben sie vielleicht beste Karten, die Wachablösung ihrer Vorreiter anzutreten, qualitativ bekommen sie die Fußstapfen aber wohl nie ausgefüllt.

Wo die 182er mit dicker Lippe jede Highschool Party aus den Angeln hievten, suchen All Time Low verkrampft nach der schelmischen Lausbuben-Leichtigkeit. Dabei sind Ansätze durchaus da. "Kicking & Screaming" sorgt mit düdelndem Gitarren-Pop für gute Laune und streut gesittete Prom Night-Atmosphäre. Aber wo zum Teufel sind die rotzigen Gitarren, wo der pöbelnde Vierviertel? Wenn The-All American Rejects die neuen Party-Crasher sein sollen, macht "Something's Gotta Give" vielleicht vieles richtig, aber später als Mitternacht wird es dann sicherlich nicht.

An einem Punkt, an dem man es ihm am allerwenigsten zugetraut hätte, bekommt der bis ins Detail gestriegelte Radio-"Punk" plötzlich Charme eingehaucht. Auf den ersten Saitenzupfer hält die verschnulzte Teenie-Hymne "Missing You" genau das ein, was draufsteht. Im Grunde ist das Ding aber nur halb so kitschig, wie man annehmen könnte. Ausnahmsweise verpasst Rampenbuby Alex Gaskarth seinem Stimmapparat einen raueren Schliff, und gegen Ende huscht ein Folk-Beat über die Snare, so dass der Cabrio-Express getrost durch die laue Sommerluft tingeln kann. "Cinderblock Garden" oder "Don't You Go" pushen im Anschluss endlich mal die Drehzahl und pfeffern vollendete Hymnen-Refrains durch die Lautsprecher.

Blink und +44-Basser Mark Hoppus hat die Muße satt. Um nicht einzurosten, schneit er in "Tidal Waves" für ein paar Vocals rein. Dummerweise stiehlt er Gaskarth gnadenlos die Show. Während Hoppus Stimmfarbe unverwechselbar aus Tausenden hervorsticht, kämpft sein Kollege gegen die Austauschbarkeit. Sofern man bereit ist, das bittere Eigentor großzügig zu überhören, ist der Song gar nicht mal so übel. Gleiches gilt auch für Feature Nummer Zwei "Bail Me Out", für das Good Charlotte Oldie Joel Madden noch mal die Stimmbänder ölt.

Gegen Ende geht es dann wieder viel zu abgedroschen zur Sache. Die Piano-getränkte Halbballade "The Edge Of Tonight" wird sicherlich auf Radio-Stationen in den USA wund laufen. Doch wenn der Track wirklich große Gefühle anstuppsen will, gelingt es den Hooks nicht wirklich, die Tränendrüsen der pubertierenden Groupies in die Knie zu zwingen. Viel zu beliebig schlängelt sich die Melodie vorbei an großen Gesten.

Außer Potenzial bleibt bei All Time Low, wie so oft, einfach zu wenig hängen. Was am Ende fehlt, ist die "Scheiß drauf"-Mentalität vergangener Skate-Punk Heroes, der Mut zur Eskalation und nicht zuletzt ein Momentum mit Wiedererkennungswert. Entweder bin ich als Angehöriger der American Pie-Generation einfach anderes gewohnt oder mit "zu brav" ist am Ende tatsächlich alles gesagt. In dem Fall hätte sich die Baltimore-Bagage keinen treffenderen Bandnamen aussuchen können.

Trackliste

  1. 1. Satellite
  2. 2. Kicking & Screaming
  3. 3. Something's Gotta Give
  4. 4. Kids In The Dark
  5. 5. Runaways
  6. 6. Missing You
  7. 7. Cinderblock Garden
  8. 8. Tidal Waves (feat. Mark Hoppus)
  9. 9. Don't You Go
  10. 10. Bail Me Out (feat. Joel Madden)
  11. 11. Dancing With A Wolf
  12. 12. The Edge Of Tonight
  13. 13. Old Scars/Future Hearts

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2 Kommentare mit 2 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    Es gibt anno 2015 immer noch guten, durchaus technisch versierten Poppunk, wie etwa The Wonder Years oder The Story so far beweisen. Schade dass eben diese Band in Kontinentaleuropa wenig Resonanz finden und man stattdessen mit so einer Kacke wie All Time Low abgespeist wird.

  • Vor 3 Jahren

    zwar offtopic, aber wer lust auf ein sehr gutes melodycore album hat, sollte sich die neue strung out besorgen.grosses ding der alten recken geworden.
    genau das richtige für einen hoffentlich endlich mal sonnigen frühling.
    zu atl: mag ich nicht.