laut.de-Kritik

Ein Musikschauspiel, das seinesgleichen sucht.

Review von

Aldous Harding sieht sich nicht als Musikerin, das hat sie kürzlich Pitchfork im Interview gestanden. Sie versteht sich eher als "song actor", also "Song-Schauspielerin". "Ich bin irgendwie der Jim Carrey der Indie-Welt", hat sie diesen Gedanken dann gegenüber The Guardian ausgeführt. Sie gibt insgesamt ungerne Auskunft über ihren Songwriting-Prozess und scheint sich mit ihrer wenig greifbaren Art und musikalischer Variabilität geradezu um das Label "Enigma" zu bewerben, mit dem sie von den beiden genannten Publikationen betitelt wird. Auch ihr viertes Album lässt die Figur Aldous Harding nicht durchdringen. Sie scheint in jedem Stück eine andere stimmliche Identität anzunehmen, eine andere Rolle zu spielen, und dennoch gerät "Warm Chris" zu einem wunderbar kohärenten Werk.

Obwohl die Musik weiterhin runtergefahren bleibt, Harding sich zurückhaltend gibt, fordert sie die volle Aufmerksamkeit ihrer Hörer*innen ein. Über meist simples, launiges Klavierspiel, charmante, aufgeweckte Basslines und minimalistisch-verjazztes Schlagzeugspiel wirft sie sich in ihre Rollen. Mit ihrer selbstbewussten Unaufgeregtheit füllt sie den durch die minimalistische Instrumentation entstehenden Raum aus. Durch diese Unaufgeregtheit blitzt immer wieder der Charme des Velvet Underground-Songs "After Hours" auf, der wiederum vom sympathischen Gesang von Drummerin Moe Tucker geprägt ist. Das erneut von John Parish produzierte "Warm Chris" klingt wie eine Fortsetzung des ebenfalls großartigen Vorgängers "Designer", ist aber insgesamt etwas leichter und wärmer, was es zu einem fantastischen Begleiter des beginnenden Frühlings werden lässt.

Der Opener "Ennui" stimmt vor allem mit dem Saxofon auf die sonnige Atmosphäre des Albums ein. Schon hier zeigt Harding wie großartig sie mit ihrer eigensinnigen Art und dem sanften Gesang immer wieder zu einprägsamen Hooks findet: "Come back, oh, come back and leave it in the right place" heißt es da. "Tick Tock" baut vor allem auf lässig gestrummten akustischen Gitarren auf und erinnert in seiner Hook an "In The Waiting Line" von Zero 7. Die Highlights des Songs sind die fast unscheinbaren Momente, die kleinen Einwürfe, etwa die "Tick Tock"-Rufe und das fast schon lethargisch gespielte Gitarren-Riff, das immer wieder auftaucht.

Selbst die Stücke, die komplett auf Drums verzichten, überzeugen. Der Titeltrack bietet zu großen Teilen nur eine akustische Gitarre und Hardings eindringlichen Gesang. Nur sporadisch mischt sich eine E-Gitarre und zweite Stimme dazu. Zwar bleibt Harding auch textlich nicht greifbar, einzelne Lines wie "I love watching paper planes burn out there" begeistern aber auch ohne Kontext. "She'll Be Coming Round The Mountain" ist eine Piano-Ballade, in der später gar ein Banjo mitmischt. Aus einer leicht entrückten Strophe kippt das Stück in eine tolle Hook. "Breathing time is a lonely state of mind / When it comes to eating time / How will I know the mеal is mine?", heißt es da.

Die Highlights des Albums sind aber die Stücke mit etwas mehr Antrieb, vor allem "Fever", "Lawn" "Passion Babe". Im Refrain von "Fever" erinnert Harding mit dem leiernden Gesang an Laura Marling, während sie in "Lawn" fast schon kindlich klingt. "Passion Babe" wartet mit dem eingängigsten Refrain des Albums auf. "Passion must play or passion won't stay" singt Harding. Auf dem Mantra-artigen Closer "Leathery Whip" gibt sich Harding gesanglich besonders exaltiert, erinnert dabei an Nina Simone. Der Song gipfelt in der Wiederholung der Zeilen "Here comes life with this leathery whip".

Hannah Sian Topp, wie Aldous Harding mit bürgerlichem Namen heißt, arbeitet auf "Warm Chris" also weiter an ihrer Enigma-Persona. Das wirkt nie gezwungen, sondern wirft weiterhin eine ganze Reihe fantastischer Kleinode ab. Ein Musikschauspiel, das seinesgleichen sucht.

Trackliste

  1. 1. Ennui
  2. 2. Tick Tock
  3. 3. Fever
  4. 4. Warm Chris
  5. 5. Lawn
  6. 6. Passion Babe
  7. 7. She'll Be Coming Round The Mountain
  8. 8. Staring At The Henry Moore
  9. 9. Bubbles
  10. 10. Leathery Whip

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