laut.de-Kritik

20 Jahre Kaffeehaus-Grooves und Lounge-Pop-Brillanz.

Review von

"10, 11, 12, 13, 14, 15, 16, 17, 18, 19, 20", überbringen Jarvis Cocker und Charlotte Gainsbourg auf "The Duelist" quasi ein gesprochenes Geburtstagsständchen. Ja, liebe Freunde, wie die Zeit vergeht. Air sind 20 geworden. Vingt ans, wie der Franzose sagt, aber weil Air seit dem ersten Tag ein internationaler Act sind, nennen sie ihre Best Of-Scheibe natürlich "Twentyears" und vergessen ein "y". Merkt eh keiner und sieht ja irgendwie auch besser aus.

Ganz so wie die stets herausgeputzten Protagonisten Nicolas Godin und Jean Benoit Dunckel eben, die 1998 mit "Moon Safari" die musikalische Entsprechung für den gasförmigen Aggregatszustand erfunden haben. Mit vibrierender Fender Rhodes und Moog-Synthies, anschmiegsamen Bassläufen, federnden Percussions und behutsamem Drumcomputer-Einsatz säuselten sie eine Formel in die Welt, die das Wort "Amore" schon buchstabierte, als Wanda noch nicht mal an die Wiener Punschstände randurften.

Ja, doch, das ist auch 2016 noch wunderschön anzuhören. Wenn man "Twentyears" so nebenher laufen lässt, wundert man sich fast schon, bei wie vielen Liedern man aus dem Stand mitsummen kann. Mit Meeresrauschen geht alles los, "La Femme D'Argent" zitiert den lässigen Bossanova-Drive des Nationalidols Serge Gainsbourg, Vater der eingangs erwähnten Charlotte, und wickelt einen mit angespaceten Synthfiguren sofort um den Finger. Zu "Sexy Boy", "All I Need" und "Kelly Watch The Stars" erübrigt sich jeder Kommentar - Instant Classics. Lounge-Pop-Brillanz.

Auf Chronologie hatte das Duo aber keine Lust, was zu begrüßen ist, weil viele spätere Alben der Band (und einige hervorragende Songs) bei der Masse doch unter den Tisch fielen. Damit meine ich weniger die Crowdpleaser "Cherry Blossom Girl" oder den großen Pfeifhit vor "Young Folks", "Alpha Beta Gaga", vom 2004er Album "Talkie Walkie", da war die Welt für viele Air-Fans schon wieder in Ordnung. Der "Moon Safari"-Nachfolger "10000 Hz Legend" war es, der 2001 die Fans des angeblich so süßlichen, fürs Latte Macchiato-Brunchbuffet am Sonntagmorgen erdachten Cafésounds verstörte. Zu düster sei das alles plötzlich. All jene kramten fortan wieder ihre Café del Mar-CDs raus.

Warum "10000 Hz Legend" bei dem experimentierfreudigeren Teil der Air-Anhänger völlig zu Recht auch unter dem Titel "Dark Side Of The Moon Safari" firmierte, machen das deepe "How Does It Make You Feel" und vor allem das psychotische "Don't Be Light" klar: Godin und Dunckel fühlten sich wohl vor allem aufgrund des unerwartet weltumspannenden Erfolgs ihrer '98er Platte wie Getriebene, die dem Publikum mehr bieten wollten. Die im direkten Vergleich zu den beiden Songs geradezu schamlos poppige Single "Radio #1" fehlt hier übrigens.

Übergangen habe ich den 2000er Soundtrack zum Film "The Virgin Suicides", der zwar kein echtes Air-Album darstellt, mit "Playground Love" aber einen der schönsten Air-Songs überhaupt bereit hält, der nebenbei noch allen Saxofon-Hassern in dreieinhalb Minuten den Unsinn ihrer Weltanschauung vor Augen führt. Vom schwächsten Air-Album "Pocket Symphony" (2007) ist "Once Upon A Time" vertreten, vom meines Erachtens starken 2009er-Comeback "Love 2" nichts. Seltsam.

Air sind selbstverständlich schlau genug, um zu wissen, dass Fans bei Jubiläen ebenfalls bedient werden wollen. So enthält die zweite CD des Doppelpakets (auch in wunderschöner 2-LP-Aufmachung, allerdings nur die Hits) 14 Raritäten und unveröffentlichte Tracks, wovon die genannte Cocker/Gainsbourg-Koop sicherlich herausragt. "Flowerhead", 2001 die B-Seite von "Radio #1", spinnt den experimentellen Faden der damaligen Zeit narkotisch weiter, "Planet Vega" erschien 2001 auf einer Compilation des Beastie Boys-Labels Grand Royal, und "Au Fond Du Rêve Doré" mit Françoise Hardy (2011) deutet die Klasse des übergangenen Albums "Love 2" an. Der Song erschien damals ausschließlich online.

Für Mitte Juli ist außerdem eine limitierte und nummerierte 3-CD-Box geplant, die noch Air-Remixes enthält. Darunter Beck, Bowie, Depeche, Neneh. Ein verdienter Zwischenstopp also, der die Jungs hoffentlich langsam wieder auf Band-Linie bringt. Die verschiedenen Soloalben waren nämlich insgesamt weniger berauschend.

Trackliste

CD1

  1. 1. La Femme D'Argent
  2. 2. Cherry Blossom Girl
  3. 3. Kelly Watch The Stars
  4. 4. Playground Love
  5. 5. Sexy Boy
  6. 6. Venus
  7. 7. All I Need
  8. 8. Alpha Beta Gaga
  9. 9. Moon Fever
  10. 10. Don't Be Light
  11. 11. How Does It Make You Feel
  12. 12. Once Upon A Time
  13. 13. Alone In Kyoto
  14. 14. Talisman
  15. 15. Run
  16. 16. Le Soleil Est Pres De Moi
  17. 17. Land Me

CD2

  1. 1. Planet Vega
  2. 2. Flowerhead
  3. 3. Crickets
  4. 4. The Duelist
  5. 5. High Point
  6. 6. Au Fond Du Rêve Doré
  7. 7. Danger Zone
  8. 8. Indian Summer
  9. 9. The Way You Look Tonight
  10. 10. Roger Song
  11. 11. J'ai Dormi Sous L'eau (Live BBC 1998)
  12. 12. Remember (David Withaker Version)
  13. 13. Trente Millions D'amis (Live KCRW 1998)
  14. 14. Adis Abebah

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1 Kommentar mit einer Antwort

  • Vor 5 Jahren

    Meine Fanta ist alle seit 20 Jahren.

    Seit 20 Jahren gehe ich immer wieder dem gleichen Gesäusel auf den Leim. Entspann dich, hör dir die neue Air an und jedes mal hör ich sie mir an.

    Air langweilt mich seit 20 Jahren und zugleich regt es mich tierisch auf das ich wohl zu blöd für die Mucke bin. La Femme D'Argent - Meeresrauschen geht über in Fahrstuhlmucke, na toll. Warum fahren die Typen nicht gleich zum Meer bzw. ich spare mir die 20 Euro für die CD doch besser.

    Bis Playground Love einschließlich Fahrstühle in jeder erdenklichen Länge, ach bei denen heißt das Höhe. Endlich…...ein Sexy Boy schaut vorbei, erträglicher Fahrstuhlbesucher. Rauf u. Runter geht es immer so weiter. Ob nun ab zur Venus gelandet auf der Vega, dazwischen bescheidene Fahrstuhlmusik für weichgespülte Neckermannurlauber die sich nach Ibiza verirrt haben.

    Nach der Vega erst mal Werbung bei Spotify, der Kloppo haut seinen Opel raus. Soll ich weiter hören? Eigentlich ist mir die Lust schon längst vergangen, irgendwo zwischen Venus und Vega waren die Fahrstühle auch nicht schöner geworden.

    Ach da ist ja fast der letzte Fahrstuhl. Remember, ja erinnern darf man sich nach 20 Jahren Fahrstuhl fahren. Fand die Paternoster immer cool, frag mich bis heute wie haben die das gemacht das man da nicht kopfüber raus kam?

    Air eine Band aus Frankreich die mir nur Käse verkauft, aber das liegt an mir bzw. meinen in 20 Jahren sehr empfindlich reagierenden Ohren wenn die Fahrstuhlmucke entdecken. Und den Paternoster haben sie in DE doch abgeschafft dachte ich. Gesamt 2/5

    Gruß Speedi

    • Vor 5 Jahren

      Ich mag Air recht gerne, weil die in meinen Ohren etwas schaffen, was nicht viele Bands schaffen, nämlich leichtgewichtig und eingängig zu sein, ohne seicht und banal zu klingen. Zugegeben, die Sache mit der Fahrstuhlmusik ist nicht völlig aus der Luft gegriffen, aber für mich ist das Fahrstulmusik mit eigener Identität, einer Prise Romantik, ungewöhnlichen Soundarrangements und somit auch Charme. Air sind jedenfalls meilenweit von dem belanglosen New Age-Gesäusel entfernt, welches die elektronische Musikwelt überschwemmt.

      Auf diese Doppel-CD bin ich vor einer Woche zufällig im Laden gestoßen, habe sie jedoch nicht mitgenommen, weil mir das auf den ersten Blick tatsächlich nach einer Chronologie aussah. Die erste CD hätte man sich auch sparen können, wenn ich mir das Teil kaufe, dann nur wegen CD2.

      Gruß Sequenzer