laut.de-Kritik

Bowies "Heroes" als traurige Eunuchen.

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Aller guten Dinge sind drei - nicht immer. Mit der aktuellen Auflage ihrer Kollektionsreihe "Pop meets Classic" schmettern Adoro ein einstmals als Konzept sicher nicht reizloses Projekt völlig zu Tode.

Klassik-Freunde und Deutschpop-Liebhaber gleichermaßen entdecken hier ihre Favoriten entsetzt im Umfeld des alten TV-Slogans "Mumien, Monstren, Mutationen" eingebettet. Dafür verbraten Adoro nicht ausschließlich heimische Perlen. Es finden sich auch eingedeutschte, internationale Classics.

Nach "Prélude / Intro" findet ein alter norwegischer Bekannter den Weg auf die Pompbühne. A-has "Take On Me" wandelt sich hier zu "Halt Mich Fest". Doch im Umfeld von Pauken und Trompeten bricht zunächst mal kalter Schweiß aus, angesichts dessen, was dem wegweisenden Synthiepopper hier angetan wird. "Lass mich los", flehen Adoro an anderer Stelle, und das klingt dann wie ein Hilferuf der wehrlosen Nummer, sie endlich aus der Folter zu entlassen.

Aktuelleres Chartsfutter greifen sich die flotten Fünf mit Unheiligs "Geboren Um Zu Leben". Die Verbrüderung mit dem Grafen funktioniert problemlos, hier lauern Schwulst und Pathos schließlich sowieso längst in der Umkleidekabine. "Gleich wird die Sonne untergehn / wir sind schon ziemlich weit" - mit dem Untergang, versteht sich.

Nenas "Leuchtturm" erweist sich spätestens hier als längst erloschen und zerschellt gnadenlosen Küstenriff. Und Bowies "Heroes" sind als "Helden" in völlig falsche Gesellschaft geraten. Der Song lebt neben der präzisen Interpretation vor allem durch den Sound der siebziger Jahre. Adoros Version verstümmelt die "Heroes" hingegen zu traurigen Eunuchen.

Die Christina Stürmer-Adaption "Engel Fliegen Einsam" erobert auf sämigen Streichern nicht den Gipfel des Olymps, sondern schmiert lang vorher gnadenlos ab. Ein Paradebeispiel dafür, warum derlei nicht funktioniert: Ihres ureigensten Umfelds beraubt, zieht der sadistische Klassik-Zahnarzt seinen Patienten gleich sämtliche Zähne.

Für den Zuhörer kommt das alles ganz ohne Betäubung. Besonders, wenn sich "Geweint Vor Glück" (Pur) oder "Wie Der Wind Sich Dreht" (das gefürchtete "Wind Of Change" der Scorpions) freiwillig zur Behandlung aufdrängen.

Statt erlesenen Mozart-Kugeln gibts also nur viele kleine bunte Smarties. Durch "Wieder Hier" in "meinem Revier", können die Lyrics des Westernhagen-Songs geradezu als Drohung aufgefasst werden. Rein handwerklich ist alles im grünen Bereich. Das Babelsberger Filmorchester agiert professionell, die Stimmen der Fünf intonieren untadelig, doch das Ergebnis will nicht zünden.

Nicht alles funktioniert, wenn man es denn unbedingt anders machen will, das beweisen mitunter auch quälend modernisierte Versionen klassischer Theaterstücke. Der umgekehrte Weg, das Pseudoretro, begibt sich auf ähnliches Glatteis. Im Falle Adoros ergibt das mehr Paul Potts als Scala & Kolacny Brothers.

Jahreszeitlich mit Bedacht platziert, verbreitet "Glück" aber keine vorweihnachtliche Stimmung, sondern droht mit Knecht Ruprechts Rute. Und sollte der böse "Futurama"-Weihnachtsmann tatsächlich existieren, passt auf, dass ihr ihm an Heiligabend nicht begegnet. Denn der hat bestimmt Adoro als Geschenk dabei.

Trackliste

  1. 1. Prélude / Intro
  2. 2. Halt Mich Fest
  3. 3. Geboren Um Zu Leben
  4. 4. Gib Mir Sonne
  5. 5. Nessaja
  6. 6. Engel Fliegen Einsam
  7. 7. Helden
  8. 8. Leuchtturm
  9. 9. Wie Der Wind Sich Dreht
  10. 10. Geweint Vor Glück
  11. 11. Wieder Hier

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19 Kommentare

  • Vor 9 Jahren

    Ich überleg' mir wirklich gerade, ob ich das meiner lieben Mama kaufen soll. In so einem Fall, sag' ich immer: Die verdienen damit ihr Geld, warum nicht? Wem's nicht gefällt, soll's nicht hören. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann die mir je auf die Nerven gegangen sind. Also von daher, gibt es weit aus schlimmeres. Obwohl's rein musikalisch zu wünschen übrig lässt.

  • Vor 9 Jahren

    @musicmaker: diese tolerante Einstellung gewöhnt man sich auch irgendwann ab, wenn man an der Supermarktkasse ein Mal zu oft mit Lena, Jeanette B., Sarah Connor und dem ganzen anderen ****** zugedudelt wurde.. :) ;)

  • Vor 9 Jahren

    Meine Mutter würde mir den Dreck um die Ohren hauen wenn ich damit ankäme xD.
    @ Keine Ahnung: Ich denke, Musik ist noch insofern Schicht-spezifisch, als dass manche Künstler sich ihre Schicht selbst aufzwängen. (siehe Ghetto-Rap). Aber natürlich nicht immer. Ich kann nur sagen, dass ich (obwohl ich weder in nem Plattenbau noch in ner 300 m² Bude wohne) kein Genre von vornherein ausschließe. Außer Volksmusik/Schlager und so ziehmlich jede Art von house es sei denn ich hab 2 Pro mille oder mehr.(Gegen elektonische Musik mit Anspruch hab ich nichts einzuwenden).