laut.de-Kritik

Melancholische Gedanken eines alten Seebären.

Review von

Der gebürtige Schleswig-Holsteiner Achim Reichel zählt zu den produktivsten Musikern hierzulande. Trotzdem ließ er sich für "Raureif" allerdings 16 Jahre Zeit. Zuletzt enthielt "Entspann Dich" von 1999 wirklich brandneues Material. Die Alben der Zwischenzeit behandelten in erster Linie Umsetzungen klassischer Lyrik und traditioneller Volksmusik. Nicht verwunderlich also, dass diese Gewichtungs-Phase auch auf dem dem neuen Werk Spuren hinterlassen hat.

Mit "Dolles Ding" ist man gleich mittendrin im so typischen Reichel'schen Storytellerland, hier mit der Geschichte um eine nächtliches Ampelrot-Verkehrsdelikt mitsamt allen Blaulicht-Folgen. Musikalisch bettet Reichel das Ganze in einen launigen Mix aus erdigem Rumpel-Rock mit Folk-Anleihen.

Das musikalisch und atmosphärisch hintergründig lauernd inszenierte "In Der Hängematte" vermengt wirkungsvoll Blues mit Folk. Den irdischen Evolutions-Werdegang mitsamt "Amöben und Mikroben" skizziert Reichel in "Junge Götter" anhand fabulierfreudiger Wortspiele mitsamt fidelen irischen Flöten. "Halt Die Welt An" gönnt sich einen relaxten Reggae-Ausflug.

"Raureif" punktet nicht zuletzt mit der Qualität seiner Texte. Längst hat sich der Wahlhamburger zu einem treffsicheren, eigenständigen Autoren entwickelt. Die Lehrjahre mit den Schriftstellern Kiev Stingl und Jörg Fauser wirken positiv nach. Der gemeinsamen Arbeit mit dem zu früh verstorbenen Fauser entstammen die Lyrics zu "Das Herz Der Dinge (Wach Auf, Wach Auf)" aus den Achtzigern, die nun erstmals ihre Veröffentlichung erfahren. Stingl ist an zwei Titeln beteiligt ("Der Harte, Kleine, Schnelle" und "Der Abschiedsbrief").

Wer so lang im Geschäft ist, darf sich auch einmal selbst zitieren. Wenn das so offensichtlich selbstironisch-augenzwinkernd geschieht, wie beim im besten "Kuddel Daddel Du"-Fahrwasser paddelnden "Ole Pinelle", erscheint Herumkritteln überflüssig. Die Vermengung von Haifischbar-Attitüde mit tiefen Griffen in die Seemannskisten-Romantik glückt Reichel ohnehin häufig authentischer und glaubwürdiger als den Kollegen von Santiano. Für diesen Titel bediente sich Achim im Fundus von Hans Albers-Songschreiber Fritz Graßhoff.

Alljährlich, in der ersten Augusthälfte, kreuzt der Perseiden-Meteorstrom unsere Erdumlaufbahn, und sorgt am Himmel für beeindruckende "Sternschnuppen"-Nächte. Grund genug also, auch darüber einmal einen Song zu schreiben. Mit dezentem Country-Flair unterlegt, gelingt dem Barden dazu ein stimmungsvoller Titel mit poetisch angehauchten Erkenntnissen. Denn "es ist die Nacht / die zaubern kann", in solchen Momenten. Die wirkt Wunder: "Wenn im Himmel Jahrmarkt ist / wird mancher Pechvogel vom Glück geküsst." Auf die "kosmischen Kuriere" ist schließlich von Alters her Verlass.

Das rock'n'rollige "Der Harte Kleine Schnelle" thematisiert die unter der Oberfläche versteckten Probleme eines Fußball-Bundesliga-Stars. Die Nummer reiht sich ein Reichels Song-Tradition über innerlich zerrissene Charaktere wie einst "Der Spieler" oder "Boxer Kutte". "Halluzination" gefällt als entspannt daher treibender Midtempo-Song samt effektvoll eingestreuter Synthesizer-Orgel.

Die emotionale und intensive Ballade "Reise Reise (Die Segel Der Erinnerung)" schrammt knapp am potenziellen Hit vorbei. Die melancholischen Gedanken eines alten Seebären schnürt Achim in den Strophen musikalisch wie textlich kunstvoll und packend zusammen, doch ausgerechnet hier fällt die Refrainführung melodisch zu trivial und schlicht aus.

"Raureif" ist ein auf den ersten Hör-Durchgang unspektakuläres, aber danach höchst respektables Album, das sich mit stetigen Stilwechseln geschickt einer eindeutig klaren Zuordnung in Genres wie Folk, Pop und Bluesrock entzieht. Was so andererseits natürlich für viel Hör-Abwechslung sorgt.

Reichels markante Nichtsingstimme vermittelt dabei Leben pur, inklusive nicht unsymphatischen gelegentlichen Nuschel-Momenten und seiner sowieso immer wepsig-kabbeligen Gesangsanlage. Ein würdiges Alterswerk, obwohl man immer nicht recht glauben mag, dass der Ex-Rattle tatsächlich schon auf 71 Lenze zusteuert.

Trackliste

  1. 1. Dolles Ding
  2. 2. In Der Hängematte
  3. 3. Herz Der Dinge (Wach Auf, Wach Auf)
  4. 4. Halluzination
  5. 5. Ole Pinelle
  6. 6. Halt Die Welt An
  7. 7. Sternschnuppen
  8. 8. Es Geschah Am Helllichten Tag
  9. 9. Der Harte, Kleine, Schnelle
  10. 10. Junge Götter
  11. 11. Marianna
  12. 12. Reise Reise (Die Segel Der Erinnerung)
  13. 13. Der Abschiedsbrief

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