laut.de-Kritik

Der unantastbare Rocky wankt.

Review von

A$AP Rocky war die längste Zeit unantastbar. Mit "Live.Love.A$AP" 2011 legte er mit derartiger Selbstverständlichkeit Vertrauen in die eigene Vision und Fähigkeit an den Tag, dass niemand so recht auf den Gedanken kam, an ihm zu zweifeln, an diesem Typen, der für die kommenden Jahre zum Emblem dessen werden sollte, was Stil, Fashion und Coolness für eine neue Rapper-Generation bedeuten.

Doch genau an diesem Punkt stehen wir heute. "Long.Live.A$AP" löste Erwartungen nicht komplett ein, "At.Long.Last.A$AP" enttäuschte regelrecht. Jetzt liegt es mit "Testing" am dritten Studioalbum, das Feuer zurückzubringen, das die charakteristische Arroganz über die Jahre seiner Karriere gerechtfertigt hat.

Experimenteller geht es dafür auf der neuen Platte zu. Das Tape präsentiert eine Palette prominenter Gäste und entwickelt sich darüber hinaus zu einer gigantischen Collage an Sounds, Ideen und Strömungen. Auch wenn sie nie komplett zusammenzufinden scheinen, bleiben Ästhetik und Songwriting doch zumindest stets überraschend und frisch.

Der Opener "Distorted Records" fängt die Energie von "Pesos" ein und reichert sie erfolgreich mit den gekrümmten und übersteuernden Bässen von Soundcloud-Produzenten wie Ronny J oder Pi'erre Bourne an. Ein Vibe, der auf vielen der Trap-orientierten Nummern der Platte zu finden ist. "Gunz N Butter" verneigt sich zwar gleichzeitig mit Juicy J-Feature und Project Pat-Sample vor der Memphis-Szene, flirtet aber auch mit den eklektischen Synth-Chops, die zuletzt eher Lil Uzi Vert oder Playboi Carti verwendeten.

Letzterer taucht übrigens auf dem Track "Buck Shots" auf und versüßt einen exzentrischen Sirenen-Beat mit einer der wildesten Vocal-Performances des Albums. Denn selbst wenn die intensiven 808s, Synths und die stets variierenden Samples immer wieder Tempo und Charakter anziehen, bleibt Rocky in seinen Verses selbst zurückhaltend. Performances wie auf "Goldie", "Excuse Me" oder "Pesos" sucht man vergebens, dafür geraten Eigenbeiträge des Protagonisten gerade auf Featurenummern wie "Praise The Lord" oder "Fukk Sleep" ernüchternd schnarchig.

Am ehesten in Fahrt kommt Rocky noch auf "A$AP Forever", wo er die Lines zumindest in einem angeregten Triplet-Flow über das Moby-Sample schmettert. Ein ziemlicher Volltreffer, auch wenn die Single-Version ohne den eher mediokeren Kid Cudi-Verse und die holprige T.I.-Einleitung nochmal mehr Drall hatte.

Dieser Zustand führt dazu, dass die eigentlich interessant strukturierten und ideenreichen Banger trotz Beatwechseln über Beatwechseln und stetiger Variation an allen Fronten immer wieder Längen zeigen. Der Mittelteil fühlt sich dröge an, auch das Ende hat trotz vieler starker Momente seine uninteressanteren Passagen. Viele der besagten starken Momente stammen zudem eher von den Gästen oder der Produktion statt von A$AP selbst.

So gerät der via Telefon aus dem Gefängnis gesungene Verse von Kodak Black unerwartet ergreifend, FKA Twigs zerlegt mit ätherischen Vocals ihre viel zu kurze Bridge, BlocBoy JB stellt die Adlibs des Albums, und auch Dev Hynes liefert auf "Hun43red" eine ziemlich intensive Performance ab. Lediglich Skepta enttäuscht mit einem der simpelsten und austauschbarsten Titel der Platte, und auch der dreimal auftauchende Frank Ocean bleibt mit einer Ausnahme eher unter seinen Möglichkeiten.

Dieses eine Mal allerdings liefert den fantastischen Schlusstrack "Purity", auf dem er mit Rocky auf einem psychedelisch gedrehten Lauryn Hill-Sample spittet und wo auch Flacko selbst endlich eine passende Form findet. "Lose someone every release", tönt er da wie zur Krönung der verwundbaren letzten drei Tracks. Er klingt erschöpft, paranoid und verunsichert, ein totaler Kontrast zu den bisher eher matten und farblosen Beschwörungen der eigenen Unbesiegbarkeit.

Leider kommt dieser Moment der Ehrlichkeit – so potent und erfrischend er auch wirken mag – zu spät. Denn so gut "Purity" oder "Changes" funktionieren, so introspektiv und eindrucksvoll die Lyrics über eine verflossene Liebschaft oder über Selbstzweifel hier aufblühen, zeigen sie auch, was sich auf "Testing" ohnehin abgezeichnet hat: Rocky wankt. Trotz der unzähligen Ansätze, dies mit triumphalen Hymnen ("A$AP Forever"), primitiven Bangern ("Tony Tone", "Praise The Lord") oder experimentellen Interludes ("Calldrops", "Brotha Man") zu kaschieren, wird klar, warum er textlich und stimmlich nie komplett in seinem Mojo zu sein scheint.

"Testing" ist ein schräges Album mit ebenso viel Licht wie Schatten, das vermutlich wie kein anderes klingt, das in den letzten Jahren erschienen ist. Musikalisch haut der Einstieg gut auf den Putz, die Produktion schießt mit teuren und vielfältigen Samples aus allen Rohren, die stetige Variation und die unaufhörlichen Beatbreaks halten das Tape interessant und aufregend. Nur Rocky kommt, mit wenigen Ausnahmen, erst zum Ende hin wirklich in Einklang damit, was er eigentlich ausdrücken und welche Emotionen er abrufen will. Bis dahin tritt er mit halbgaren Flows und austauschbaren Lyrics neben sich und lässt die Magie vermissen, die ihn eigentlich zu so einem beeindruckenden Performer macht.

Trackliste

  1. 1. Distorted Records
  2. 2. A$AP Forever Remix (feat. Moby, T.I. & Kid Cudi)
  3. 3. Tony Tone
  4. 4. Fukk Sleep (feat. FKA Twigs)
  5. 5. Praise The Lord (Da Shine) (feat. Skepta)
  6. 6. Calldrops (feat. Kodak Black)
  7. 7. Buck Shots
  8. 8. Gunz N Butter (feat. Juicy J)
  9. 9. Brotha Man (feat. French Montana)
  10. 10. OG Beeper
  11. 11. Kids Turned Out Fine
  12. 12. Hun43rd
  13. 13. Changes
  14. 14. Black Tux, White Collar
  15. 15. Purity (feat. Frank Ocean)

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14 Kommentare mit 12 Antworten

  • Vor einem Jahr

    At.Long.Last.A$AP war eine Enttäuschung? Das war das beste album der 2010er bisher!

    Neues Album gefällt auch, ist aber an manchen Stellen etwas zu wirr geraten und hat mit OG Beepers meiner Meinung nach auch einen Totalausfall mit drauf.

  • Vor einem Jahr

    Meiner Meinung nach hat er sich bisher immer toppen können, sich nie wiederholt. Das Mixtape 2011 war gefühlt die Zündung für so viele strömungen die danach kamen. Ich hatte bis dato noch nie sowas gehört. Das Debüt 2013 war dann vom Sound ganz anders, besser ausproduziert, dem Übertrack "Goldie" und ein paar ekeligen Hitsingles. Das dritte 2015 dann die artsy Platte, mit einem gelungenen Mix aus Boombap und 808, bis jetzt meine Lieblingsplatte von ihm.

    Dieses Album zündet nicht. zu viele längen, zu wenig präsenz, selbst die Produktion an manchen stellen zu zeitgeist. Die Coolness zerfliesst. Highlights gibt es, aber die durststrecke dazwischen macht es kaum durchhörbar. Hatte relativ hohe Erwartungen.

    3/5 Passt.

    Favoriten: Hun43rd, Praise Da Lord, Tony Tone, Buck Shots

  • Vor einem Jahr

    Bin mit der Rezension so gar nicht einverstanden. Hier und da schwächelt die Platte, aber welche tut das nicht. Ich finde vor allem die Vielfalt außergewöhnlich gut. Asap war schon immer ein experimenteller Künstler. Er versucht nicht verkrampft anders zu sein, er ist anders alle anderen. Und das ist gut so. Ich habe die Scheibe jetzt sicher schon mehr als 10x von vorn bis hinten durchgehört. Es dauert ein wenig bis man sich mit dem Spektrum anfreundet u. zurecht findet. Aber dann zündet das Album so richtig. Etwas verwirrt bin ich hingegen schon. Seit wann gelten ''LongLifeAsap'' u. AtLongLastAsap'' als enttäuschend? Das wäre mir neu. Vor allem interessant weil ja beide Alben von Laut.de selbst mit 4 Sternen bewertet wurden. Passt irgendwie nicht in den Kontext. Eigentlich kann man nur Alben die mit unter 3 Sternen bewertet werden als einen Flop bezeichnen.

    Für mich ist klar. Das Album bekommt 5 Sterne. Wie auch alle anderen von Asap.

  • Vor einem Jahr

    Diesen Rotz feiert man halt in Stuttgart und Umgebung. :lol: :lol:

  • Vor 11 Monaten

    Dieser Kommentar wurde vor 11 Monaten durch den Autor entfernt.

  • Vor 11 Monaten

    Ich habe eine sehr gemischte Meinung zum Album. Teils ist es großartig innovativ, teils um Jahre zurückgeblieben.
    An manchen Stellen kommt der künstlerische und experimentelle Anspruch Flacko Jodyes sehr gut und gefällig zum Vorschein, an anderen wiederum klingt die Musik sehr uninspiriert und er selbst gelangweilt wie lange nicht mehr. Deshalb gibt es von mir 3/5 Sterne.
    Wenn die Deluxe-Version tatsächlich kommen sollte, gebe ich gerne mehr, denn die Snippets zu bis jetzt unveröffentlichten Beats waren wirklich erste Sahne.