18. Juni 2007

"Bono und Geldof sind fucking idiots"

Interview geführt von

Man würde zwar gern einmal mit Christina Aguilera kooperieren, hat aber andererseits vor der Veröffentlichung des zweiten Albums diverse Majorlabels abblitzen lassen. Das Quartett setzt lieber auf Mund-zu-Mund-Propaganda, den kleinen Indie Monotreme und seine eigene Firma Dustpunk Records.Die unermüdlichen Großtäter aus Sheffield zogen dieser Tage durchs Land. Zwischen Tourbustür und Hinterzimmer-Catering nahmen sich Paul Wolinski, Rob Jones und Joe-Fro die Zeit, im Email-Interview ausführlich auf Fragen zum neuen Album, der Drum'n'Glitch-Szene, wodkagetränkten Russlandtrips und der Politik des Alltags einzugehen. "Gegenstandslose Gedanken sind schlimmer, als gar nicht zu denken", zitiert Paul. Nicht, dass die Band zur Risikogruppe zählen würde ...

Eure Show letzten Mai im Kölner Blue Shell war unglaublich. Mit das beste Konzert, das ich 2006 sehen durfte. Woher nehmt ihr diese fieberhafte Energie? Wie erreicht ihr jeden Abend euer Limit?

Paul: Ganz einfach: Wir dürfen Teil dieser Band sein, und das ist der beste Job auf der Welt! Wir nehmen die Verantwortung, dem Publikum eine gute Show zu bieten, ziemlich ernst. Deshalb legen wir in jeden einzelnen Auftritt so viel Nachdruck wie möglich. Bei Gigs wie dem im Blue Shell letztes Jahr ist es sogar noch besser, weil der Club so klein und intim und die Zuschauer voll dabei waren. In solchen Momenten geben wir mehr als 100 Prozent.

Joe: Vor Publikum zu stehen ist schon an sich die denkbar beste Motivation. Wenn uns in letzter Zeit etwas wirklich klar geworden ist, dann die Tatsache, dass die Kontrolle über einen Auftritt tatsächlich bei den Zuschauern liegt. Und weil wir einen Großteil der Songs nun schon eine ganze Weile spielen, kennen wir sie so gut, dass wir Abend für Abend einen hohen Standard bieten können. Wir schreiben die Stücke gemeinsam, sie bedeuten uns eine Menge. Sie sind wahrscheinlich die aufrichtigste wortlose Ausdrucksform, die uns zur Verfügung steht. Wir versuchen, jede Show so anzugehen, als wäre es unsere letzte. Wenn dann außerdem auch das Publikum reagiert, ist das fast schon eine Garantie für ein noch besseres Konzert. Wir sehen die Leute definitiv lieber tanzen als rumstehen. Die Zuschauer zum Tanzen zu bewegen, ist eine große Motivation für uns, so laut und kraftvoll wie möglich zu spielen.

Es gibt da draußen nicht viele Bands, die ihren Terminkalender so konsequent nach dem Tournee-Studio-Tournee-Prinzip ausrichten. Bleibt da eigentlich noch Raum für ein Leben abseits der Musik?

Paul: Wir bewahren uns unser kleines Stück Privatleben, indem wir uns auf Tour nur in Jokes unterhalten und unsere echten Gefühle tief drinnen verstecken, bis sie eitern und zum großen Übel heranwuchern. Weil wir nun schon lange in der Band sind, handelt es sich bei unseren engen Freunden meist im Leute, die in irgendeiner Weise mit 65daysofstatic in Zusammenhang stehen. Das ist nicht das Schlechteste ... Was die Frage nach Momenten angeht, in denen wir nicht mit Musik beschäftigt sind: Da bin ich unsicher. Ich verstehe Musik nicht mehr. Ich schätze, wir sind der Musik verfallen, stecken jetzt darin fest und finden keine Möglichkeit mehr, wirklich zu verstehen, was tatsächlich gerade angesagt ist.

Rob: Wenn du Teil einer Band bist, widmest du dich ihr mit totaler Hingabe. Ich kann mir vorstellen, dass das für diejenigen Leute ziemlich frustrierend ist, mit denen du dich außerhalb dieses Kontextes umgibst. Manchmal kann dich das beinahe aufzehren. Aber ich glaube, es ist eine gute Sache. Wir haben uns bei all unseren Freunden dafür entschuldigt, und zwar auf die einzige uns vertraute Art: mit einer Platte namens "How I Fucked Off All My Friends".

Ist das Herumreisen von Stadt zu Stadt für euch vor allem Mittel zum Showzweck, oder gehört der ständige Ortswechsel ganz bewusst zum Lebensstil? Geht es euch also auch um Horizonterweiterung?

Paul: Die Möglichkeit Shows zu spielen, steht für uns auf jeden Fall an erster Stelle. Das Reisen gehört eben dazu, denn wenn wir uns nicht gerade zu einem Musical umfunktionieren würden, um jeden Tag am gleichen Ort aufzutreten, gäbe es uns wohl nicht mehr lange. So wie "Cats". Oder "Joseph & His Technicolour Dreamcoat". Das wäre eigentlich auch ganz cool. Dazu kommt, dass ich als Engländer jedes Mal ganz demütig werde, wenn wir den Kanal überqueren und Festland-Europa betouren. Das ist immer wieder fantastisch.

Rob: Wir haben das große Glück der vollen Kontrolle über alles was wir tun. Wir haben uns dafür entschieden, in einem Van mit unserem Equipment umherzureisen, was uns die Chance gibt, alle Städte anzuschauen, in denen wir spielen. Eine Menge Bands machen das nicht. Reisen gehört zu den wichtigsten Erfahrungen, die ein Mensch haben kann. Uns steht diese Möglichkeit offen, gleichzeitig dürfen wir unsere Musik spielen. How cool is that?!

Es gibt eine Vielzahl an Gerüchten über eure Gründung. Zum Beispiel die Geschichte, dass ihr angeblich zusammengefunden habt, um den Soundtrack zum nie veröffentlichten John Carpenter-Film "Stealth Bomber" zu schreiben ...

Paul: Wir wurden schon unzählige Mal beschuldigt, diese Gerüchte in die Welt gesetzt zu haben, aber das stimmt nicht. Ich habe auch von dieser "Stealth Bomber"-Sache gehört, aber ich bin nicht sicher, worum es da genau geht. Ein Fan kam einmal nach einem Gig zu mir. Er kannte die komplette Hintergrundgeschichte über einen abgebrochenen Carpenter-Film in Alaska. Der Streifen verzichtete auf sämtliche Special Effects und soll angeblich auf Betamax-Video erschienen sein... Ich hätte liebend gern ein Exemplar in meinem Besitz. Tatsächlich geht 65daysofstatic auf den CIA-Coup von 1954 in Guatemala zurück. Der Dienst setzte damals das Weißbuch in die Praxis um, wonach es genügt, für 65 Tage den Radioempfang zu stören und parallel dazu fingierte Propaganda zu verbreiten, um sämtliche Staatseinrichtungen zu destabilisieren.

"Unsere Songs sind die aufrichtigste Ausdrucksform, die uns zur Verfügung steht"


Ihr habt einmal in Bezug auf "One Time For All Time" erklärt: "These are songs with no words, but they are screaming." Existiert ein übergeordneter Gedanke, der eurem gesamten Output vorsteht?

Paul: Ich denke schon. Wenn wir Songs schreiben, treiben wir ein Stück immer vorwärts, bis sie dieses spezielle Gefühl von Dringlichkeit besitzen. Ein eher undeutliches Gefühl wie jenes, dem wir stets nachjagen, besitzt hoffentlich die Qualität, ganz universell in all unseren Tracks zu stecken – ohne dass alle Songs gleich klingen. Bis zum aktuellen Album fragten wir uns manchmal, ob es unser Ziel als Gruppe sei, diesen einen, perfekt umgesetzten Song einzufangen. Heute bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Ihr habt eure letzte Platte als eine Mixtur aus Konfusion, Schuld, Erschöpfung und Wut bezeichnet. Beschreibt das Leitmotiv von "The Destruction Of Small Ideas" mit wenigen Worten.

Paul: Eine Mischung aus Konfusion, Schuld, Erschöpfung, Wut, blinder Zuversicht und blinder Angst.

Rob: Sorgen, Auseinandersetzungen, Missverständnisse, Freude. Und wieder von vorne.

Was versteht ihr unter einer "small idea"?

Paul: Nützlich zu sein?

65daysofstatic machen sehr eskapistische Musik. Strebt ihr danach, eine Art zeitlos gültigen Sound zu finden? Etwas, das vom unmittelbaren Albumkontext losgelöst betrachtet werden kann und für sich steht?

Paul: Ich glaube, die Antwort darauf lautet "ja". Wir wollen allerdings auch gar keinen Fall den Eindruck hinterlassen, unsere Musik sei irgendwie wertiger als andere, nur weil sie etwas "ernsthafter" oder heavier klingt als das letzte super durchproduzierte Popalbum. Das ist die Art von Musik, die unmittelbar aus uns herauskommt, und damit wollen wir so viele Menschen wie möglich berühren. Daher haben wir uns immer bemüht, unseren Sound bei aller Einzigartigkeit so direkt und zugänglich wie möglich zu halten. Wenn aber jemand, der unsere Alben besitzt, morgens aufwacht und die Avril-Platte auflegt, könnte die Wirkung auch ähnlich ausfallen, schätze ich.

"Destruction" scheint mir mehr denn je den Moment zu zelebrieren, bevor die Achterbahn das erste Mal in die Tiefe stürzt. Was ist euch wichtiger: Die Spannung vor dem ersten Höhepunkt möglichst lange aufrechtzuerhalten, oder mehr das Up & Down der Fahrt?

Paul: Man kann das nicht völlig voneinander trennen. Je länger der Anstieg dauert, desto höher bist du, bevor du fällst. Desto mehr hast du zu verlieren. Aber ich weiß es nicht genau. Was ich dir sagen kann ist, dass wir als Band Tracks niemals derart angehen. Wir sind argwöhnisch gegenüber "Künstlern", die sich selber als solche bezeichnen. Wenn Leute in der Lage sind, die Eingebungen und Gedanken, die hinter den Ideen stehen, angemessen zu beschreiben – welchen Wert besitzt da noch die vordergründige Idee? Was genau macht so ein "Künstler" dann eigentlich? Während wir diese Songs geschrieben haben, trieben wir uns selbst schonungslos dazu an, die Songs auf ein neues Level zu bringen. Darin darf jeder lesen, was er für passend hält.

Ihr habt beim Mastering einen mutigen Schritt gemacht: Anstatt wie sonst üblich die Gesamtlautstärke des Albums in jedem Augenblick auf Maximum zu drehen, habt ihr euch auf die Dynamik konzentriert. Ruhigere Momente sind diesmal in der Tat leiser, explosive Stellen wirken dadurch noch kontrastreicher. Allerdings kommt dieser Gegensatz vor allem bei aufgedrehter Anlage zum Tragen und geht bei Zimmerlautstärke ziemlich unter.

Paul: Uns war klar, dass es ein Risiko bedeuten würde, das Album genau so aufzunehmen. Wir sehen jetzt, dass wir damit gespaltene Meinungen hervorgerufen haben. Wenn die Leute "Destruction" wegen fehlendem Punch nicht mögen würden, wäre das äußerst schade. In den Liner Notes empfehlen wir ausdrücklich, die Lautstärke nach oben zu regeln. Ich würde allerdings dennoch nicht sagen, dass der Hörer es komplett falsch versteht, wenn er das nicht tut. Uns war wichtig ein Album aufzunehmen, dass nicht dem gleichmacherischen Standard-Mastering und den Radio-Kompressionsverfahren unterliegt, unter denen kommerzielle Musik so leidet. Wir haben das jedoch nicht getan, bloß um ein Statement zum aktuellen Stand der Popmusik abzugeben und sagen zu können: 'Wenn ihr es nicht mögt, habt ihr halt nicht verstanden, was wir tun'. Wir haben es getan, weil wir der Überzeugung sind, dass Musik bei hoher Lautstärke und mit großer dynamischer Bandbreite besser klingt als Musik, die stoisch nur ein Level hält.

Rob: Des Weiteren kann man so jeden Songteil eindeutig verorten. Alle Instrumente wirken zusammen, aber ein gewisser Grad der Unterscheidung bleibt. Freut mich, dass du zwei verschiedene Hörerfahrungen hattest. Es ist wichtig, eine CD nach einiger Zeit wieder einlegen zu können und ein völlig anderes Hörerlebnis haben zu können. Darin liegt die Schönheit des Musikaufnehmens.

Das Album hat auch etwas sehr Definitives an sich. Als hättet ihr in den letzten Jahren gezielt auf genau diesen Sound zugesteuert: Breitere Klangwelten, weniger Stop'n'Go, mehr Pianos, Streicher, Layers…

Paul: Es war das erste Mal, dass wir die Gelegenheit hatten, ein Album als eine in sich geschlossene Einheit zu schreiben. Die zwei Vorgänger starteten beide ursprünglich als EPs und wurden in sehr kurzer Zeit aufgenommen. Diesmal fingen wir mit leeren Händen an – im Bewusstsein, dass wir ein Songset zusammenbekommen müssen, das als ganzes Album funktioniert und anschließend im größeren Studio mit viel Zeit für Details eingespielt werden kann. Wir haben von Anbeginn darauf gezielt, mehr richtige Instrumente einzubringen, und wir wollten Band und Programming noch viel stärker verschmelzen als zuvor. Ich hoffe sehr, dass das Album weiter klingt, gewichtiger. Obwohl es nicht unbedingt so angelegt war, fühlt sich "Destruction" heute nach einer Art Abschlussarbeit für die ersten drei LPs an. Sozusagen eine Dokumentation unseres Lernprozesses, diese Integrationsleistung zu vollbringen. Möglicherweise können wir jetzt, wo wir den ersten Schlusspunkt gesetzt haben, zu etwas völlig anderem weiterziehen?

Glaubt ihr denn, euer Sound kann nun überhaupt noch größer, monumentaler, weiter werden? Welche Richtung schlagt ihr als nächstes ein?

Paul: Was ich an unserer Band mit am meisten schätze, ist die Fähigkeit, sich in jede gewünschte Richtung weiterentwickeln können. Ich mache mir keine Sekunde Gedanken, dass wir unsere Fähigkeiten und Ideen aufgebraucht haben könnten. Wenn dieses Album tatsächlich klingt, als brächten wir etwas zu einem Ende, dann bedeutet das letztendlich bloß, dass das, womit wir als nächstes aufwarten, etwas absolut Exzeptionelles sein muss.

Steht ein fundamentaler Richtungswechsel bevor?

Paul: Ohne jeden Zweifel.

Rob: Wenn ich mich durchsetze, besteht unser nächster Output aus 30 Minuten Drone.

Befürchtet ihr, dass der Überraschungseffekt eures Drum'n'Glitch-Sounds irgendwann verloren gehen könnte? Und wie vermeidet ihr songwriterische Routine?

Paul: Unser Songwriting betreffend gibt es bei 65daysofstatic keinerlei Routine. Das Problem stellt sich demnach nicht. Jedes Musikgenre wird eines Tages alt, vielleicht auch unmodisch. Dieser Umstand macht die Musik allerdings nicht weniger gut. Die Pixies brennen ihr Feuerwerk nach wie vor in aller Ehrlichkeit ab, oder? Die Drums am Anfang von "Bone Machine" erfüllen mich nach wie vor mit Begeisterung. Alles ist ein Kreislauf. Aber 65daysofstatic galten noch nie als cool, deshalb brauchen wir uns über Mode keine Sorgen zu machen.

"Wir stecken alle in einem Sicherheitsnetz"


Graut euch jemals vor der Zukunft? Eurer ganz persönlichen und die der Menschheit ganz allgemein?

Paul: Zweimal ja.

Rob: Was sagte Gandalf noch mal: "You have to do what you can with the time you've got". Mir gefällt das. Fatalismus.

Das Booklet erwähnt das Aufkommen einer Krankheit. Bezieht ihr euch da auf so etwas wie das Jüngste Gericht, die Apokalypse?

Paul: Nein. Viel zu viele Menschen mit großer Macht glauben, dass eine Art Judgement Day bevorsteht. Das ist in meinen Augen eine furchtbare und feige Art, sich vor der Verantwortung für seine eigenen Handlungen zu drücken. Die einzige Zerstörung, die auf uns zukommt, ist unter Garantie menschengemacht, was bedeutet, dass es in unsere Zuständigkeit fällt, den Ruin zu verhindern. Das Booklet versucht zu sagen, dass uns allen, die wir in Bands spielen oder Musik lieben und per Zufall in diese reiche westliche Welt hineingeboren wurden, die Möglichkeit offensteht, CDs zu kaufen, sie anzuhören, zu Konzerten zu gehen. Jeder lebt sein Leben und kämpft mit eigenen Schwierigkeiten. Das ist auch vollkommen in Ordnung so.

Doch im Zuge unseres Daseins im Kontext 65daysofstatic werden wir uns Tag für Tag bewusster, dass unsere Welt nicht der realen Welt entspricht. Wir stecken in einem Sicherheitsnetz, das uns vorenthält, was tatsächlich auf der Welt vor sich geht. Nämlich dass der bei weitem überwiegende Teil der Menschheit für unseren westlichen Lebensstil machtlos gehalten wird. Während ich diesen Text schreibe, trage ich ein Shirt einer großen Bekleidungskette, das vermutlich von chinesischen oder indonesischen Kindern hergestellt wurde. Meine preiswerte Sonnenbrille stammt ebenfalls aus China.

In meinem Laptop steckt vermutlich Nickel aus Minen in Südafrika oder Asien, die von Söldnern und Milizen betrieben werden. Für diese Europatour sitze ich in einem Van, der Benzin schluckt, das in US-Dollars gehandelt wurde – eine ausfallsichere Rücklage, die der US-Regierung gestattet, Billionen in militärische Übermacht zu investieren und paradoxerweise zugleich der meistverschuldete westliche Staat zu sein. Jene Investitionen wiederum erlauben den USA, Organisationen wie die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds zu kontrollieren, die ihrerseits sicherstellen, dass die armen Länder auch arm bleiben.

Für uns vor Ort ist alles okay, weil wir darauf konditioniert sind, die Realität nicht zu sehen. Ob es uns nun gefällt oder nicht: Im Zuge des Klimawandels und abnehmender Ressourcen verschwinden die Grenzen zwischen unserer und der realen Welt immer mehr. Diese Krankheit wird uns früher oder später definitiv heimsuchen. Es liegt an uns, entweder wie zivilisierte Menschen die Augen zu öffnen oder die Köpfe in den Sand zu stecken und ohne nachzudenken zu konsumieren.

Im Booklet ist auch ein Foto von einem Baby abgebildet. Steht das Kind ganz generell für euren Wunsch Spuren zu hinterlassen? Habt ihr selber konkrete Nachwuchspläne?

Paul: Keine Ahnung. Alles was ich weiß ist, dass ich zum jetzigen Zeitpunkt meines Lebens kein allzu verantwortungsvoller Vater wäre.

Rob: Man kann es auch als ein Zeichen der Hoffnung sehen. We just think babies are cool.

Der Songtitel "When We Were Younger And Better" bringt mich auf die Frage, was Älterwerden für euch bedeutet. Haltet ihr den Austausch von Jugend und Energie gegen Alter und Weisheit für fair?

Paul: Ich meine, es war Oscar Wilde, der den Spruch "Youth is wasted on the young" prägte. Ich bin mir nicht sicher, ob ich darüber hinaus mit Oscar Wilde übereingehe, aber diese Aussage macht für mich Sinn. Halte ich das für eine faire Balance? Das Älterwerden passiert von ganz allein, oder? Also ist es wohl das Beste, einfach nicht zu viel Zeit damit zu verschwenden, darüber nachzudenken. "Gegenstandslose Gedanken sind schlimmer, als gar nicht zu denken". Irgendeine andere berühmte Person sagte das einst, ich weiß nicht wer. Sagen wir der Vollständigkeit halber, es war Jerry Bruckheimer.

Ihr behauptet von euch, den Glauben in eure Fähigkeit verloren zu haben, die Welt zu verändern. Wann, wie und warum ist das passiert? Wie geht ihr mit diesem Verlust um?

Paul: Zu sehen, wie Leute wie Bono und Bob Geldof die Sache völlig missverstehen, etwa mit ihrer RED-Kampagne ('Buy more to save people!'), macht mich peinlich berührt, überhaupt Sonnenbrillen zu tragen und in einer Band zu sein und über "important stuff" zu reden. Fucking idiots. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dazu beitragen zu können, die Welt zu verändern. Jeder kann das. Nur nicht auf diese Superhero-Art. Wir möchten immer noch die bedeutendste Gruppe auf der Welt sein, und wir arbeiten immer noch darauf hin. Der Unterschied liegt vielleicht daran, dass, falls wir jemals an diesen Punkt gelangen (Ich habe gerade "if we get there" statt "when we get there" geschrieben. Ich werde wohl alt), wir unsere Zeit nicht damit verschwenden werden, Premierminister zu treffen. Wir werden dann ganz simpel unsere Millionen Pfund in die Taschen derjenigen füllen, die wirklich wissen, wovon sie reden.

Was hat es mit dem Songtitel "Music Is Music As Devices Are Kisses Is Everything" auf sich?

Paul: Der Satz hat viele verschiedene Bedeutungen. Er referiert auf Geheimnisse und Wahrheiten… während wir uns den Kopf über diese zerfallene Welt zerbrechen, sind in Wirklichkeit Musik, Familie und Mädchen küssen oft genug der wichtigste Teil eines 65-Tages.

Von Kindern und dem Ende der Welt zu harten Drinks: Erzählt mir von eurer letzten "Eastern European Dance Party".

Paul: Das war in Moskau im drei Uhr morgens in einer verlassenen Industrieanlage. Gruselige Typen in illegalen Taxis fuhren uns dorthin. Der Raum lag im dritten Stock und fasste ca. 30 Leute. Ungefähr 15 Personen waren anwesend, die Hälfte von ihnen besinnungslos auf schwersten Beruhigungsmitteln. 65 tranken ein paar Wodka und verschwanden wieder. Wir werden niemals auf die coolen Partys eingeladen…

Auf der Remixplatte "How I Fucked Off All Of My Friends" habt ihr bereits Christina Aguilera-Samples benutzt. Ist damit euer früher geäußerter Wunsch befriedigt, mal mit ihr zu arbeiten? Oder wollt ihr sie nach wie vor mal featuren? Wie sähe der Song aus?

Paul: Would love to. Sie ist in unseren Augen ein wenig in Ungnade gefallen seit sie diese Kollaboration mit Nelly gemacht hat vor ein paar Jahren. Das war grauenhaft… Aber wenn sie mit uns arbeiten wollte, würden wir alles daran setzen, den großartigsten 3-Minuten-Popsong aller Zeiten zu schreiben. Es wäre eine Kreuzung aus "Firestarter" von Prodigy und "Girlfriend" von Avril Lavigne.

Auf der letzten Tour hattet ihr eine feine Videoshow im Gepäck. Wie sehen die Visuals diesmal aus?

Paul: Da wirst du abwarten und es dir selbst anschauen müssen. Wir haben aktuell drei Monate verwirrendster und ärgerlichster technischer Störungen hinter uns. Deshalb können wir es uns gerade nicht leisten, auf Tour Visuals zu bringen. Wir sind eben keine reiche Band. Man kann von uns wie immer maximalen Einsatz erwarten. Rechnet damit, dass eure Ohren danach einige Tage nicht richtig funktionieren.

Letzte Frage: Ihr bringt in unregelmäßigen Abständen auf Konzerten die halblegalen "Unreleased"-EPs unter die Leute. Wo kommt man heute an älteres EP-Material von 65?

Paul: Dafür checkst du am besten unser offizielles Forum auf 65daysofstatic.com. Die Leute tauschen dort die ganze Zeit Zeug von uns. Wenn wir es denn wiederfinden, laden wir demnächst auch das dazugehörige Artwork zum Download hoch.

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