In den USA bemüht sich MTV noch um die Gunst der Zuseher, in Deutschland zählen offenbar nur die Aktionäre.

Berlin (mma) - Irgendwann wurde es auch den hartgesottensten MTV-Zuschauern zu bunt: Weil in den USA anscheinend Regielehrlinge die Echtzeit-Übertragung der Live 8-Konzerte in die Hand genommen hatten, geriet die achtstündige Sendung zur reinsten Werbeunterbrechung. Daran und am Zusammenschnitt der verschiedenen Events übten Fans und Medien harsche Kritik. Wer mitten im Pink Floyd-Song "Comfortably Numb" auf ein anderes Konzert überblende, habe den Namen 'Musikfernsehen' nicht verdient. Die unmittelbare Reaktion folgte in einem krassen Quoteneinbruch: Nur 2,2 Millionen wollten bei der MTV-Übertragung dabei sein. Enorm wenig, schließlich verzeichnete allein der deutsche Doku-Sender Phoenix 5 Mio. Zuschauer.

Die Verantwortlichen des Musiksenders zeigten sich nach der Kritik einsichtig. Am Samstag strahlte man gemeinsam mit dem Tochterkanal VH-1 insgesamt zehn Stunden Live 8-Material aus. So bekamen geprellte Fans ungeschnitten und völlig werbepausenfrei die Auftritte von u.a. Coldplay, Paul McCartney und Pink Floyd nochmals zu sehen. Der MTV-Vorsitzende Van Toffler erklärte: "Wir stehen in ständigem Austausch mit dem Publikum. Aufgrund der hohen Zuschauernachfrage übertragen wir nun zehn Stunden von einem der wichtigsten Events unserer Zeit."

Die Musik TV-Landschaft hierzulande geht hingegen nicht auf Konsumentenwünsche ein, sondern orientiert sich offenbar einzig und allein am Profit. Erst übertrug der Aufkauf von Viva durch den Viacom-Konzern die schlimmsten Befürchtungen von Musikliebhabern und Viva-Mitarbeitern in die Realität. MTV steht in Deutschland mittlerweile ohne Konkurrenz da und ordnet den Markt weiter nach eigene Vorstellungen um. Jetzt gerät auch Viva Plus, der ursprünglich als Clip-Only-Abspielstation gedachte Ableger des Kölner Musiksenders, ins Visier der Rationalisierer.

MTV-Chefin Catherine Mühlemann hat erneut zum Rotstift gegriffen und ganze 15 der ehemals 23 Sendungen gestrichen. Ein schwacher Trost, dass diesmal wenigstens keine Arbeitsplätze wegfallen, denn der Streichung fallen auch alle Shows zum Opfer, die Musik abseits des Mainstreams spielten. Dazu zählt die alt eingesessene Konzertsendung "Overdrive" ebenso wie die Elektroschiene "2Step" und das Format "Twelve", in dem Musikvideos zu einem bestimmten Thema gezeigt wurden. Für SMS-Chat-Sendungen wie "SMS Sunday" bleibt im neuen Programmschema ebenfalls kein Platz mehr. Kein Grund zum Tränen vergießen, schließlich gibt es mit der Call In-Quizshow "Viva Plus Quiz" adäquat minderintelligenten Ersatz. Die Verneunliveisierung des Musik-TV schreitet weiter voran.

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