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Home » News + Stories » Special (05. Oktober 2009)

CLIPSCHAU
40 Musikvideos 2000-2009
"Hurt" von Johnny Cash, "Rock DJ" von Robbie Williams und "The Scientist" von Coldplay: schöne, gute, bemerkenswerte Musikvideos, die jeder kennt. Bei unserer Video-Inventur anlässlich des Jahrzehnt-Rückblicks haben wir auch manche Clip-Perle wiederentdeckt, die noch nicht bis zum Exitus durchs ehemalige Musik-TV rotierte. Hier unsere Top40 zum Durchklicken, beginnend mit den Plätzen 40 bis 31.
Nirgends wurde die Krise der Musikindustrie in den frühen Nullerjahren so augenscheinlich wie beim Musikfernsehen. Zunächst begründeten die Verantwortlichen des Parade-Alternativsenders viva zwei dessen Einstellung Anfang 2002 noch mit der Werbe-Unfreundlichkeit subkultureller Produktionen sowie mit mangelnder Zielgruppen-Affinität. Wenig später lieferte die Popularität von Napster und Co. gleich das nächste Totschlag-Argument gegen die Idee, künstlerisch wertvollen, erzählerisch komplexen und visuell herausfordernden Musikvideos eine Plattform zu bieten.

Bei sukzessive sinkenden Tonträger-Verkaufszahlen fehlte erst den Indies, dann auch den größeren Labels das Budget für aufwändig inszenierte Werbeclips. Die Einsicht aber, dass die Substitution durch Reality-Show-Formate nebst massiver Klingeltonwerbung den Teufelskreis von einbrechenden Einnahmen und dadurch immer knapperer Budgetierung nur weiter fütterte, kam erst in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts. Plattenfirmen klagten zwar immer rabiater gegen Nutzer von P2P-Plattformen, kämpften also verzweifelt an gegen die kostenfreie Verfügbarmachung des Kulturguts Musik im Internet; im Zuge des YouTube-Aufstiegs bauten sie aber auch wieder vermehrt auf das Werbemittel Video.

Die heutige Relevanz vergleichbarer Seiten zeigt sich aktuell im verbissenen Kampf um Lizenzabgaben zwischen GEMA und YouTube. Aus der zwischenzeitlichen Verdrängung ins Netz ist ein tausendarmiger Promo-Oktopus geworden. Zahlreiche neue Web 2.0-Startups versuchen sich aktuell an einer Bündelung dieser zersplitterten Videokanäle. Ob sich ein zentrales "Musikfernsehen im Internet" am Ende durchsetzen können wird, muss die Zukunft zeigen.

Die kreative Kraft der Subkultur hat die Jahre der Marginalisierung jedenfalls zweifellos gut überstanden, wie unsere kleine Umschau zeigt. In Sachen Pop-Referenzialität, Special Effects und Humor stehen die jüngeren visuellen Umsetzungen der Blütezeit der Neunziger in nichts nach. Dass Videokunst auch ohne volle Konten und zentrale Kanäle im klassischen TV-Bereich vital blieb, ist womöglich eine der beruhigendsten Feststellungen für Zuschauer gerade abseits des Mainstreams. Viva la Musikvideo!


Dredg
Same Ol' Road (2002)

Via tief poetischer Frame-by-Frame-Inszenierung erzählen die Bay Areaner in der Single zu ihrem Meisterstück "El Cielo" die ewig Idee von Mainstream und Abweichlertum, von Konformität und Selbstfindung. Der großäugige Protagonist im Trickfilm steht an der Wegscheide: Soll er sich wie alle anderen weiter der Orchestrierung des unsichtbaren Puppenspielers hingeben, der ihn am Faden führt? Oder lohnt es, die risikoreiche Abzweigung ins Ungewisse zu nehmen?



OK Go!
Here It Goes Again (2006)

Längst Kult ist die Nonstop-Laufband-Darbietung der Chicagoer Indierocker OK Go! So leger hatte zuvor noch keiner das Thema Fitnessstudio für Indies aus der Schmuddelecke des Körperkults geholt – synchronized workout can be fun!



Beck
Girl (2005)

Ganz okayer Song, ganz große Faltkunst: In "Girl" falten sich erst nur Faltblätter, später dann komplette Straßenzüge.



Sour
Hibi No Neiro (2009)

Bild-im-Bild-Verfahren im Zusammenspiel mit exzessiver Webcam-Verwendung sind vielleicht schon keine Web 2.0-Novelty mehr, derartig viele visuelle Tricks am Fließband hat aber bestimmt lange keiner geliefert. Die Japaner von Sour lassen die Saiten herrlich perlen, während sich die versammelte Fanbase vor der Kamera in Splitscreen-Puzzles übt. Ein betörendes Experiment in der Erschaffung virtueller Räume und äußerst liebevoll umgesetzt.



Junior Senior
Can I Get Get Get (2005)

"Compiled by Junior Senior from cool tapes sent by cool people, trying to get get get to know each other better". Manchmal taugt schon der Gedanke, Fans selbst die Begleit-Performances zum Song produzieren zu lassen, für den Sieg in der Sparte "Gute Laune". Der Clipcluster aus Karaoke- und Tanzschnipseln im Zusammenspiel mit sommerlichem Dancepop macht was? Ganz breit grinsen, genau.



Basement Jaxx
Where's Your Head At (2002)

Das mehrfach ausgezeichnete Video zu "Where's Your Head At" legt offen, dass auch im Popgeschäft vor skrupellosen Mensch-Tier-Experimenten nicht gescheut wird. Eine Mahnung für uns alle.



Björk
Declare Independence (2008)

Bei einem Auftritt in Shanghai verfehlte der unzweideutige Claim für Selbstbestimmung und politische Identität seine Wirkung nicht. Die chinesische Führung sah in den Zeilen "Declare independence! Don't let them do that to you!" eine Beleidigung der Seele der Volksrepublik und verbot in der Folge allen potenziell kritischen Künstlern die öffentliche Darbietung im Reich. Aber auch ohne den Background von Olympischen Spielen und Tibet-Konflikt gelingt dem bewährten Team Gondry/Björk dank Military-Look und isländischer Drill-Instructorin ein weiteres Ausrufezeichen.



Gnarls Barkley
Who's Gonna Save My Soul (2008)

Eine anders geartete Herzensangelegenheit: Dieses Neosoul-Stück setzt ganz auf die Mixtur Pärchen + Trennung + das wortwörtliche Herz. Den Leuten im Diner ziept es beim Anblick des zerstörten, nichtsdestotrotz mit Leidenschaft intonierenden Muskels jedenfalls gleich mit in der Brust.



The Chemical Brothers
Believe (2005)

Über die tägliche Arbeitsroutine kann mancher schon mal verrückt werden. Eine geradezu verzückende Variante der Paranoia entwickelt dieser Autobauer: Sein Fertigungsroboter vom Fließband hat urplötzlich ein Bewusstsein - und trachtet ihm fortan nach dem Leben. Ließe sich mit etwas Fantasie auch im Sinne Marx' interpretieren.



Weezer
Pork And Beans (2008)

Irgendwie waren Weezer mit "Pork And Beans" ihrer Zeit voraus. Bevor aufgrund des Streits mit der GEMA viele Musikvideos aus den Archiven des Clipportals verschwanden, nutzten Rivers Cuomo und Kollegen noch schnell die Geschäftsidee YouTube zu eigenen Gunsten. Auf der Meta-Ebene der Popkultur versammeln sie die Liga berühmt-berüchtigter Nerds, die auf YouTube zuvor mit trashigen Kurzfilmen zu einiger Berühmtheit gelangten. Afro Ninja und der Junge mit dem Lichtschwert sind natürlich mit von der Partie.








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