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SOUTHSIDE 2008
Rockerposen in flirrender Hitze
Die Alb rief und ihre Jünger antworteten. Festivalgänger aus Süddeutschland und der Schweiz versammelten sich zur dreitägigen Southside-Messe, dieses Jahr ohne Sturm und Schlamm, dafür mit Sonne und Süffigem. Und natürlich mit derbe Sound.
Von Mathias Möller
Wohl dem, der aus der anderen Richtung kam. In Tuttlingen, dem Einfallstor nach Neuhausen ob Eck, wird gebaut, wer direkt aus dem Süden kam, hatte freie Fahrt. Schon am Freitag nachmittag war es auf dem ehemaligen Heeresflugplatz, seit 2000 Schauplatz des Southside Festivals, rappelvoll.50.000 Besucher fanden sich heuer auf dem Hochplateau ein, ein weiteres Mal war das Festival damit ausverkauft. Der Feierlaune tat das natürlich keinen Abbruch, das Schaulaufen der Freaks und derer, die gerne welche wären, begann spätestens mit der ersten Band.
Delay covert "Remmidemmi", die Beatsteaks finden "Teenagerliebe"
Nachdem Bat For Lashes und British Sea Power am späten Freitagnachmittag für erste Verzückung im überhitzten Zelt gesorgt hatten, sammelten sich die "astronomical friends of alcohol" zu vorgerückter Stunde vor der Hauptbühne, um das entrückte, verzaubernde Elfenballet von Sigur Rós zu bestaunen.Trotz einer verbesserten Zugänglichkeit dank der Songs vom aktuellen Album "Með Suð Í Eyrum Við Spilum Endalaust" wirkte das Set wieder einmal wie nicht von dieser Welt. Daran änderten auch nicht die in Pastell getauchten Streicherinnen oder die Marching Band Bläser nichts.
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Mehr Bilder vom Southside 2008:Jennifer Rostock
Monster Magnet Foo Fighters Enter Shikari Maximo Park Rise Against Billy Talent Millencolin Radiohead Turbostaat The Kooks Deichkind Sigur Ros Elbow Calexico Jan Delay Razorlight Beatsteaks Jason Mraz Kaiser Chiefs Panteón Rococó Chemical Brothers Black Rebel Motorcycle Club Gegen 23 Uhr Ortszeit rückt die Greenstage ins Zentrum des Interesses: Auf der Nachbarbühne und im Zelt wird der Indierock-Zirkus bedient. Doch zwischen Black Rebel Motorcycle Club und Slut bleibt Radioheads Bildgewalt heute unerreicht. Wohin die visuelle Reise der Engländer gehen könnte, hatten die Clips "Jigsaw Falling Into Place" und "Nude" bereits offenbart.Sie zeigten Yorke und co. mal mit Steadycam im Selbstporträt, mal beim Over-the-shoulder-shot im Studio. Diese sehr subjektbezogenen Perspektiven fügten sich ins Bild einer vom Major emanzipierten Artrock-Band: Statt auf dicke Musikvideo-Budgets zurückzugreifen, produzieren sich Radiohead nunmehr nach No-Budget-Prinzipien selbst.Die Bewusstmachung des (natürlich parteiischen) Kamera-Blickwinkels führt das Quintett on stage auf die nächsthöhere Ebene. Wo besagte Clips im Rudiment verhaftet bleiben, bietet die "In Rainbows"-Liveshow einen schieren Überfluss an Bildern. Die eigentliche Hauptrolle in der Bühnenkomposition übernimmt aber nicht die Band; Protagonist ist die Menge an perfide platzierten Cams. Objektive, die an sämtlichen Instrumenten festgeklemmt worden sind, würdigen die Darsteller kategorisch zum Dargestellten herab.Indem sie etwa Detailaufnahmen von Yorkes charakteristischem Auge abfilmen, komponieren diese Micro-Voyeure ein weitreichendes CCTV-Spektakel auf die LCD-Wand. Dem Kameraauge bleibt scheinbar nichts verborgen. Gleichzeitig behalten Radiohead die Gewalt über ihr Film-Ich, spielen und kokettieren mit ihrem jeweiligen Bildausschnitt. Besonders in der britischen Heimat dürfte das dialektische "Aktive-Beobachtet-Werden" vom Publikum als höchst subversiv empfunden werden - schließlich wuchert die Überwachungsparanoia nirgendwo so radikal wie in der UK-Hauptstadt London.Den Samstag eröffneten The Flyer aus Wangen und Shy Guy At The Show aus Karlsruhe auf den beiden Hauptbühnen, letztere waren noch am Sonntag völlig baff vom massiven Zuspruch zu so früher Stunde. Aber wo sich das Äquivalent einer durchschnittlichen Kleinstadt tummelt, finden sich auch schon zur Mittagszeit einige Tausend Zuhörer.Der Indiedeutschrock-Nachmittag fand in Turbostaat und Kettcar seine Fortsetzung, letztere kamen sogar ganz ohne Süddeutschlanddiss aus. Popkultureller Dialog goes boink hieß es dann bei Tocotronic. Da kam es dann schon mal vor, dass der euphorisierte Deutschland-Fan mit der schwarz-rot-goldenen Fahne um den Hals gewickelt lauthals "Aber hier leben, nein danke!" brüllte. Dirk, Jan, Arne und Rick werden es nicht mitbekommen haben, einen soliden Gig spielten sie allemal.Nach den perfektionistischen The Notwist und einem unglaublich fetten Dave Wyndorf lief das Abendprogramm an. Die ewig witzelnden und immer irgendwie gleichen NoFX gaben sich mit Jan Delay die Klinke in die Hand. Der zeigte sich mit seiner Disko No. 1 in Spiellaune und markierte den großen Entertainer.Die Massen dankten es ihm mit mitgesungenen Parts und geschüttelten Popos. Der Hamburger zeigte sich vom fulminanten Auftritt seiner Kollegen von Deichkind (deren Hinzunahme von Ferris MC, der nun unter dem Namen Ferris Hilton firmiert, ein geradezu genialer Schachzug war) dermaßen begeistert, dass er sich gleich an einer eigenen Version von "Remmidemmi" versuchte.Die Freunde gepflegter Gitarrenunterhaltung zog es dennoch bald rüber zur grünen Bühne, wo die Beatsteaks aus Berlin den Abend beschlossen. Die Herren Teutoburg-Weiß, Baumann, Kurtzke, Scholz und Götz unterstrichen mit ihrem Gig noch einmal, warum sie derzeit die wohl beste europäische Liveband sind: eine großartig funktionierende Einheit steht hinter einem grandiosen Frontmann, der vom ersten Moment an das Publikum regiert wie ein philantropischer Absolutist.Tight, tighter, Beatsteaks. Und als die Oberbulette dem Publikum die Nachricht vom Sieg der Russen über die Holländer überbrachte, war für viele der Abend sicher gelaufen. Unter Schmähgesängen gegen die Nachbarn aus dem Nordwesten stimmte Peter Baumann dann noch "Teenagerliebe" an: Glückseeligkeit allenthalben.Volksnahe, souveräne Unterhaltung der Massen auf der einen Bühne, unnahbare Tanzalarmisten auf der anderen. Die Chemical Brothers föhnten das Publikum in gewohnter Manier auf höchster Hitzestufe durch. Leider fehlte der letzte Bums ein wenig, dafür gab es eine hervorragende Light-Show und Hits aus der gesamten Schaffensphase des britischen Duos.
Die Foo Fighters rocken die Alb auch akustisch
Trotz der zu erwartenden Alkoholleichen und des außergewöhnlich heißen Wetters war das Publikum am Sonntag kaum ausgedünnt. Lediglich eine leichte (alkoholbedingte) Festival-Debilität machte sich hier und da bemerkbar. Anders ist es wohl nicht erklärbar, dass sich gestandene Redakteure königlich über ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Delphine sind schwule Haie" amüsierten.Im Laufe des Nachmittags wurde die Hitze so groß, dass der während des Rise Against-Gigs ausgezogene Löschzug der örtlichen Feuerwehr der eigentliche Star war. Der Mann an der Spritze kühlte die Massen zwar nur vorübergehend, wurde aber wie ein echter Heilsbringer begrüßt; die von Tim McIlrath verkündete Propaganda ging im Regen aus dem Tank unter. Wieder erfrischt, tischte die Meute den Amis dann ein Circle Pit-Gewitter auf, das sich gewaschen hatte. Neun menschliche Moshkreise zählte der Fronter, für ihn ein Rekord.Dennoch zeichnete sich im Laufe dieses Nachmittags endgültig ab, was der Mäkler schon länger vermutete: Die Organisatoren hatte dieses Jahr ungewöhnlich viele Bands gebucht, die im Festivalkontext als sichere Bank gelten. Acts wie die Donots, Millencolin, The (International) Noise Conspiracy oder Billy Talent stehen im Ruf, zuverlässig die Kuh fliegen zu lassen. Garniert mit massentauglichen Indie-Combos wie Kaiser Chiefs oder Maximo Park ist der Erfolg garantiert. Nächstes Jahr darf es dann aber auch wieder etwas mehr Mut zum Pop-Experiment sein!Der wohl beste Auftritt des Wochenendes spielte sich dann kurz vor Schluss im nur sehr langsam auskühlenden Zelt ab: Digitalism aus Hamburg brannten ein Manifest der Feierwütigkeit ab, das die schwitzende Masse noch einmal zum kompletten Ausrasten brachte. Standen am Voraben die Herren Rowlands und Simons noch sauber getrennt vom Pöbel hinter ihrem Riesenpult, als sie ihre block rocking beats abfeuerten, suchten Jens Moelle und Ismail Tuefekci demonstrativ die Nähe der Zuschauer. Vielleicht war ihre Performance nicht die "biggest party ever", aber großer Tanzsport war es auf jeden Fall.Wer die Elektrokracher bis zu Ende hörte, verpasste auf der Hauptbühne schon die Foo Fighters-Klassiker "Learn To Fly" und "All My Life". Dave Grohl und seine Mannen zelebrierten die breitbeinige Rockerpose mit der ihnen eigenen Tongue-In-Cheek-Attitüde genau so wie das ausführliche Akustik-Set im Set. Hierfür verstärkten Teile des Teams der 2006er Akustik-Tour, unter anderem Rami Jaffee an den Keys und Germs-Legende und Foo-Fighters und Ex-Mitglied Pat Smear an der Gitarre. Nach dem immer noch ergreifenden "Everlong" und dem immer noch krachenden "Monkey Wrench" und einem bunten Strauß Gags entließ der smarte Frontmann die Southside-Gemeinde in die Nacht. Und während in der Ferne einige Blitze den Himmel erhellten, setzte sich der Konvoi der Festivalisten in Bewegung in Richtung Heimat. Bis zum nächsten Jahr, wenn man sich im Stau auf die Alb wiedersieht.
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