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Rammstein
Reise, Reise


LAUT.STÄRKE

REVIEW VON

"Reise, Reise", ein Albumtitel, der alleine für sich stehend so ganz und gar unprätentiös wirkt. Rammstein wären nicht Rammstein, würden sie dem nicht ihre eigene Note hinzu fügen. So prangt auf dem Cover die Warnung "Flugrekorder nicht öffnen", und plötzlich findet sich der Betrachter zwischen dem 11. September, Flug- und Terror-Angst wieder. Wenn einer eine Reise macht, dann kann er was erleben, und sei es die ungebremste Bauchlandung irgendwo im Nirgendwo.

Es klingt unglaublich, aber das martialische Sextett hat doch tatsächlich einige Experimente gewagt. Zärtlich tastet es sich an die Umgestaltung ihres Soundkostüms heran. Die ursprünglichen Zutaten sind zwar noch haltbar, stampfende Rhythmen, heftige Gitarren und immer wieder Till Lindemanns monotones Organ. Ungewöhnliche Elemente wie Mandolinen und Akkordeons bereichern jedoch das Gesamtbild. Ganz so brutal wie auf den Vorgängern hauen Rammstein nicht mehr auf den Amboss. Derbe Uptempo-Nummern sucht der Fan vergebens. Der schleppende Beat regiert, er gibt das Szepter nur sporadisch ab, und wenn, dann scheint es lediglich so, als ob jetzt gleich die Luzie ganz fürchterlich abgehen würde. Tut sie aber nicht.

Härte oder Schnelligkeit taugen als Gradmesser für Qualität so viel wie ein Nylonsöckchen fürs Skifahren. Wie sieht es also mit den Songs aus. Lindemann sorgt mit Textzeilen wie "sie ist hässlich, dass es graut, wenn sie in den Himmel schaut. Dann fürchtet sich das Licht, scheint ihr von unten ins Gesicht" für Lacher, daneben haben Rammstein durchaus den einen oder anderen Brecher im Gepäck. "Dalai Lama" zum Beispiel lehnt sich am Erlkönig an, quasi für die Luftfahrt umgeschrieben. Eine atmosphärisch schrecklich schöne Umsetzung. Wer jetzt noch fliegt, ist selbst schuld.

"Los" ist der ungewöhnlichste Song der Rammstein-Historie. Wäre die instrumentale Begleitung ganz herkömmlich elektrifiziert, niemand würde den Unterschied zu anderen Rammstein-Stampfern bemerken. Im unplugged-Outfit ist das aber etwas anderes, zumal mit Countrygitarren-Zwischenspielen und Mundharmonika-Gejaule zusätzlich zwei humoreske Farbtupfer auftauchen.

In bislang noch nicht erforschte Pop-Gefilde wagt sich "Amerika" vor, dient dem kaum versteckten Sarkasmus über us-amerikanische Seltsamkeiten lediglich als Transmitter. So einfach der Song, so einfach ist auch die Message gestrickt. Die Gegensätze des kalten Krieges finden auch in der Trackliste ihre Ausdruck wo "Amerika" direkt vor "Moskau" steht, einer etwas platten Verneigung vor der russischen Hauptstadt. Vorsicht jedoch beim Genuss bei der Autofahrt, es könnten Strafzettel für Geschwindigkeitsübertretungen folgen.

Ein weiteres Gegensatzpaar folgt mit "Stein Um Stein" und "Ohne Dich". Während Lindemann in ersterem davon schwadroniert, jemanden ins Fundament einzumauern, klagt er in letzerem über den Verlust von ... keine Ahnung. Mit den Rammstein-Balladen habe ich so meine Probleme. Ging "Seemann" seinerzeit noch als stimmungsvoll-atmosphärisches Stück Musik durch, oszilliert bei "Ohne Dich" im Hintergrund die Schlagerparade durch. Reduziert den Song um verzerrte Gitarren und lasst statt des Lindemanns Till Hinterseers Hansi ans Mikro, und ihr habt den Gewinnertitel von 'Schlager sucht den Superstar' - ganz furchtbar das. Bei dem ihnen eigenen Humor würde es jedoch nicht wundern, wenn Rammstein das Teil als nächste Single auskoppeln würden, nur um zu schauen, wie weit eine Hartwurst-Combo mit einem Schlagersong in den Charts kommt.

"Reise, Reise" unterscheidet sich von Rammsteins Vergangenheit letztendlich nur durch die vermehrt auftauchenden leisen Zwischentöne, ansonsten bleibt alles beim Alten. Nicht ganz, denn mit der Power ist auch etwas der ich-haue-mit-dem-Kopf-die-Wand-zu-Klump-Effekt verloren gegangen. Ansonsten herrscht solider Durchschnitt. Noch eine Kuriosität am Rande, Realsatire pur auf einer US-Fanseite: über "Amerika" steht dort: "according to the band, the song is not political; it simply describes things as they are." Is klar. Coca Cola, Wonderbra, Amerika, Amerika.

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