Porträt

laut.de-Biographie

Gangrene

Wer sich den leckeren Crewnamen Gangrene - zu Deutsch "Wundbrand" - verpasst, sein Debüt-Album "Gutter Water" nennt und dies mit entsprechendem Artwork unterstreicht, symbolisiert bereits, dass der Musik ein gewisser Dreck anhaftet. Wenn sich hinter diesem Namen dann die beiden kalifornischen Hip Hop-Produzenten und (Gelegenheits-) Rapper The Alchemist und Oh No verstecken, ist endgültig klar, dass man glattgebügelten Chartsound anderswo suchen muss.

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Beide ziehen bereits Ende der Neunziger erste größere Aufmerksamkeit auf sich. Alchemist vertont zahlreiche Tracks seiner Homies Dilated Peoples und Defari, expandiert aber auch bald an die Ostküste und versorgt Künstler wie Pharoahe Monch, High & Mighty, Capone & Noreaga und nicht zuletzt Mobb Deep mit seinen brachialen Sample-Beats. Bei letztgenanntem Queensbridge-Duo avanciert er rasch zum Quasi-Ehrenmitglied.

Oh No, mit bürgerlichem Namen (kein Witz!) Michael Jackson, schraubt derweil für seine eigene Crew Kali Wild oder befreundete Artists wie Declaime oder Murs Beats und tritt auch als Rapper in Erscheinung. Etwa als Gast auf "Soundpieces: Da Antidote!", dem Album von Lootpack, der Crew seines älteren Bruders Madlib.

Wie dieser kommt Oh No beim Label Stones Throw unter und produziert in den folgenden Jahren vorwiegend für deren Künstler. Doch auch KRS One, De La Soul oder Mos Def ordern beim Beatbauer, der außerdem mehrere Soloprojekte veröffentlicht.

Alchemist kann sich vor Produktionsaufträgen kaum retten. Schon bald stehen Großkaliber wie Nas, Fat Joe, Big Pun, Jadakiss, Snoop Dogg oder Ghostface auf seiner Kundenliste. Gleichzeitig produziert er aber auch für weniger bekannte Künstler und natürlich seine Freunde von den Dilated Peoples und die Soul Assassins rund um Cypress Hill.

Diesen Spagat vollzieht Alchemist auch noch, als er längst Tour-DJ von Eminem und auf Kassenschlagern wie Lil Waynes "Tha Carter III" vertreten ist. Diese fehlenden Berührungsängste manifestieren sich unter anderem auf seinen beiden Produzentenalben "1st Infantry" und "Chemical Warfare", wo er problemlos Eminem, Three 6 Mafia, Kool G Rap, Blu und Snoop Dogg unter einen Hut bringt. Als Produzent hat er sich längst etabliert, immer häufiger greift er auch selbst zum Mikrofon.

Obwohl die beiden demselben Dunstkreis des lebendigen Westküstenuntergrunds entspringen, lernen sie sich eher zufällig durch den gemeinsamen Freund Evidence von den Dilated Peoples kennen. Nach einer Show in L.A., bei der Oh No auftritt, treffen sie sich backstage, und Alchemist ist erstaunt, dass Oh No mindestens so viel Gras wegraucht wie er selbst.

Am Ende erhält Alchemist von Oh No eine Beat-CD in die Hand gedrückt, die Eindruck hinterlässt. Bald entsteht die Idee eines gemeinsamen Projekts. Regelmäßig landen Beats und Raps in der Inbox, das Gemeinschaftswerk nimmt Form an. Alchemist beschreibt ihre Zusammenarbeit als freundschaftlichen Wettkampf: "We just started competing, just frisbee after frisbee."

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Dass es trotz Seelenverwandtschaft mehr als drei Jahre dauert, bis "Gutter Water" in den Läden steht, lässt sich wohl mit den zahlreichen anderen Projekten erklären, an denen beide arbeiten. Schließlich muss auch die Miete bezahlt werden, und dies ist zweifellos nicht der Hintergedanke der kompromisslos roh gehaltenen Zusammenarbeit.

Den ersten Vorgeschmack auf ein Gangrene-Album gibt es auf Alchemists "Chemical Warfare". Kurz vor der Veröffentlichung von "Gutter Water" releasen sie die streng limitierte Vinyl-EP "Sawblade".

Das im November 2010 bei Decon veröffentlichte gemeinsame Debüt erfüllt mit seiner ungeschliffenen Herangehensweise die Erwartungen der Fans. Es soll nicht die letzte Kooperation bleiben. Alchemist stellt klar: "Wir haben das Rad nicht neu erfunden. Es muss auch niemand Ketchup neu erfinden, der schmeckt auch so schon gut. Es ist immer noch Rap-Musik: Snares, Kicks, Loops, Lyrics und solche Sachen."

Vergleiche mit dem "Jaylib"-Album von Madlib und J Dilla lassen nicht lange auf sich warten. "Wir sind definitiv von Dilla und Madlib beeinflusst, erklärt Alchemist dazu. "Nicht so sehr musikalisch, eher von der Art und Weise, wie sie zusammen arbeiteten. Weil sie sich zuerst gar nicht richtig kannten. Das war bei uns genauso."

Für das 2013 erscheinende Video-Spiel "Grand Theft Auto V" nehmen die beiden einige Instrumentals auf, die darin vorkommen. Dabei entstehen so viele Beat-Skizzen, dass daraus 2015 ein Album entsteht: "Welcome To Los Santos". Die zwei Beat-Bastler wagen sich in neue Gefilde und arbeiten Genre-übergreifend mit elektronischen, rockigen, psychedelischen und Reggae-Elementen.

Alchemist fasst die Erkenntnis in Worte: "Mit Künstlern zu arbeiten, die aus so unterschiedlichen Richtungen kommen, hat uns unheimlich voran gebracht."

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