laut.de-Kritik

"Rap ist nicht wie Pac-Man – es geht hier nicht um Punkte zählen."

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"Wir sind zurück, doch waren niemals weg. Es gibt keinen Battle hier, nur ziemlich gute Tracks. Genau genommen zehn, ein richtig kurzes Set." Zwar liegt die letzte Kollaboration "Gebrochenes Deutsch" von eloQuent und dude26 bereits fünf Jahre zurück, doch vor allem der Wiesbadener Rapper gönnt sich keine Auszeit und präsentiert mit "Niemals Weg" nach "6523EP", "Schön Ist Anders" und "Swagentfremdung" seine vierte Veröffentlichung des frisch abgelaufenen Jahres.

Musikalisch regiert der pure Minimalismus. Dude26 reichert die entspannten Instrumentals auf Bumm-Tschak-Basis mit dezenten Samples an, denen mitunter noch das charakteristisch-charmante Schallplatten-Knistern anzuhören ist ("Eins Auf Dem Feld", "Wahrzeichen"). Der Wahl-Leipziger erweitert einige Produktionen zudem in für eloQuents Alben typischer Weise um sanfte Jazz-Elemente ("Unter Schüben"). Dagegen weckt "Ernsthaft" mit seinem Harfen-Einsatz Assoziationen zu einer etwas disharmonischeren Variante der Feenquelle aus The Legend Of Zelda.

Inhaltlich ergeht sich eloQuent wiederholt in der Nabelschau. So lässt er etwa mit sich im Reinen in "Keine Reue" und "Unter Schüben" seinen Werdegang Revue passieren: "Ich blick' zurück und will die Zeit nicht missen, denn sie hatte Einfluss darauf wie wir uns weiterentwickelten. Jede Session hatte ihren Sinn und trug ihren Teil dazu bei, mich dahin zu bringen, wo ich gerade bin. Ich denke gerne daran zurück, irgendetwas davon zu bereuen, wäre verrückt. Ich bereue nichts."

"Was ich tu' mit dem Stift? Ich sortiere Bilder hier und schieb' mir Filme in schwarz-weiß 'Wie ein wilder Stier'." In "Film Ab" ruft eloQuent seinen kinematographischen Kanon ab, der neben Meilensteinen wie "Metropolis" und "Citizen Kane" vor allem stilsichere Beiträge aus dem italoamerikanischen Milieu umfasst. Doch bei aller Liebe für die Kunst plädiert der Rapper dafür, wie Truman Burbank den Ausbruch aus der Simulation zu wagen: "Das Leben ist kein Film, doch Filme bilden dieses Leben ab – mal mehr, mal weniger echt. Und wenn du Filme schauen willst, dann guck dir dieses Leben einfach an."

Folgerichtig lehnt er die im Eskapismus schwelgenden postmodernen Cloud-Rapper ab: "Yung dies, Lil das, und wie sie alle gerad‘ heißen." Dabei liegen zwischen eloQuent und all den von ihm verhassten LGoonys und Yung Hurns durchaus Überschneidungen vor. So verfolgen beide mit ihrer Musik nach dem Prinzip des l'art pour l'art keine Agenda ("Wir erschaffen Kunst um der Kunst willen"), denn schließlich gilt: "Der Vibe ist, was zählt."

Ohnehin prangert der Wiesbadener vor allem den allgemeinen Trend an, den Wert mehrdimensionaler kultureller Produkte auf Zahlenwerte wie Silben pro Sekunde und Verkäufe zu reduzieren. Während Kollegah und Farid Bang mit ihren Boxen zu "Jung Brutal Gutaussehend 3" Rekorde einfahren und Welt Online "objektive Kriterien" heranzieht, nach denen Spongebozz der Titel des besten Rappers Deutschlands gebührt, verweigert sich eloQuent konsequent vorgegebenen Kriterien: "Rap ist nicht wie Pac-Man – es geht hier nicht um Punkte zählen."

Wie seine artverwandten Kollegen Huss & Hodn sorgt eloQuent für angenehm, feingeistige Entschleunigung. Dem traditionell gerne mal plumpen Genre Deutschrap kann eine derartige Prise sanftmütigen Boom Baps nur guttun. Auch wenn "Niemals Weg" aufgrund des etwas abgehackten Flows des Rappers, der auf das Nötigste beschränkten Beats und des sinuskurvenartigen Verlaufs wie auch die anderen Veröffentlichungen des Sichtexoten ein Nischenprodukt darstellt. Aber darüber ist sich eloQuent selbst natürlich am klarsten: "Das hier ist nicht Pop-Art, eher Performance-Kunst."

Trackliste

  1. 1. Zurück
  2. 2. Eins Auf Dem Feld
  3. 3. Niemals Weg
  4. 4. Ernsthaft
  5. 5. Keine Reue
  6. 6. Film Ab
  7. 7. Für Dich
  8. 8. Kann Sein
  9. 9. Status King
  10. 10. Unter Schüben
  11. 11. Wahrzeichen (Bonus Track)

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