In scheinbar regellosen, also chaotischen Systemen können sich geordnete Strukturen entwickeln, die eine universelle Gültigkeit besitzen - so eine der Grundaussagen der Chaosforschung. In einem komplexen System wie dem des Wetters ist die Zahl der Einflüsse so hoch, dass Voraussagen bekanntlich schwierig sind – der berühmte Schmetterlingsschlag im Amazonas, der in Europa einen Orkan auslösen kann.
Hat man nicht den Anspruch, in die Zukunft blicken zu wollen, kann man fasziniert beobachten, wie sich scheinbar zufällig Muster entwickeln. Ein Beispiel dafür sind Fraktale, denen zwar mathematische Formeln zugrunde liegen, deren endgültige Form aber nicht im Voraus bestimmt werden kann.
1975 machte Lou Reed ein Experiment, das in diese Richtung ging. Er stellte zwei Verstärker und drei unterschiedlich gestimmte Gitarren auf. Er brachte die Seiten zum Schwingen und wartete, bis eine Rückkopplung entstand – eine Dynamik, in der Verstärker und Instrumente den Sound hin- und her schieben und sich gegenseitig aufschaukeln. Dabei entwickelten sich Klangmuster, die der ehemalige Gitarrist von Velvet Underground auf zwei Schallplatten presste und mit dem Titel "Metal Machine Music" veröffentlichte.
"Das Album wurde nach drei Wochen vom Markt genommen. Es hatte die höchste Rücklaufrate jeder bis dahin veröffentlichten Platte", erinnert er sich stolz. Von den meisten als Müll abgetan, von wenigen als visionär bezeichnet, war es nur eine Frage der Zeit, bis das Werk wieder entdeckt wurde. 2000 erschien eine Remastered-Version auf CD, kurz danach nahm sich das deutsche Ensemble Zeitkratzer seiner an und transkribierte es für mehr oder weniger klassische Instrumente. Reed war so begeistert, dass er im März 2002 bei der Erstaufführung im Haus der Berliner Festspiele nicht nur anwesend war, sondern auch seine Gitarre mitbrachte.
Das außergewöhnliche Ereignis ist nun auf CD und DVD erhältlich. Was Streicher, Bläser und Perkussionen kreieren, erinnert an einen in die Länge gezogenen Autounfall. Der Moment des Aufpralls, das schneidende Geräusch von Blech, das zerknittert und zersplittert, nicht lediglich für den Bruchteil einer Sekunde, sondern 50 Minuten lang – so lässt sich der Klang beschreiben, der aus den Lautsprechern dröhnt. Kaum zu ertragen, weshalb es sinnvoll ist, sich zuerst die im selben Paket enthaltene DVD zu Gemüte zu führen. Dort sorgt die visuelle Komponente nicht unbedingt für eine fröhlichere Stimmung, aber wenigstens für ein bisschen Ablenkung.
Auf einer Bühne stehen elf mehr oder weniger leger gekleidete Musiker, die ihre Instrumente zum Kreischen bringen. Nur auf den ersten Blick scheint es widersinnig, das elektrisch erzeugte akustische Phänomen des Feedbacks in seine Komponenten zu zersetzen und bewusst nachzuspielen, denn bald gewöhnt sich das Ohr daran.
Es ist durchaus faszinierend zu betrachten, wie ein Cellospieler gebannt auf den Notenständer schaut, minutenlang den gleichen Ton spielt und dabei den Bogen wild hin und her schiebt, während ein Perkussionist eine Metallplatte mit einer Sardinen-Dose bearbeitet und eine Saxophonistin sich die Lunge heraus pustet, ohne dabei die Tasten zu bedienen.
Tatsächlich entwickeln sich aus dem bedrohlichen Grundklang immer wieder neue Muster. Ob sie tatsächlich zustande kommen, oder ob es sich nur um eine Interpretation des Gehirns handelt, ist irrelevant: Das Hörerlebnis ist rein subjektiv und erlaubt dem Zuhörer, seine eigene Gedankenwelt hinein zu interpretieren. Es handelt sich also um eine Klangleinwand, deren Gestaltung beim Empfänger und nicht beim Erzeuger liegt.
Im dritten und letzten Teil gehen nach einem kaum noch erträglichen, Minuten langen Crescendo Licht und Ton aus, während Reed auf einem Stuhl Platz nimmt. Seine Gitarre erzeugt zwar Feedbacks, doch spielt er auch immer wieder Akkorde und Notenreihenfolgen, die das Werk in ein neues Licht rücken. Zum Schluss setzen noch einmal Zeitkratzer ein. Alle Beteiligten, auch im Publikum, zeigen sich beeindruckt.
Die DVD enthält als Bonus ein Interview, in dem sich Reed gut gelaunt dem tollpatschig fragenden Diedrich Diederichsen stellt. Während der New Yorker an einer Zigarette nuckelt, erzählt er von der Entstehung und dem Werdegang des Albums. Es ist das Sahnehäubchen, das "Metal Machine Music" zu einem durch und durch überzeugenden Paket macht.
Die Frage, ob es sich um ein beachtliches Werk oder doch eher um paranoiden Unfug handelt, lässt sich auch diesmal nicht klären. Fest steht, dass sich die CD für einen romantischen Abend kaum anbietet. Wahrscheinlich kriegt man seine Süße damit nicht rum, aber vielleicht lässt sie sich mit einem Wortschwall wie diesem ein wenig beeindrucken.