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Bevor Drummer Jack Brown, Bassist Charles Cave und Sänger/Gitarrist Harry McVeigh 2007 in ihrer Heimat England als White Lies reüssieren, haben sie schon eine kleine Bandkarriere hinter sich. Seit 2004 nannte man sich nämlich Fear Of Flying.
"Routemaster" und "Three's A Crowd" heißen die beiden, in rotem und grünem Vinyl 2006 beim Label Young And Lost Club (Good Shoes) veröffentlichten Singles, für die man mit Stephen Street (Blur) auf Anhieb eine Koryphäe seines Fachs verpflichten kann.
Trotz zahlreicher Konzerte vor interessiertem Publikum ist dem temporeichen Indie Rock der damaligen Teenager keine Zukunft vergönnt. Auf einer U-Bahnfahrt zurück von einer Show fassen Brown, Cave und McVeigh den Entschluss, Fear Of Flying zu begraben.
Hauptgrund ist die neue Komposition "Unfinished Business", deren elegischer Grundton sich nach Meinung der Band nicht mit dem bislang komponierten Material vergleichen lässt. Da der Song von allen als enormer Songwriting-Fortschritt gewertet wird, switcht man über Nacht um auf White Lies.
Die Tatsache, dass bereits eine erspielte Fangemeinde vorhanden ist, kommt dem Trio nun sehr gelegen. Nach und nach purzeln weitere Songs ins Repertoire, die den im 80er Jahre-New Wave wurzelnden Rocksound mit eisiger Atmosphäre und warmem Melodienreichtum füllen.
Im Vergleich zur früheren Band stellt man die Basslinien gerne mal als tragendes Element in den Vordergrund und baut enorme Synthesizer-Gebilde, die von McVeighs heller, theatralischer Stimme vor dem Einsturz bewahrt werden. Vergleiche zu den Killers und Editors heizen die Hysterie um die Livegigs der Truppe, bei denen Mark Ronson und Morrissey gesichtet wurden, zusätzlich an. Aus dem hoch dotierten A&R-Gerangel gehen schließlich Fiction Records (The Cure) als Sieger hervor.
Ungewöhnlich an den White Lies ist sicherlich die Tatsache, dass für die Texte der Bassist zuständig ist. Dabei outet sich Cave, der mit Drummer Brown bereits in der Schultheatergruppe Bühnenluft schnupperte, passend zum Goth-Pop-Sound als recht sinistrer Zeitgenosse. Songtitel wie "Death" und "To Lose My Life" lassen zunächst auf suizidale Vorbilder der Sorte Joy Division schließen, geraten bei näherer Betrachtung aber doch um einiges pathetischer.
Mit Ed Buller (Suede, Pulp) steht dem Debütalbum "To Lose My Life" erneut eine gestandene Produzentengröße vor und nicht nur die altehrwürdige BBC nimmt die White Lies in die Liste der Durchstarter des Jahres 2009 auf.
Charles Cave über leidige Band-Vergleiche und den 'neuen' Sound auf "Ritual".
Am 28. Januar erscheint das zweite White Lies-Album "Ritual". Dafür verpflichtete der Dreier aus London Produzent Alan Moulder, dessen Namen man schon in Booklets von My Bloody Valentine, Depeche Mode und Nine Inch Nails lesen durfte.
Der große Erfolg des Debütalbums "To Lose My Life" strahlte vor zwei Jahren von Großbritannien auf Kontinentaleuropa über, weshalb sich Bassist und Songwriter Charles Cave, Drummer Jack Brown und Sänger und Gitarrist Harry McVeigh plötzlich einer immensen Erwartungshaltung gegenüber gestellt sehen.
Diese parieren sie nun auf "Ritual" mit einer überraschend deutlichen Hinwendung zu elektronischen Sounds. Im Interview mit Charles Cave fragten wir, wie das zweite Album zustande kam und was sich seit dem internationalen Durchbruch verändert hat.
Nach dreimaligem Hören eures neuen Albums per Stream muss ich sagen: Das hätte ich nicht erwartet. Ich bin wirklich überrascht.
Charles: Gut. Positiv überrascht?
Ja. Ich bin davon ausgegangen, dass ihr eurer Erfolgsformel des Debütalbums treu bleiben würdet und habe mich daher auf einen eher depressiven Waverock-Morgen eingestellt.
(lacht) Nein, damit können wir wohl nicht dienen.
Versuchen wir es mal zu definieren: Ihr nähert euch ja unverhohlen dem Pop an, die Gitarren spielen dabei eine eher untergeordnete Rolle und trotzdem ist fast immer der White Lies-Trademark-Sound zu erkennen. Ich würde sogar sagen, dass die Songs schon klar in Richtung Stadion-Gig schielen.
Yeah, könnte sein. Also nicht dass wir uns darüber Gedanken gemacht hätten, wo man die Songs am besten spielen könnte. Aber die Melodien sind viel stärker als auf dem ersten Album. Ich denke, wenn man gute Songs mit tollen Melodien hört, denkt man fast automatisch, dass dazu viele Leute gemeinsam auf einer großen Fläche singen könnten. Das gibt der Song vor. Ich nehme das also als Kompliment.
Der Grundton ist dieses Mal aber auch viel optimistischer. Was lief da falsch?
Finde ich gar nicht mal. In vielen Songs geht es um den Verlust vom Glauben an die Liebe. Die Idee und das Konzept von Liebe wird in Frage gestellt bzw. als Ablenkung und Ritual beschrieben, das Menschen in ihrem Leben benötigen, um diesem mehr Bedeutung beizumessen. Auf der ersten Platte ging es viel um Zweifel. Nun ist der Blick trotz aller Zweifel vielleicht etwas zuversichtlicher. Nach dem Motto: Wir akzeptieren, dass es so ist, wie es ist. Es bekümmert uns nicht mehr.
Ward ihr es vielleicht auch leid, dass über euch ständig als die Band berichtet wurde, die so elend und traurig klingt wie Joy Division?
Ein wenig vielleicht. Aber wir wissen natürlich, dass es zum neuen Album jetzt wieder neue Vergleiche geben wird, mit denen wir dann zwei weitere Jahre leben müssen. Es ist egal. Viele Journalisten sind sehr faul. Es spielt überhaupt keine Rolle, ob wir wirklich wie Joy Division klingen, sie schreiben einfach einen anderen Artikel um, fertig. Während wir neue Songs schreiben, interessiert uns sowas nicht. Wir tun das, weil es uns Spaß macht.
Aber als Musik-Fans müsst ihr euch doch sicher geschmeichelt fühlen, wenn man euch mit euren Idolen vergleicht, oder?
Kann ich so nicht sagen. Als Musiker ist es immer seltsam, mit anderen verglichen zu werden, weil du weißt, wie persönlich diese Arbeit ist. Nur ich kann meine Musik so gestalten, wie ich es tue und nur Tom Jones kann es auf seine Weise tun. Musikvergleiche sind daher ein bisschen so, als würde man Kinder untereinander vergleichen und sagen: "Hey, dein Kind sieht ein bisschen so aus wie mein Kind." Das ist unsinnig. Es bedeutet nichts.
Letztlich ist Musik einfach Musik, also Sounds, die irgendwo her kommen und die alle irgendwo ähnlich klingen. Ob da nun eine Celine Dion singt oder Nine Inch Nails, es ist alles Musik. Manche Leute übertreiben es damit, winzigste Teile von Songs auseinander zu nehmen und diese zu vergleichen. Es geht doch eher um die Persönlichkeit des Künstlers, die dahintersteckt. Ich würde mir wünschen, dass die Leute sich mehr damit beschäftigen würden.
Hmm, als Musikjournalist und Musikliebhaber finde ich es aber schon hilfreich, dass man musikalische Vergleiche anstellt, gerade um dem Leser eine Idee zu geben, wo der Künstler grob einzuordnen ist. Das trifft natürlich besonders auf Newcomer zu.
Ja, vielleicht. Dazu eine kleine Geschichte: Bevor unser erstes Album veröffentlicht wurde, schrieb ein Journalist, wir würden wie die Killers klingen. Dann kamen haufenweise Leute zu uns und sagten: Wenn ihr nach einer Band nicht klingt, dann sind es die Killers. Verstehst du? Es ist verwirrend. Es kommt immer auf den Vergleich an. Ich persönlich finde auch, dass wir überhaupt nicht wie Joy Division klingen.
Die einzige Verbindung zu ihnen mag sein, dass Harry eine sehr tiefe Stimme hat. Aber die hat Tom Jones auch. Joy Divisions Musik ist leer und depressiv. Es ist Post Punk. Dagegen klingen die White Lies geradezu glamourös und verschnörkelt mit den Streichern und allem. Joy Division hatten nie Streicher.
Ich glaube, das ging auf die Frage zurück, warum wir vor allem über gewisse Aspekte des Lebens schreiben. Darauf sagte ich, dass man sich meiner Meinung nach viel stärker an die schlechten Zeiten erinnert als an die guten. Die Bilder sind stärker.
Was geht dir durch den Kopf, wenn du das neue Album jetzt hörst?
Hmm. Schwer zu sagen. Zumindest bin ich jetzt in der Position, es einfach nur genießen zu können. Es ist fertig. Ich kann nichts mehr daran ändern. Das ist ein großartiges Gefühl. Es kommt mir manchmal schon vor wie das Album einer anderen Band. In erster Linie spüre ich den Drang, diese Songs endlich dem Publikum vorzuspielen. Ich will nach draußen mit ihnen, weil ich finde, dass sie besser sind als die unseres Debüts.
Hat euch Produzent Alan Moulder auf den elektronischen Weg gebracht?
Nicht ganz. Bevor wir uns für ihn als Produzenten entschieden haben, hörten wir uns durch seinen Back Catalogue, wodurch Harry und ich am "Fragile"-Album der Nine Inch Nails hängen geblieben sind. Die Platte lief danach bei uns rauf und runter und kann daher vielleicht als Inspiration genannt werden. Aber da Jack und ich bereits zuvor häufig in Clubs auflegten, war der Draht zur Elektronik sowieso vorhanden. Wir hörten viel Trentemöller, Richie Hawtin und minimale Sachen.
Es war dann ein logischer Prozess, dass auch die neuen Songs am Computer entstehen. Das hat ja zahlreiche Vorteile: Wenn du ein Orchester auf einem Song haben willst, benötigst du dafür etwa zehn Minuten. Du musst also nicht extra eines einbestellen und die Musiker bezahlen. MIDI sei Dank. Als wir danach die elektronischen Demos hörten, fanden wir die Atmosphäre ziemlich stimmig. Es klingt manchmal ein bisschen billig und trashig, was wir sehr charmant finden.
Welche neue Qualität hat Moulder ins White Lies-Soundgeflecht mitgebracht?
(überlegt) Ehrlich gesagt hatten wir alle Songs schon geschrieben, bevor Alan zu uns gestoßen ist. Und die Versionen, die auf der Platte gelandet sind, klingen nicht Welten von den Demos entfernt. Vielmehr waren die Demos sowas wie schlechte Aufnahmen der finalen Songs. Er veränderte also weniger die Songs an sich, war dafür aber sehr in die Suche nach den richtigen Sounds involviert. Es kam zum Beispiel vor, dass er Sounds von unseren Demos lobte, die wir auf jeden Fall verwerfen wollten. Er überredete uns aber und half uns daher, manche guten Dinge erst zu erkennen.
Ich habe gelesen, dass Harry vor allem den Song "Peace & Quiet" mag, weil er sehr komplex aufgebaut ist und außerdem noch der insgesamt längste ist. Würdest du ihn als Schlüsselsong beschreiben?
Ja, das würde ich. Auf unserem ersten Album hatten wir den Song "The Price Of Love", von dem wir alle der Meinung waren, dass es der zukunftsweisende Song ist, den wir bis dato geschrieben hatten. Dieses Attribut würde ich nun "Peace & Quiet" zuschreiben. Zusammen mit "The Power And The Glory" könnte er bereits jetzt ein bisschen was von unserer Zukunft verraten. Das ist natürlich wieder eine sehr persönliche Sicht, aber es sind halt Songs, bei denen wir alle das Gefühl haben, dass sie fast etwas besser sind, als das, wozu die Band im Augenblick eigentlich imstande ist.
Sehr selten. Wenn, dann geht es immer um technische Fragen wie Zeilenlängen oder so. Dass er zum Beispiel weniger Worte an einer Stelle benutzen will. Wenn ich Texte schreibe, denke ich auch nie daran, sie zu singen. In erster Linie schreibe ich, weil es mir Spaß macht. Ich brauche also einen Gegenpol, der mir sagt, diese Stelle können wir so nicht lassen.
"Turn The Bells" ist zum Beispiel ein Song mit sehr viel Text, aber in meiner Urversion hatte er beinahe nochmal doppelt so viele Worte. Wir haben ewig Zeilen verschoben, aber der Song funktionierte einfach nicht mit so viel Text. Auf der einen Seite ist der Versuch schwer, ein Gedicht in einen Song umzuwandeln, aber wenn sich die Mühe lohnt, vergisst man das. Ich finde, dass "Turn The Bells" großartig geworden ist und wir bekommen speziell auf diesen Song jetzt schon viel hervorragendes Feedback.
Wäre es ein Problem für dich, wenn Harry morgen ankommt und selbst White Lies-Texte schreibt?
Ähh, nein, eigentlich nicht. Ich habe darüber noch nie nachgedacht, weil ich weiß, dass er daran kein Interesse hat. Eben wie ich nie zu ihm gehen und sagen würde: Macht es dir was aus, wenn ich einen Song auf der Platte singe? Das ist einfach nicht unsere Arbeitsweise. Aber wer weiß schon was die Zukunft bringt.
Zum Schluss: Euer Debüt hat sich weltweit fast eine Million Mal verkauft ...
Nein, hat es nicht. (lacht) Es waren eher so 450.000 Stück. Ich wünschte, es wären eine Million Stück gewesen, du kannst das auch gerne schreiben, aber das wüsste ich schon, denn dann hätte ich ein bisschen mehr Geld gesehen.
Habe ich bei der BBC gelesen.
Tja schade, es stimmt leider trotzdem nicht.
Dennoch: Helfen solche Zahlen dabei, die große Bedeutung der eigenen Songs für junge Menschen besser zu verstehen?
Ich weiß nicht, ob ich das je richtig verstehen werde. Wenn ich unsere Songs höre, ist das eine sehr persönliche Sache. Ich finde es immer etwas seltsam, wenn mir Leute sagen, wie viel ihnen dieser oder jener Song bedeuten und wie er ihnen aus der Seele spreche. Ich meine, es ist ja meine Erfahrung, die darin verarbeitet wird. Wie also kann ein anderer das Gefühl haben, genau das so erlebt zu haben? Ich fühle mich in solchen Situationen immer irgendwie unbehaglich.
So gerne ich mit unseren Fans auch spreche, das hat manchmal schon einen voyeuristischen Touch. Manche kennen die Texte eben Wort für Wort auswendig, da fühlt man sich leicht ausspioniert. Du merkst, mir fällt es schwer, das richtig einzuordnen. Was vor allem daran liegt, dass ich meine Texte schreibe, um mir und der Band Denkanstöße zu geben. Dabei vergesse ich dann, dass dies natürlich genau so auf die Hörer zutrifft, die sich mit den Texten später zuhause auseinandersetzen.
Charles Cave über das Erfolgs-Debüt, das Kanye-Cover und Kurztrips nach Sibirien.
Mit "To Loose My Life" legten die britischen Alternative-Rocker einen Bilderbuchstart hin, wie ihn sich wohl jede Newcomer-Band erträumt.
Im Januar in der Heimat veröffentlicht, eroberte die Platte sofort die Spitze der Albumcharts, Morrissey und Nick Cave kamen zum Konzert und die Presse jubelte unaufhörlich. In Berlin traf ich den erfrischend bodenständigen Bassisten Charles Cave zum Interview und plauderte mit ihm über den unerwarteten Erfolg, Vergleiche mit Joy Division, sein Songwriting und die musikalische Entwicklung hin zum White Lies-Debüt.
Das heutige Konzert ist ausverkauft, wie auch eine Menge der kommenden Gigs. Euer Album stieg sofort auf Platz 1 der britischen Charts ein. Wie verkraftet man einen solch durchschlagenden Erfolg?
Charles: Ich glaube "durchschlagend" ist das richtige Wort, aber wir haben gar nicht wirklich die Zeit, viel darüber nachzudenken. Wir verbringen unsere Zeit lieber damit, darüber nachzudenken, wie wir eine großartige Show spielen, als darüber, wie cool es ist, dass dieses Mal viele Leute kommen. Wir wollen einfach allen dafür danken, dass sie ein Ticket oder die CD gekauft haben, indem wir die bestmögliche Show spielen. Es ist großartig, es ermutigt uns noch besser zu spielen. Wenn wir wissen, dass das Konzert ausverkauft ist, spielen wir eine bessere Show.
Und dann steht sogar ein gewisser Morrissey im Publikum vor einem.
Ja, er kam zu einer unserer ersten Shows.
Was denkt man in so einem Moment?
Na ja, wir haben es erst im Nachhinein erfahren. Ich hab' ihn nicht gesehen, also was soll's? Das spielt keine wirkliche Rolle. Ich meine, wenn ich er wäre, würde ich auch zu Shows, wie diesen gehen. Jemand mit so einer Musikkarriere – ich glaube es wäre einfach dumm, wenn er sich keine zeitgenössische Musik anhören würde, denn sonst würde er den Anschluss verlieren. Kunst entwickelt sich ja immer weiter und es kommt immer etwas Neues heraus. Und wenn er darüber nicht Bescheid weiß ...
Aber macht euch das nicht auch ein wenig stolz?
Ich schätze, es ist ein Kompliment, andererseits, wer weiß, ob er wirklich da sein wollte oder ihn nicht einfach jemand mitgenommen hat. Es ist cool. Nick Cave war auch da und er ist eine wirklich große Inspiration. Das ist eine größere Sache für uns. Aber vielleicht mochte er uns ja auch nicht. Wie auch immer!
Ich habe gelesen, dass du und Jack zusammen zur Schule gegangen seid. Wie habt ihr Harry kennengelernt?
Jack und Harry sind zusammen auf die Mittelschule gegangen. Ich habe Jack kennengelernt, als ich fünf war und er hat Harry getroffen, als er elf war und dann sind wir Freunde geworden und zusammen aufgewachsen.
Und wann habt ihr eure erste Band zusammen gegründet?
Ich glaube mit 14, 15. Es war keine richtige Band, wir begannen einfach zusammen zu spielen. Wir haben alle zur gleichen Zeit Instrumente bekommen und wollten lieber gemeinsam lernen, als allein. Wir spielen also schon eine lange Zeit zusammen.
Na ja, es ist der erste Song, den wir schrieben. Er markiert den geistigen Wandel, den Wandel der Einstellung in Bezug auf unser Musikmachen. Das war der erste Song, den wir schrieben und uns nicht darüber den Kopf zerbrachen, was irgendjemand denkt. Wir wollten uns selbst beeindrucken. Und es war auch der erste Song, bei dem ich mich wirklich über die Lyrics sorgte. Es ist einfach ein sehr wichtiger Song für White Lies, aber es ist auch das erste Stück, das wir schrieben. Die Dinge haben sich sichtlich entwickelt seitdem, aber dieser Song war einfach die Ermutigung, die wir brauchten. Und danach folgte "Death", ebenfalls ein wichtiges Lied.
Zusammen mit euren ersten Songs habt ihr auch ein paar Kurzfilme auf eurer Webseite veröffentlicht, die mit euren offiziellen Musikvideos in Verbindung stehen. Welche Idee steckt hinter diesen Kurzfilmen?
Na ja, wir sahen immer die starke Parallele zwischen unserer Musik und der visuellen Seite. Eine Menge Leute, die unsere frühen Shows sahen, bemerkten sogar wie eindrucksvoll diese visuell aussahen, obwohl wir lediglich – und das tun wir noch immer – leuchtendes, weißes Licht einsetzten und dazu Schwarz trugen. Wir waren uns schon früh über das Potential zwischen unseren Songs und der Visualisierung bewusst oder umgekehrt, wie diese zusammenarbeiten. Und als wir über die Möglichkeiten nachdachten, unser Album zu promoten und darüber, Leute vielleicht dazu zu bringen, Teile des Albums anzuhören, die sie normalerweise nicht hören würden, entschieden wir uns dazu, ein paar Kurzfilme zu machen. Und auch über die Musikvideos haben wir uns viele Gedanken gemacht und eine Menge Arbeit hereingesteckt. Und ich denke, sie sind wirklich kleine Kunststückchen. Sie sind wirklich interessant.
Eine Menge Bands finden Musikvideos wirklich langweilig, aber ich denke, das kommt daher, dass sie sich nicht so viele Gedanken darüber machen. Wenn die Idee zum Musikvideo am Ende des Tages die ist, einfach in einer Lagerhalle zu spielen – und das ist es dann, was man für 15 Stunden macht – dann ist das langweilig. Aber unsere Ideen, mit Wölfen zu spielen und sich zu einer Menge verschiedener Orte zu begeben – zuletzt fuhren wir nach Sibirien, ins arktische Russland... Und auch wenn das Video nicht so protzig wie die Videos anderer Bands aussieht, denke ich, dass wenn Leute es sehen, sie damit eine Verbindung haben und sagen: "Wow, diese Band ist tatsächlich dahin gefahren, die haben das tatsächlich gemacht." Und sie machen keine Stunts, sie standen tatsächlich neben einem wirklich großen Wolf und sind nach Sibirien ans Ende der Welt gefahren. Ich denke, es ist sehr real, da gibt es keine Effekte oder Bluescreen-Technik. Und das Video in Russland war wirklich heftig. Das war kein Urlaub!
Abgesehen von dem ersten Video zu "Unfinished Business" weisen eure letzten Videos auch eine sehr ähnliche Ästhetik auf.
Ja, wir hatten denselben Regisseur.
War es sein bzw. euer Ziel, die Clips so kohärent wie möglich wirken zu lassen?
Ich denke, die meisten, guten Regisseure haben einen signifikanten Stil. Andreas Nilsson hat zum Beispiel ein Video für Fever Ray, das Soloprojekt des Mädchens von The Knife (Karin Dreijer Andersson, Anm. d. Verf.) gedreht, und das hat einen ähnlichen Stil wie unsere Videos. Er ist ein brillanter Regisseur und wir wollten, dass die Videos definitiv mit einander in Verbindung stehen. Dasselbe haben wir auch beim Artwork gemacht, mit den Single-Covern. Es war unsere und seine Idee zur gleichen Zeit. Aber er ist federführend, wir hinterfragen ihn nicht so sehr.
Aber ihr könnt auch eure eignen Ideen einbringen?
Ja, das können wir definitiv, aber ich denke, wir mögen es, das nicht zu tun. Wir mögen die Überraschung und das Geheimnisvolle daran, mit jemandem zu arbeiten und ihm seine Kontrolle zu lassen.
Auf der anderen Seite hört sich auch euer Album sehr kohärent an. Wie würdest du es als Ganzes beschreiben?
Wir haben es in zwei Abschnitten geschrieben. Wir haben die ersten fünf Songs in etwa zweieinhalb, drei Monaten geschrieben und hatten dann eine kleine Pause, in der wir ein paar Shows spielten. Und dann haben wir den Rest in eineinhalb Monaten verfasst. Das Album wurde also in sehr, sehr kurzer Zeit geschrieben und deswegen klingt es meiner Meinung nach kohärent. Und ich würde das niemals ändern. Wir schreiben jetzt nicht, auf Tour, weil ich nicht denke, dass das funktionieren würde. Wenn wir das zweite Album schreiben, werden wir es auf dieselbe Art tun. Wir werden uns hinsetzen und uns die Zeit, ich weiß nicht wie lange es dauern wird, nehmen und wir werden jeden Tag arbeiten und das Album schreiben. Als Ganzes. Wenn du aufnimmst, dann entdeckst du bestimmte Dinge, die du auf dem Album wiederholen willst, ob es ein Gitarrensound, ein Keyboardsound ist, irgend so etwas. Du wiederholst Dinge, denn ich denke ein Album sollte ein sehr signifikantes Beispiel eines Moments in der Zeit sein. Eine Menge Bands verheddert sich damit, ein Jahr später darüber nachzugrübeln: "Oh, das hätten wir besser, anders machen können." Aber man muss auch respektieren, dass das ein Moment in der Zeit war und man muss es auch so behandeln. Das ist charmant und auch die Fehler und das Bedauern sind irgendwie charmant an sich. Aber wir haben auch nicht wirklich viele, wir mögen unser Album immer noch (lacht).
Ihr seid also zufrieden damit?
Ja, wir sind glücklich.
Manche beschreiben euer Album als schwermütig, stimmungsvoll und dramatisch. Stimmst du dieser Beschreibung zu?
Manches davon stimmt. Aber ich bin mir nicht sicher was "schwermütig" angeht. Es ist emotional und ziemlich dunkel und sehr intensiv. Da gibt es eine Menge erhebende Stücke. Wenn wir Live-Shows spielen, können wir das Publikum, können wir Hundert Gesichter sehen und da runzelt ganz bestimmt niemand die Stirn, jeder ist sehr erhoben und euphorisch dadurch. Und ich denke, dass es die Leute ermutigt. Ich denke nicht, dass es überhaupt deprimierend ist. Für mich ist es das nicht.
Es gibt ja auch eine Menge kraftvoller Melodien. Vielleicht rührt dieser Eindruck ja auch einfach von den Lyrics oder Songtiteln wie "Death" oder "To Lose My Life" her.
Ja, mit Sicherheit. Da stimme ich zu und auch wenn man die Lyrics nur lesen würde, dann würde man vielleicht auch zu diesem Schluss kommen. Als wir den Song "Death" geschrieben haben, stellte ich die Lyrics und wir den Song fertig und dann sagte ich zu den Jungs: "Ich werde ihn 'Death' nennen." Und sie sagten erst: "Mmh, wir sind da nicht so sicher." Und dann sagte ich: "Na ja, darum geht es in dem Song, warum Drumherum reden? Lasst es uns einfach 'Death' nennen." Und sehr schnell dachten sie sich auch: "Ja, das macht Sinn. Das ist ein großartiger Titel." Es ist sehr gewagt und sehr dramatisch einen Song "Death" zu nennen, aber davon handelt das Lied.
Es ist ein Kompliment, denn diese Bands hatten einen großen Einfluss auf die Musik. Es ist wirklich schmeichelhaft, mit ihnen in eine Liga gesteckt zu werden, aber ich finde es auch ein bisschen albern, da wir ja noch nichts groß gemacht haben. Ich meine, wir haben bis jetzt ein Album veröffentlicht. Nach fünf Alben können die Leute vielleicht beurteilen, ob wir wirklich einen signifikanten Einfluss auf irgendetwas, auf die Leute, auf das Musikbusiness hatten. Ich glaube, die meisten Vergleiche rühren daher, dass Harry in einer Bariton-Stimme, in einer tiefen Stimme, singt. Nicht viele Leute tun das. Man könnte uns genauso gut mit The Doors anstatt Joy Division vergleichen. Ich weiß nicht, die Leute vergleichen einfach.
Ihr seid auf Platz 2 der BBC "Sound of 2009"-Liste gewählt wurden. Denkst du, dass dies einen großen Einfluss auf eure Karriere hatte?
Ich bin ein bisschen ignorant, was diese Art von Dingen angeht. Ich weiß nicht wie viel Unterschied es macht? Ich persönlich fühle, dass es keinen Unterschied macht. Aber das mag ein bisschen naiv seien, vielleicht macht es doch einen Unterschied. Wir interessieren uns nicht wirklich für diese Dinge. Nachrichten von richtigen Menschen auf MySpace zu bekommen, ist uns viel wichtiger. Tatsächlich eine Nachricht von realen Personen zu bekommen, die sagen: "Hi, ich mag eure Musik wirklich sehr. Sie ist wirklich wichtig für mich", dass ist eine viel größere Sache, als ein Typ, der einfach entscheidet, dies ist die Band, die jeder mögen wird.
Auf eurer nächsten Single "Farewell To The Fairground" ist ein Kanye West-Cover enthalten. Wer hatte die Idee "Love Lockdown" zu covern?
Wir haben uns nicht ausgesucht, das zu tun. Es gibt ein Radioprogramm im UK, in dem man seine aktuelle Single live und dann noch ein Cover performen muss, aber das Cover muss ein Top 10-Stück sein, ein Art Pop-Song, den jeder kennt und man muss aus der aktuellen Wochenliste auswählen. Und wir haben darauf geguckt und da standen Take That, Lilly Allen, Girls Aloud und wir dachten: "Da gibt es nichts, was wir nehmen können." Und dann sahen wir den Kanye West-Song und dachten: "Na ja, wenigstens ist er anders." Und es war ein mutiger Schritt für ihn, diesen Song zu machen. Also dachten wir uns: "Ach, lasst es uns versuchen." Ich denke nicht, dass das Cover großartig ist, es ist okay. Es ist positiv aufgenommen wurden. Den Leute scheint es zu gefallen. Wir sind nicht wirklich eine Cover-Band. Ich mag es nicht, das zu tun. Aber die Leute wollten es, also bekamen sie es auch.
Auf eurer Webseite gibt es ja auch einen Crystal Castles-Remix des Songs "Death" zu hören. Wie kam es denn dazu?
Wir sind mit ihnen getourt und wir sind wirklich gute Freunde. Sie sind wirklich liebenswerte Menschen, sehr talentierte Musiker zudem. Sie haben sich einfach in den Song verliebt und boten an, ihn zu remixen. Und natürlich haben wir ja gesagt. Wir hatten eine Menge Remixe und das ist definitiv einer unserer Top 3. Sie haben einfach etwas sehr persönliches damit gemacht. Eine Menge Remixe kommt zurück und hört sich irgendwie gleich an, aber ein Remix sollte lieber, wirklich dramatisch oder von der Person definiert sein. Es macht keinen Sinn, einfach nur eine Dance-Version daraus zu machen. Aber bei Crystal Castles ist er sehr aggressiv und direkt. Ob man ihn mag oder nicht, ich respektiere es einfach, dass sie ihn gemacht haben. Das ist cool!
Ihr wart auf Tour mit Glasvegas, habt Konzerte mit Franz Ferdinand und The Cure gespielt. Gibt es eine Band mit der ihr gern auch auf Tour gehen würdet und warum?
(Überlegt) Ich würde wirklich gern mit Arcade Fire spielen. Wir sind große Fans von ihnen. Es ist eine schwere Entscheidung, denn es gibt eine Menge Bands die wir gern haben, die aber nicht unbedingt die nettesten Leute zum Touren wären. Ich glaube, Arcade Fire wären nett. Ich weiß nicht. Vielleicht mögen sie unsere Musik ja auch gar nicht, aber sie sind eine großartige Live-Band und es ist immer gut, mit einer großartigen Live-Band zu touren.
| Fr | 24.08.2012 | White Lies CH-Zürich Open Air (Zürich) |
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Neues Album 2011 AnneGrett |
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15.01.11, 17:31 der_zerrockte_clown |
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